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Auch im neuen Jahr wird es bei Sechzig wieder postfaktisch

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Von: Ludwig Krammer

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München - Das vergangene Jahr wurde besonders in seinen letzten Zügen beim TSV 1860 München noch einmal wild. Die Prognose für 2017 fällt kaum besser aus. Eine Kolumne.

Im Jahr 2004 stieg der TSV 1860 München nicht nur zum vierten Mal aus der Ersten Bundesliga ab, es erschien in den Vereinigten Staaten auch das Buch The Post-Truth Era (Das Zeitalter nach der Wahrheit) von Ralph Keyes. Ein Zusammenhang dieser Ereignisse kann nach heutigem Stand der Forschung ausgeschlossen werden. Dennoch ist die zeitliche Parallele nicht ohne Witz, waren es doch die Sechziger, die den Begriff des Postfaktischen bereits seit mehr als einem Jahrzehnt lebten, ehe sich die Gesellschaft der deutschen Sprache kürzlich dazu durchrang, das blaue Credo zum Wort des Jahres 2016 zu küren.

Postfaktisch. Gemeint ist damit eine von Tatsachen befreite, rein auf das Gefühl zielende Rhetorik – Bauch statt Hirn. Oder wie es bei Wikipedia heißt: „Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück.“

Eindrucksvoll beobachten ließ sich dies zuletzt im Hacker-Pschorr-Bräuhaus auf der Münchner Theresienhöhe, wo der TSV 1860 seiner Klientel bei freiem Bier und Essen den neuen Cheftrainer Vitór Pereira vorstellte. Der 48-jährige Portugiese, instinktsicher und vom Charme des Mysteriösen ummantelt, gab gekonnt den Erlöser, indem er dem Volk von der Empore herab die segensreichen Worte zurief: „And we go! To the top!” Schulter an Schulter zurück ins gelobte Bundesliga-Land, das ein Teil der Löwen-Gemeinde ohnehin noch immer als ihre angestammte Heimat betrachtet, während die ABC-Schützen des Jahres 2004 inzwischen den Führerschein gemacht haben.

Die sportliche Realität bei den Löwen: Tristesse

Von Tatsachen befreit, offen für jegliche Hoffnung. Ginge es um Wichtigeres als Berufsfußball, wären an dieser Stelle durchaus Sorgenfalten angebracht. So aber lassen sie die Löwen-Ereignisse dieser wilden November- und Dezemberwochen mit etwas Humor auch als verheißungsvoller Beginn eines weiteren Aktes im 1860-Festspielhaus einordnen. 

Die sportliche Realität könnte mit dem dritten Kellerwinter in Folge trister kaum sein, also lieber an fünfzig (oder gleich hundert) Millionen Euro teure Verheißungen glauben, als gar keine Freude mehr am Fansein empfinden. Der Ismaik Hasan und seine Genussscheine werden’s schon richten. Und sollte sich der Aufstieg 2018 überraschenderweise auch mit Berater Kia Joorabchian und Trainer Vitór Pereira nicht einstellen? Ja mei, dann kommt halt der nächste Heilsbringer mit noch größerem Geschütz. Am Freibier wird’s nicht scheitern. Höchstens am Zielwasser.

Der TSV 1860 bereitet sich im Trainingslager in Troia (Portugal) vom 4. bis 20. Januar auf die Rückrunde vor. Wir berichten im Ticker rund um die Löwen.

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