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Weißblaues Entsetzen: Die Gelb-Rote Karte für Kapitän Weber (r.) schockte alle Sechziger: Rieder, der deutliche Worte fand. Bonmann, der spät das 0:1 kassierte. Und Co-Innenverteidiger Erdmann (hinter Referee Fritsch). 

„Für mich war das heute kein Fußballspiel“

Wildes Spiel mit bitterem Ende für den TSV 1860 München

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Es gibt Weisheiten, die behalten offenbar zeitlos Gültigkeit. Zum Beispiel der 1964 vom Filmkomponisten Ernst Brandner († 2015) gesungene Werbeslogan: „Fahr lieber mit der Bundesbahn.“

München –Entspannt, als komme er gerade aus dem BahnComfort-Ruhebereich, stand Jan Kirchhoff in der Interviewzone des 60er-Stadions und führte den vorangegangenen 1:0-Sieg seiner Uerdinger u.a. auf die komfortable Anreise zurück. „Kleinigkeiten“ hätten den Ausschlag gegeben, sagte der frühere Bayern-Profi: „Zum Beispiel, dass wir mit dem Zug gefahren sind. Das hat supergut getan anstatt zehn Stunden im Bus zu sitzen.“

In einem Spiel, das wilder war als eine Rush-Hour-Fahrt auf der A8, hatten die ausgeruhten Uerdinger am Ende den Überblick behalten und spät ins Tor der heimstarken Giesinger getroffen. Bei den Löwen war ein gewisser Energieverlust unübersehbar, nachdem Felix Weber zu Beginn der zweiten Hälfte vom Platz geflogen war und sich seine Kollegen in ungezählten Zwei- und Nahkämpfen aufrieben. Die Gäste hingegen spielten ebenfalls nicht gut und schon gar nicht zwingend, nutzten aber im Gegensatz zu den Löwen (Willsch auf Mölders/59.) ihre einzige Chance eiskalt aus. Der eingewechselte Franck Evina legte ab für Adam Matuschyk (82.) – der nahm aus 25 Metern Maß und überwand 1860-Keeper Hendrik Bonmann, der sich in dieser Szene gewünscht hätte „ein, zwei Zentimeter“ länger zu sein.

Auf der Tribüne wurde diskutiert, ob Pokalheld Marco Hiller die Kugel erwischt hätte. 1860-Coach Daniel Bierofka jedoch war auch ohne diese Debatte bedient genug. „Mit zehn Mann laufen wir frei auf das Uerdinger Tor, bekommen den Ball nicht rein und kriegen dann diesen Weitschuss“, haderte er und meinte mit Blick auf die hitzigen Szenen des Nachmittags: „Für mich war das heute kein Fußballspiel. Das waren nur Emotionen, nur Zweikämpfe, nur Nickligkeiten.“ Leider hätten seine Spieler im allgemeinen Gehacke und Gemecker „ein bisschen den Faden verloren“. Auch weil es der überforderte Tobias Fritsch nicht fertig brachte, das Geschehen zu beruhigen. „Der Schiedsrichter hatte heute nullkommanull Kontrolle über das Spiel“, schimpfte Bierofka: „Er hat die Karten verteilt, wie er wollte. Da hat mir die Verhältnismäßigkeit total gefehlt.“ Tim Rieder, der umsichtige Sechser, wurde noch deutlicher: „Ich denke, dass der Schiri am Anfang auch ein bisschen für Uerdingen gepfiffen hat“, klagte er bei MagentaSport.

Stefan Effenberg hätte sich als Spieler in so einem aufgeheizten Umfeld wohlgefühlt. Am Samstag saß der frühere „Aggressive Leader“ des FC Bayern weitgehend stoisch auf der VIP-Tribüne – und wurde trotzdem hinterher für den frischen Wind gelobt, den er in den wenigen Tagen seines Wirkens als KFC-Manager bewirkt habe. „In den eineinhalb Wochen hat man seinen Einfluss gemerkt“, schwärmte Innenverteidiger Kirchhoff: „Er hat Autorität, Persönlichkeit und stößt die Dinge an, die notwendig sind, damit wir uns weiterentwickeln.“ Auch die Anregung, mit dem ICE anzureisen, sei von Effenberg gekommen, verriet Kirchhoff, wobei der Ideengeber lustigerweise erst am Spieltag zur Mannschaft gestoßen ist.

Effenberg selbst wirkte am Samstag jedenfalls nicht so, als sei das eine fremde Welt, die er da betrat. Das alte Stadion, das überschaubare Spielniveau . . . „Das ist kein Problem“, sagte er und zeigte sich zufrieden mit der Leistung der KFC-Profis („Ein Anfang“) und des neuen Trainerteams – „vielleicht auch in der Konstellation mit meiner Wenigkeit“. Für die Löwen, die nicht ihren glücklichsten Tag hatten, hat es gereicht. Trost für die Gastgeber gab es von Ex-Bayer Kirchhoff. „Ich glaube, dass 1860 zu gut ist für ganz unten. Ich habe im Lauf dieser Saison ganz andere Mannschaften gesehen.“ Sprach’s und trat kurz darauf die Heimreise per Bus an. Kleinigkeiten wie die Staulage hat bestimmt vorher der neue KFC-Cheffe gecheckt.

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