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Tauziehen um die Talentschmiede

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Tauziehen um das 1860-Sportinternat: Löwenpräsident Dieter Schneider und Investor Hasan Ismaik. © dpa

München - Ausgerechnet das preisgekrönte Jugendinternat des TSV 1860 sorgt für erbitterten Ärger zwischen dem Verein und der Investorenseite: Das Finanzamt wittert eine verdeckte Gewinnausschüttung - und Ismaik und Iraki stellen Forderungen.

Am Samstag hat sich wieder einmal gezeigt, wer den Betrieb beim TSV 1860 am Laufen hält. Nicht die Funktionäre auf der Tribüne, die gerne so tun. Sondern die sogenannten Eigengewächse auf dem Platz, die sich entschlossen gegen den Niedergang stemmen.

Kevin Volland erzielte im Vollsprint das vorentscheidende 2:0 gegen Frankfurt. Dominik Stahl stürzte sich im Mittelfeld in jeden sich bietenden Zweikampf. Hinten stand Christopher Schindler und grätschte, was das Zeug hielt. Unterstützt wurde er dabei von Necat Aygün, dem unverzichtbaren Abwehrturm. Was das Quartett neben großer Leidenschaft verbindet: Alle vier haben die Nachswuchsabteilung durchlaufen, um die die Löwen ligaweit beneidet werden.

Jetzt ist ein erbitterter Streit um das preisgekrönte Jugendinternat entbrannt. Wie so oft bei diesem niemals ruhenden Verein geht es um Macht und Moneten, Druck und Gegendruck. Gekämpft wird mit harten Bandagen, denn das Finanzamt will in Zahlungen des Muttervereins an die KGaA eine verdeckte Gewinnausschüttung erkannt haben, die auf den Bau des Jugendinternats zurückgeht; damals wurde Geld verwendet, das aus dem Verkauf der Turnhalle an der Auenstraße stammt. Im schlimmsten Fall droht dem Verein die Aberkennung der Gemeinnützigkeit. Im allerschlimmsten Fall, so berichtet die Süddeutsche Zeitung, droht die Insolvenz des e.V. (nicht der KGaA wohlgemerkt, denn durch den befristeten Einsatz eines Insolvenzverwalters würde 1860 nicht aus dem Vereinsregister entfernt).

Dieser schlechteste Fall wiederum könnte das Präsidium um Dieter Schneider in Nöte bringen – und würde den arabischen Investoren in die Karten spielen, denen der unbeugsame Oberlöwe seit längerem ein Dorn im Auge ist. Dass der Verstoß auf die Jahre 2004 bis 2008 zurückgeht, als das aktuelle Präsidium noch gar nicht im Amt war, spielt für Hasan Ismaik und seinen strategischen Berater Hamada Iraki keine Rolle. Sie werfen Schneider und seinen Vizepräsidenten Franz Maget und Wolfgang Hauner vor, das Problem, das schon länger bekannt ist, verschleppt zu haben.

Nach einem kurzen Gipfeltreffen am Samstag berichtete Schneider von einer „sehr vernünftigen“ Gesprächsatmosphäre. Die Wahrheit ist jedoch: Die Fronten in dieser Angelegenheit sind verhärteter denn je. Das Präsidium tendiert dazu, das Problem zu lösen, indem man das Jugendinternat in den e.V. zurückführt. Das jedoch lehnt die Investorenseite ab, die einen Wertverlust ihrer KGaA-Anteile befürchtet. Zwischen den Stühlen sitzt Geschäftsführer Robert Schäfer, der es mal wieder keinem recht machen kann. Per Weisung könnte ihn das Präsidium zwingen, den Rückführungsvertrag zu unterschreiben. In diesem Fall jedoch würde er es sich mit Iraki und Ismaik verscherzen, die sich bislang gegen seine vom Präsidium geforderte Ablösung sperren.

Ein Gesprächstermin beim Finanzamt sollte gestern neue Erkenntnisse bringen. Vertreten wurden die Löwen durch Franz Maget, der mit der Klärung dieser komplexen Angelegenheit betraut wurde. Ihm zur Seite stand pikanterweise Geschäftsführer Schäfer, der seit letzter Woche schwarz auf weiß hat, dass das Präsidium nicht mehr an eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit ihm glaubt.

Bislang soll sich Schäfer beharrlich weigern, seine Unterschrift unter den Rückführungsvertrag zu setzen. Mit gewohnter Härte geht derweil die Investorenseite zu Werke: In einem internen Schreiben ließen die Miteigner Ende letzter Woche durchblicken, dass sie ihr Okay zur Rückführung geben würden, aber nur im Paket mit anderen, höchst brisanten Forderungen. Demnach koppeln Iraki und Ismaik ihre Zustimmung an die Streichung der Weisungsbefugnis – derzeit das letzte Machtinstrument, mit dem das Präsidium Einfluss auf Geschäftsführer Schäfer nehmen kann. Zudem an die Durchsetzung des von ihnen vorgeschlagenen Darlehensmodells zur Finanzierung von Spielern (wir berichteten). Und an die Abtretung der Fanartikel-GmbH.

Das Präsidium spricht von „Erpressung“

Im Präsidium wertet man die Forderungen der Araber als „Erpressung“. Notfalls, so ist zu hören, wolle man „das Ganze auch gegen den Willen des Investors durchsetzen“. Dann jedoch wäre das Verhältnis zwischen dem rechtmäßigen Mehrheitseigentümer und dem gefühlten Mehrheitseigentümer (so sehen sich die Investoren, weil sie neben 49 Prozent der Anteile elf Prozent stimmlose Aktien halten) endgültig vergiftet. Eine andere Frage ist, wie die DFL wohl reagieren würde, ließe sich das Präsidium sein Weisungsrecht „abkaufen“.

Es steht zu befürchten, dass das Thema die Löwen noch länger in Atem halten wird. Schade für Reiner Maurer und seine Tabellenführerbesieger, die die Schlagzeilen mal wieder den Funktionären überlassen müssen.

Uli Kellner

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