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Michael Köllners Treueschwur: „Ich habe nicht vor, von Bord zu gehen“

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Von: Uli Kellner, Ludwig Krammer

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Schwierige Phase: Michael Köllner, der lange Zeit erfolgsverwöhnte Cheftrainer des TSV 1860.
Schwierige Phase: Michael Köllner, der lange Zeit erfolgsverwöhnte Cheftrainer des TSV 1860. © Ulrich Wagner via www.imago-images.de

Nach der Niederlage gegen Osnabrück herrscht beim TSV 1860 Ernüchterung. Im Interview erklärt Trainer Michael Köllner, wie die Löwen die Kurve bekommen wollen.

München – Zwei Jahre ist Michael Köllner nun Trainer des TSV 1860. Nach zwei knapp verpassten Aufstiegen hinken die Löwen dem erklärten Saisonziel aktuell weit hinterher. Wie es so weit kommen konnte, wie Sechzig die Kurve bekommen will und warum Trainingszoff nicht zwingend negativ sein muss – eine Auswahl der Themen, über die Köllner, 51, im ausführlichen Interview mit unserer Zeitung sprach.

Herr Köllner, das Jubiläum haben Sie sich bestimmt angenehmer vorgestellt.

Warum?

In Osnabrück gab’s vor der Länderspielpause eine 1:3-Niederlage, Tabellentalfahrt inklusive. Inzwischen ist Ihr Team sogar auf Platz 16 abgerutscht . . .

Klar war das Spiel nicht schön, aber man darf die zwei Jahre nicht auf die Niederlage in Osnabrück reduzieren. Sechzig sollte schon mehr sein als ein Ergebnis am Wochenende. Ich laufe hier nicht deprimiert durch die Gegend, sondern denke, dass man fußballerisch schon einen Unterschied sieht im Vergleich zu damals. Außerdem haben wir viele junge Spieler im Kader, die einen Schritt nach vorne gemacht haben. Ich denke schon, dass wir uns insgesamt positiv entwickelt haben.

Die aktuelle Saisonbilanz ähnelt allerdings frappierend der vom Zeitpunkt Ihrer Übernahme 2019. Beißt sich der Löwe in den Schwanz?

Natürlich hat die Tabellensituation einen faden Beigeschmack, aber hätten wir gewonnen, würden wir jetzt bei 20 Punkten liegen – und hätten somit die gleiche Ausbeute wie im vergangenen Jahr zum selben Zeitpunkt. So kann man das auch sehen.

Köllner sicher: „Wir haben die Qualität, eine Serie hinzulegen“

Sie fangen also nicht wieder bei null an?

Wir haben es geschafft, im DFB-Pokal zu überwintern, dazu haben wir in der Liga ein Nachholspiel (am 30. November gegen Mannheim/Red.) in der Hinterhand. Und wir haben die Qualität, eine Serie hinzulegen, wie wir das auch in den letzten beiden Jahren geschafft haben. In unserer Liga ist vieles möglich, aber du musst selbst dran glauben.

Haben Sie inzwischen eine Erklärung für den Leistungsabfall in Osnabrück?

Es war nach dem guten Beginn und der Führung eine kollektive schlechte Stunde von uns, da nehme ich mich selbst nicht aus. Das Coaching und die Wechsel waren sicher keine Glanzleistung.

Hat sich die Mannschaft von den Erfolgserlebnissen gegen Schalke und Freiburg II blenden lassen?

Nein, uns hat nach den beiden Erfolgen wohl eher die Lethargie überfallen als der Hochmut.

Trainingszoff beim TSV 1860? Michael Köllner beschwichtigt

Im Training sollen kürzlich Sascha Mölders und Stephan Salger heftig aneinandergeraten sein. Ein Indiz dafür, dass die Nerven blank liegen?

Nein, es war eine ganz normale Situation, wie sie im Fußball vorkommt. Der eine regt sich nach einem Foul auf, der andere gibt Kontra, aber es ist nichts passiert, was außer der Reihe war. Natürlich sind alle vom Spiel in Osnabrück genervt, aber keiner ist mit der Pistole auf den anderen losgegangen.

Eingeschritten sind Sie nicht. Weil es Ihnen gefällt, wenn Leben in der Mannschaft ist?

Konflikte gehören zur Teambildung dazu und müssen ans Tageslicht. Es ist doch wichtig, dass eine Unzufriedenheit da ist nach so einem Spiel. Ich bin sogar froh darüber, dass das ausgetragen wurde. Wir haben ja eigentlich eine brave Mannschaft.

„Natürlich richtet sich das Team nach Mölders aus“

Mölders hat sich nach drei Spielen auf der Bank mit der gewünschten Reaktion zurückgemeldet. Das Team braucht ihn offenbar. Ist 1860 noch immer vom Kapitän abhängig?

Abhängig ist ein zu großes Wort. Sascha ist unser Kapitän und war letzte Saison unser bester Spieler und Torjäger. Natürlich richtet sich das Team nach ihm aus. Aber generell ist jeder gefragt, Verantwortung zu übernehmen.

Und wie geht es nach seinem Vertragsende Ende Juni 2022 weiter?

Ob er nach dieser Saison weitermachen will, das muss er entscheiden, da mische ich mich nicht ein. Ich kann vielleicht ein bisschen helfen, aber er muss für sich die Frage beantworten, ob er noch das Feuer hat, 300 Tage im Jahr auf dem Platz zu stehen und Gas zu geben.

„Ich habe nicht vor, von Bord zu gehen“: Michael Köllner im Interview mit Ludwig Krammer und Uli Kellner.
„Ich habe nicht vor, von Bord zu gehen“: Michael Köllner im Interview mit Ludwig Krammer und Uli Kellner. © TSV 1860

Gegenüber den „Unternehmern für 1860“ erneuerten Sie vier Tage nach Osnabrück Ihr Ziel, auch in dieser Saison um den Aufstieg zu spielen. Zuckerl für treue Unterstützer oder realistische Einschätzung der 3. Liga?

Ich erzähle keine Geschichten, sondern das, wovon ich überzeugt bin. Ich bin mir nach wie vor sicher, dass wir besser abschneiden können als letztes Jahr. Vor zwei Jahren lag Würzburg nach 14 Spielen zwei Punkte vor uns und ist aufgestiegen.

Lange hat Hasan Ismaik in seinen Facebook-Posts das Positive beschworen – nun schlug der Investor einen ernsteren Ton an und forderte eine Kehrtwende. Schrillen da bei Ihnen die Alarmglocken?

Nein, das ist nachvollziehbar. Ich kann seine Enttäuschung verstehen.

Nach der Länderspielpause treffen Sie erst auf Duisburg, dann auf Havelse. Aktuell Gegner auf Augenhöhe? Oder sechs fest eingeplante Punkte?

Weder noch. Wenn wir es schaffen, in beiden Spielen ans Limit zu gehen, dann bin ich zuversichtlich, dass wir die volle Punktzahl holen.

Trainer Michael Köllner bekennt sich zum TSV 1860 München

Mal angenommen, es klappt auch im dritten Anlauf nicht mit dem angestrebten Aufstieg: Würden Sie einen vierten Anlauf nehmen?

Ich habe einen Vertrag für die nächste Saison und ich spüre das Vertrauen der Gesellschafter. Wir haben keinen Etat, der den Aufstieg zur Pflicht macht. Trotzdem haben wir in den zwei Jahren, die ich jetzt hier bin, gute Arbeit geleistet, auch wenn die finale Krönung gefehlt hat. Mir gefällt es hier, ich habe nicht vor, von Bord zu gehen.

Wann wäre für Sie der Punkt erreicht, an dem Sie von sich aus um Vertragsauflösung bitten?

Wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass wir einen erfolgreichen Weg gehen können, dann wäre ich nicht mehr hier. Ich habe gewusst, wie die Rahmenbedingungen bei 1860 sind, darum stelle ich mich jetzt nicht hin und fordere einen höheren Etat. Dann hätte ich erst gar nicht unterschreiben dürfen. Es war klar, dass es unter den gegebenen Voraussetzungen eine schwierige, spannende Herausforderung ist und das hat sich nicht geändert. Ich versuche, den Verein harmonisch durch die Zeit zu bringen, indem wir sportlich keine negativen Schlagzeilen schreiben. Ich fühle mich immer noch am richtigen Ort. Vielleicht brauchen wir auch ein bisschen Zugzwang und Druck.

Und wenn es mit dem Aufstieg nicht klappt, können Sie ja den Pokal holen.

Die Frage ist: welchen? (lacht) Wir sind schließlich noch in beiden Cup-Wettbewerben vertreten. Den Landespokal haben wir schon geholt, und DFB-Pokal fühlt sich gut an mit 1860 zu Hause im Grünwalder. Letztes Jahr sind wir unglücklich gegen Frankfurt ausgeschieden, jetzt haben wir Glück, zum dritten Mal einen Zweitligisten zu bekommen. Im Achtelfinale muss nicht Schluss sein. Unser Ziel ist, den Fans immer wieder besondere Momente zu schenken. Momente, von denen sie zehren können.

Interview: Uli Kellner und Ludwig Krammer

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