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Ewald Lienen : „Schafft die Nationalteams ab!“

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Geister, die 1860 rief: Die Löwen beschäftigen jetzt zwar Nationalspieler wie Tunesiens Abwehrkünstler Felhi, doch Lienen ärgert sich, wenn er sie abstellen muss. © sampics

München – 1860-Coach Lienen gibt den Provokateur: Die Flut internationaler Spiele verwässert den Fußball .

Am Ende floss sogar Blut. Ewald Lienen war die Unterlippe aufgeplatzt, so leidenschaftlich hatte sich der Löwen-Trainer in das Thema des Tages hineingebissen. Das Problem, das ihn so bewegte, ist ein Klassiker im deutschen Fußball: der Interessenskonflikt zwischen Nationalmannschaften und Vereinen – zwischen Verbänden, die sich kostenlos bedienen, und Arbeitgebern, die um Form und Fitness ihrer Spitzenspieler bangen.

So wertvoll sind die Löwen-Spieler

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Auslöser für das mehr als einstündige Gepoltere des früheren DFB -Boykotteurs waren die internationalen Länderspieltermine, die neuerdings auch seine Löwen betreffen. Bei den gestrigen Trainingseinheiten hatte Lienen gleich auf vier Stammkräfte verzichten müssen: Torhüter Gabor Kiraly weilte in Budapest , wo er beim Testkick gegen Rumänien in den Kreis der ungarischen Nationalelf zurückkehrte. Abwehrchef Radhouène Felhi bestritt sein 20. Länderspiel für Tunesien (gegen die Elfenbeinküste). Mate Ghiviniandize war mit der georgischen Auswahl nach Malta gereist. Und der Aufreger schlechthin für Lienen: Antonio Rukavina bestritt mit Serbien ein Testspiel in Südafrika (!), zehn Flugstunden entfernt. Der Löwen-Coach gallig-ironisch: „Das ist ein ganz wichtiger Termin für Serbien. Da können sie schon mal im Hinblick auf die WM schauen, wo man am geschicktesten Geld wechselt.“ Da 1860 bereits am Samstag in Rostock spielt, ist Lienen gespannt, wie sich das logistische Problem lösen lässt, den Rechtsverteidiger rechtzeitig einzusammeln: „Zu der Uhrzeit, wo er am Freitag in München landet, sitzen wir bereits im Flieger nach Rostock.“

Provokativ sagte Lienen zu Beginn seiner Ausführungen: „Am besten, wir schaffen die Nationalmannschaften gleich ganz ab!“ Doch ganz so radikal will er dann doch nicht rüberkommen, letztlich geht es ihm ja vor allem darum, dass im Profitstreben der Verbände Grenzen überschritten werden: „Der Hype um die Nationalteams nimmt ein Ausmaß an, das nicht mehr gesund ist“, wetterte Lienen und führte aus: „Alle drei Minuten gibt es einen neuen Wettbewerb.“ Confed-Cup, Afrika-Pokal, Asien-Reise – „Das ist doch lächerlich!“ Die Brandenburgischen Konzerte würden schließlich auch nicht besser, wenn sie in der Endlosschleife gespielt werden. Lienen: „Die FIFA schiebt Milliarden ein, und als Verein kannst du nur zittern, dass die Spieler unverletzt wiederkommen.“

Lienen fordert, diesmal ganz im Ernst (und im Sinne früherer Vorredner wie Franz Beckenbauer): Reformiert die Qualifikationsmodi für große Turniere! „Wem nutzt ein Spiel in Aserbaidschan ? Die sollen sich doch erst mal gegen Kirgisien und Kasachstan vorqualifizieren, wie das auch im Europapokal der Fall ist.“ Schließlich sei keinem damit gedient, wenn die wichtigsten Profis zwischen zwei Ligaspielen mal eben in der Weltgeschichte hin- und herfliegen – oder auf den Färöer-Inseln antreten müssen. Lienen schaudert es schon bei der Vorstellung: „Der Wind pfeift dir eiskalt ins Gesicht, die Schafe schauen dich blöde an – und der Franz und der Netzer warten nur darauf, dass du dich blamierst.“

Lienen beklagt eine „Verwässerung des Produkts“. Das Niveau leide, die Spieler würden „über ein erträgliches Maß belastet“ – und die Vereine müssen es ausbaden. Vom Fußball-Feinschmecker, der ausgeruhte Topspieler im packenden Wettstreit goutieren will, ganz zu schweigen. Es sei vorgekommen, berichtet Lienen, dass er sich nach dem Training müde aufs Sofa gesetzt hat, um beim Durchzappen festzustellen: „Ach, da spielt ja der FC Bayern gegen Real Madrid. Früher waren das Highlights, wo alle ausgeflippt sind. Heute findet so ein Spiel alle zwei Wochen statt.“ Selbstverständlich hat Lienen auch gestern nicht eingeschaltet, als sich die DFB -Elf im fernen Baku um Qualifikationspunkte bemühte. Sein Alternativplan sah vor: „Am Trainingsplatz stehen, Einzelgespräche führen, telefonieren. Ich vernachlässige doch nicht meinen Job, um Deutschland gegen Aserbaidschan zu sehen!“

Ist Lienen kein bisschen stolz, so viele Nationalspieler zu haben? Freut er sich nicht, dass ein Kiraly durch gute Leistungen im Verein plötzlich wieder ein Thema für Ungarn ist? „Wir können uns nichts dafür kaufen“, sagt er, „aber wir sind froh, dass wir ihn haben.“ Nachsatz: „Auch wenn’s mich ärgert.“ Lienens Vorschlag in Richtung FIFA : „Sollen doch die Verbände während der Abstellungsfrist die Gehälter übernehmen. Aufs Jahr gesehen würde uns das viel Geld sparen, für das wir uns prima Ersatzleute kaufen könnten.“ Vermutlich keine Nationalspieler.

von Uli Kellner

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