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Stoffers im Interview: "Wie im Kirchenchor Sankt Maria"

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Manfred Stoffers
Er glaubt an die Marke 1860: Ex-Festina-Chef Stoffers. © dpa

Bis Juli 2008 war er Deutschland-Chef von Festina, dem früheren Hauptsponsor der Löwen (2005/06), doch was hat Manfred Stoffers im letzten halben Jahr gemacht? "Nichts", sagte der 55-Jährige bei seiner überraschenden Ernennung zum 1860-Geschäftsführer, "und ich wollte das gerne auch noch länger tun".

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Stoffers - der neue Geschäftsführer

Doch dann hätten ihn die Löwen "mit dem Lasso eingefangen". Jetzt ist der Mann mit den markigen Sprüchen der neue Frontmann des Zweitligisten. Er soll die Kommunikationskultur verbessern, Sponsoren an Land ziehen und als kreativer Querdenker mithelfen, das ramponiere Image des Klubs zu verbessern. Wie er das zu machen gedenkt, verrät er in unserem Interview.

-Herr Stoffers, Sie hatten keine 24 Stunden, um sich für das Angebot der Löwen zu entscheiden .  . .

(lacht) Es waren 5 Minuten.

-Es war auf jeden Fall ein spontaner Entschluss. Wäre Ihre Entscheidung bei etwas mehr Bedenkzeit anders ausgefallen?

Ach, wissen Sie: Wenn der Wald brennt, dann kann man nicht überlegen: Hole ich erst Wasser aus einer Heilquelle, oder lege ich sofort los? Mir war klar: Hier muss man jetzt sofort was tun - Aus, Amen.

- Und dafür geben Sie bereitwillig den Luxus des Nichtstuns auf?

Nicht bereitwillig, eher der Not gehorchend. Aber ich mag solche Aufgaben. Ich war immer in Unternehmen tätig, wo akute Krisen aufgetreten sind. Übellaunige Menschen bezeichnen mich als Adrenalinjunkie, aber so empfinde ich mich dann doch nicht.

-Bei Festina verursachten gedopte Radprofis ein Imageproblem, bei 1860 liegt ein Image-Totalschaden vor. Welche Krise ist leichter zu moderieren?

Das momentane Image ist ja kein böser Wille der Betrachter, es hat eine Begründung. Wenn man analysiert, woran das liegt, und das kommuniziert, ist das der erste Schritt in die richtige Richtung.

-Ist es nicht ganz einfach so, dass bei 1860 zu viele Menschen mitreden wollen und sich so zwangsläufig Gräben auftun?

Das ist wie im Kirchenchor Sankt Maria. Wenn sich jeder Sänger für einen genialen Sopran hält, kommt am Ende nichts Vernünftiges bei raus. Man muss zusammen reden und üben, dann wird jeder die richtige Tonlage finden. Ich nenne das: Harmonisierung.

-Kein Geld, überforderte Funktionäre, launische Mannschaft. Was lässt sich mit 1860 erreichen?

Ich sehe die Löwen derzeit als einen etwas zu schlaffen David. Goliath will man ja gar nicht sein, als Riese ist man träge und unflexibel. Ich bin der Meinung, dass man als David Auseinandersetzungen durch Reaktionsschnelligkeit entscheiden kann, wobei ich jetzt aber nicht auf den Erz- und Lokalrivalen anspiele.

-Zunächst mal müssen Sie den David 1860 bei der DFL vertreten. Wie wollen Sie den Investorenvertrag retten?

Wie heißt’s bei Professor Bömmel: Jetzt stelle mer uns mal janz dumm. Da gibt es die Löwen, die brauchen dringend Geld. Und da gibt es einen Kapitalgeber, der hat Geld. Vom Grundsatz her läuft das wie bei der Kreissparkasse Dumpfing - mit dem Unterschied, dass es hier noch eine Aufsichtsbehörde gibt. Das ist in diesem Fall die DFL, und die bestimmt die Spielregeln. Allerdings: Bei allen Spielregeln gibt es Auslegungen, und die wird man eben diskutieren müssen. Um da perfekt vorbereitet zu sein, werden wir den Termin auf nächste Woche verschieben.

-Wie stufen Sie die Chancen ein?

Warten wir’s mal ab! Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in diesem Dreiecksverhältnis zu einem für alle Seiten tolerablen Ergebnis kommen. Um noch mal das Bild von der Frühgeburt aufzugreifen: Das Kind liegt im Brutkasten, deswegen kann es aber immer noch ein Prachtkind werden.

-Auch intern dürfte es einiges zu diskutieren geben. Präsidium und Geschäftsführung scheinen seit dem Rückzug des Investorendeals nicht mehr auf einer Linie zu liegen.

Der Verein hat sich in den letzten Wochen nur um sich selbst gedreht, und jeder weiß, was dann passiert: Entweder man ist ein Derwisch und gelangt so in höhere Bewusstseinszustände - oder es entwickelt sich ein Strudel, und der zieht einen runter. Mein Job ist es, diesen Strudel zu bremsen und den Wasserfluss wieder in gerade Bahnen zu lenken. Nach den jüngsten Turbulenzen spüre ich aber bei allen das Bedürfnis, wieder ein gemeinsames Ziel ins Visier zu nehmen.

-Können Trainer Marco Kurz und Sportchef Miroslav Stevic, zwei auf den ersten Blick gegensätzliche Charaktere, ein erfolgreiches Gespann werden?

Ich glaube: Hier ein sachlich-unterkühlter Stratege, dort ein kräftiger, extrovertierter Anpacker - das ist doch eine tolle Kombination.

-Letzte Baustelle: die blanke 1860-Brust. Können Sie mithelfen, einen neuen Trikotsponsor zu finden?

Bin ich schon dabei. Viele Firmen verstecken sich momentan hinter dem Schutzschild Wirtschaftskrise, aber ich habe einen Vorteil: Ich kann sehr gut beurteilen, was die Brust der Löwen wert ist - ich hab sie nämlich mal gehabt. Da bin ich ein Marketingzwitter: Ich muss etwas verkaufen, kenne aber bereits den Nutzen als Käufer. Und ohne angeben zu wollen: Als ich bei Festina angefangen habe, war die Firma hierzulande vollkommen unbekannt - jetzt gehört Festina zu den zehn erfolgreichsten Marken in Deutschland.

-Gibt es künftig also nur noch gute Nachrichten von den Löwen?

Um Himmels Willen - das wäre ja stinklangweilig. Wir streben keinen Gameboy-Fußball an, sondern lassen zu, was den Löwen ausmacht: Dass es auch mal menschelt. Wenn aber jeder seinem Leistungspotenzial freien Raum lässt und sich nicht selber ausbremst, dann sind wir schon 10 Kilometer weiter.

Uli Kellner

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