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Daniel Bierofka im Merkur-Interview

„Die Tabelle lügt nicht“

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München - Vorzeigelöwe Daniel Bierofka spricht im Merkur-Interview über das ewige Mittelmaß, gelebte Leidenschaft und den dritten Bender-Zwilling.

Traumhaftes Frühlingswetter, Friedhelm Funkel hat den 1860-Profis frei gegeben, und was macht Daniel Bierofka? „Ich komm’ gerade aus dem Westbad“, sagt er ins Telefon. „Ich war ein bisschen schwimmen, bisschen im Solebecken – das mache ich immer, wenn’s irgendwo zwickt.“ Gestern, zwei Tage nach seinem Pflichtspiel-Comeback, waren es die Adduktoren, die den 35 Jahre alten Urlöwen geplagt hatten. Aber: „Geht schon wieder. Am Dienstag kann ich auf jeden Fall wieder mittrainieren.“ So ist er, der „Biero“. Immer leistungsbereit, immer willig. Die Fans lieben den Musterprofi für seinen Biss, und auch die Trainer kommen immer wieder auf den Stehauflöwen mit der Nummer „7“ zurück. Stellt sich die Frage: Warum überträgt sich diese Leidenschaft nicht auf seine Mitspieler? Darüber und über die aktuell mal wieder trostlose Lage beim TSV 1860 sprachen wir mit dem Langzeitlöwen (seit 2000 mit fünfjähriger Erstliga-Auszeit im Verein).

Herr Bierofka, herzlichen Glückwunsch noch mal zum „Dosenöffner“, wie Moritz Stoppelkamp Ihr Tor zum 1:2 gegen den SC Paderborn bezeichnet hatte. War Ihr 39. Treffer als Profi zugleich Ihr emotionalster?

Puh. Es sind auf jeden Fall eine Menge Emotionen rausgekommen. Es war ja schon eine schwere Situation in den letzten Monaten, und dann gleich im ersten Spiel zu treffen und mitzuhelfen einen 0:2-Rückstand aufzuholen, das ist schon was Besonderes. Außerdem war es mein erstes Tor als 35-Jähriger (lacht).

Gewidmet haben Sie das Tor Ihrem Vater Willi, der in der Reha-Phase auch Ihr Privattrainer war. Wie groß ist sein Anteil, dass Sie nach der komplizierten Sehnenoperation noch mal zurückgekommen sind?

Er war auf jeden Fall der Erste, der gesagt hat: „So beenden wir das Ganze nicht!“ Zwischendurch, als die Schmerzen groß waren, hatte sich immer mal wieder die Frage gestellt, ob das alles noch Sinn macht. Da war er dann derjenige, der mir Mut zugesprochen hat. Und: Er war auch derjenige, der mir von Zeit zu Zeit den berühmten Tritt in den Hintern gegeben hat. In solchen Phasen kann ich mich immer auf ihn verlassen, denn nur mit Streicheleinheiten geht’s ja nicht.

Wie kann es sein, dass ein Mittdreißiger mit langer Verletzungsgeschichte mal wieder alle mitreißen muss? Fehlt der aktuellen Generation der Biss, die Leidenschaft?

Das will ich gar nicht sagen. Ich denke schon, dass alle Leidenschaft haben, aber gegen Paderborn hat man am Anfang gemerkt, dass alle sehr verunsichert waren – und die Aktion der Fans mit dem Stimmungsboykott war auch nicht gerade förderlich.

Trotz des spät erkämpften 2:2 ist die Stimmung im Löwen-Lager mal wieder im Keller. Auch im zehnten Jahr wird es wohl nicht mit dem Aufstieg klappen. Woran liegt’s aus Ihrer Sicht?

Ich glaube, wir sollten mal aufhören mit dieser Zählerei. Es bringt keinem was, wenn immer gerechnet wird, im wievielten Jahr wir schon in der 2. Liga sind. Wenn der Verein zur Ruhe kommt und Hasan Ismaik (der Investor/Red.) weiter mitzieht, dann geht das ganz automatisch in die gewünschte Richtung. Mit Hauruck hat so was noch nie funktioniert. Wir sollten in die Zukunft schauen, nicht in die Vergangenheit. Momentan ist es einfach Fakt, dass wir in der 2. Bundesliga spielen, und wenn wir weiter kontinuierlich und hart arbeiten, dann wird’s schon irgendwann wieder so weit sein.

Die Erfahrung lehrt aber, dass es schwierig ist, in der 2. Liga etwas behutsam aufzubauen. Spieler, die herausstechen, werden schneller weggekauft als sie helfen können, langfristige Ziele anzupeilen.

Ein gewisses Konzept gehört für mich aber dazu. Andere Vereine haben ja vorgemacht, dass es auch mit einem längeren Atem möglich ist, und darauf hoffe ich jetzt. Außerdem: Es sind ja noch zwölf Spiele. Zu Platz drei fehlen gerade mal sechs Punkte. Also ganz abhaken sollte man diese Saison noch nicht.

Könnte es auch einfach sein, dass dem Team die Qualität fehlt?

Was soll ich dazu sagen? Wir haben in der Rückrunde drei Punkte geholt – da hast du als Spieler wenig Argumente. Es gibt ja den alten Fußballerspruch: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Quatschen bringt da gar nicht, wir können nur versuchen, es in den nächsten Spielen besser zu machen. Die Tabelle lügt nicht, wir sind Neunter – das ist momentan die Realität.

Friedhelm Funkel wurde zwischenzeitlich sehr gelobt. Mittlerweile jedoch hält man ihm seinen Punkteschnitt vor: 1,3 pro Spiel – weniger als Vorgänger Alexander Schmidt. Woran liegt es, dass offenbar kein Trainer die Löwen in den Griff bekommt?

Der Trainer kam in einer ganz schwierigen Situation, und wenn du in München ein paar Spiele nicht gewinnst, dann ist es normal, dass Kritik aufkommt. Aber wenn einer damit umgehen kann, dann unser Trainer. Ich denke, dass die Mannschaft gut mit ihm zusammenarbeitet, auch mit dem Team drumherum – alles andere entscheiden die Personen an der Vereinsspitze.

Die Liga ist in diesem Jahr so ausgeglichen wie nie. Vorige Saison hatte der Tabellenzweite nach 22 Spieltagen 49 Punkte – heuer sind es über zehn Punkte weniger. Ist es da nicht doppelt ärgerlich, wenn man als Mannschaft nicht in die Spur kommt?

Klar. Aber was soll da erst Kaiserslautern sagen? Die beißen sich wahrscheinlich auch jeden Tag in den Hintern, dass sie in Aue verloren haben – und daheim gegen Aalen. Die zweite Liga ist einfach ein ganz hartes Brot. Das Niveau ist unheimlich ausgeglichen, sogar hinten in der Tabelle. Auch Dresden hat aus meiner Sicht eine ganz ordentliche Mannschaft. Hätten die am Wochenende nicht gegen St. Pauli verloren, wären wir auf einmal nur noch fünf Punkte von Relegationsplatz 16 entfernt gewesen.

Krawalle in Ingolstadt, Stimmungsboykott gegen Paderborn. Gibt es denn irgendetwas, das Sie den Fans verbal Gutes tun können? Fällt Ihnen ein kleiner Mutmacher ein?

Ich denke, wenn man die Löwen-Historie sieht, dann gab es immer mal schwere Zeiten. Und trotzdem hat sich der Verein immer irgendwie rausgekämpft. Deswegen heißt es ja auch: Einmal Löwe, immer Löwe. Wir müssen jetzt einfach zusammenstehen. Die Leute müssen sehen, dass wir uns auf dem Platz zerreißen – und dann wird das auch wieder. Wenn wir so spielen wie in der zweiten Halbzeit gegen Paderborn, dann wird man uns auch Fehler verzeihen.

Ist der junge Julian Weigl einer, der in die Rolle des Hoffnungsträgers hineinwachsen könnte?

Ich kenne ihn noch nicht so lange, aber er kommt ja aus der Gegend, wo die Benders herkommen – und auch vom Spielstil ist eine sehr große Ähnlichkeit da. Für seine 18 Jahre hat er ein sehr gutes Spielverständnis, eine unheimlich gute Ausdauer, einen klaren Kopf – ich denke, da hat 1860 mal wieder ein herausragendes Talent.

Und wie geht es mit Ihnen persönlich weiter? Im Januar klangen Sie so, als wäre das Karriereende kein Thema. Gab’s inzwischen Gespräche über eine Vertragsverlängerung?

Nee, null. Bis jetzt noch gar nichts. Für mein Selbstvertrauen war’s gut, dass ich mal wieder eine Dreiviertelstunde spielen konnte. Auch das Tor hat mir gut getan. Ich will das alles jetzt erstmal aufsaugen, und wenn der Verein will, können wir gerne reden. Wenn nicht, dann suche ich mir halt was anderes.

Das Gespräch führte Uli Kellner.

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