1. Startseite
  2. Sport
  3. TSV 1860

„Ferdl“ Keller: Der vergessene Löwe - Deutscher Meister, Nationalspieler und Europacup-Gewinner

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Armin Gibis

Kommentare

93 Tore in vier Zweitliga-Jahren: Ferdl Keller (r.) verbuchte eine einmalige Trefferquote.
93 Tore in vier Zweitliga-Jahren: Ferdl Keller (r.) verbuchte eine einmalige Trefferquote. © imago sportfotodienst

Ferdinand Keller feiert am 30. Juli seinen 75. Geburtstag. Obwohl der Stürmer in den 70er-Jahren 95 Tore für den TSV 1860 erzielte, ist er in Vergessenheit geraten.

München – Der TSV 1860 pflegt ja gerne das Image des Traditionsvereins. Und so ist es auch ein schöne Sache, dass auf der Homepage allen ehemaligen verdienten Spielern zum Geburtstag gratuliert wird. Einer aber wird regelmäßig übersehen. Und so ist auch für den 30. Juli 2021 nicht vermerkt, dass Ferdinand Keller seinen 75. feiert. Dabei hat der Ferdl, wie er bis heute genannt wird, in den 70er-Jahren im Strafraum Angst und Schrecken verbreitet wie kaum ein anderer Torjäger im Löwen-Dress.

Auf 95 Tore brachte er es insgesamt. Und doch ist der Pasinger bei seinem Verein in Vergessenheit geraten. „Typisch“, sagt er zu den ausgebliebenen Geburtstagsgrüßen, „das sind solche Kleinigkeiten, in denen dieser Verein noch nie groß war.“

Ferdinand Keller: Teil des Löwen-Meister-Kaders 1965/66

Keller, das Löwen-Urgestein, startete seine Karriere in legendärer Zeit. Als 19-Jähriger gehörte der Novize 1965/66 dem berühmtesten Kader der Vereinsgeschichte an. Allerdings boten sich in der Meistersaison für den Jüngling keine Entfaltungsmöglichkeiten. Damals durfte nicht ausgewechselt werden, oft waren sogar Nationalspieler nur Ersatz. Da war kein Platz für einen Nachwuchsmann.

Vielleicht ließ sich der junge Ferdl von diesem ihn doch frustrierenden Einstand zu sehr abschrecken. Auf jeden Fall zog er es nach dieser für ihn unergiebigen ersten Bundesligasaison vor, zu seinem Heimatverein TSG Pasing zurückzukehren. Drei Jahre dauerte es, bis der Hobbykicker, in dem das Talent zum schussgewaltigen Angreifer schlummerte, noch eine Chance bekam. In der Landesligasaison 1968/69 schoss er 50 Tore, ein zweites Mal klopfte der TSV 1860 an. Nun gab er tatsächlich sein Bundesliga-Debüt, doch Keller geriet in die Tristesse der Abstiegssaison 69/70. Seine zwei Saisontore schienen nicht die beste Referenz zu sein. Dennoch holte ihn Hannover 96, und dort ließ er es auf Anhieb richtig krachen. 39-mal traf Keller in zwei Bundesliga-Spieljahren, schaffte es damit sogar in den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft.

„Das waren verloren Jahre“ - Dritter Wechsel zu 1860 ein Fehler von Keller

Und nun meldete sich der TSV 1860 ein drittes Mal. Die Löwen strebten mit aller Gewalt die Rückkehr in die erste Liga an. Der damalige trotzige Slogan lautete: „Wir kommen wieder!“ Kellers Tore sollten diese Sehnsucht erfüllen. Zusammen mit seinem Freund Hanjo Weller, einem großartigen Spielmacher, wechselte er zurück nach München. Rückblickend meint Keller: „Ich hab mir damit alles verbaut, auch die Nationalmannschaft.“

Gefürchteter Stürmer der 70er-Jahre: Ferdl Keller im Löwen-Dress.
Gefürchteter Stürmer der 70er-Jahre: Ferdl Keller im Löwen-Dress. © imago sportfotodienst

26 war er damals, also im besten Fußballeralter. Und statt sich in der Bundesliga als Torjäger zu profilieren, ließ er sich von den 1860-Funktionären – Präsident war Erich Riedl – tatsächlich dazu breitschlagen, in der Regionalliga Süd, die damalige in fünf Ligen aufgeteilte Zweitklassigkeit, zu stürmen. Keller selbstkritisch: „Das waren verloren Jahre.“

Dabei traf der Rückkehrer 93 Mal in 122 Punktspielen – eine grandiose Quote. Die Torstatistik seiner vier Zweitliga-Jahre: 26, 21, 23, 23. Allein Rudi Brunnenmeier hat in der Vereinsgeschichte mehr Tore erzielt (139), diese aber verteilt auf acht Jahre und 207 Spiele (in Ober- und Bundesliga). Der Aufstieg wurde dennoch viermal verpasst. „Bei vielen Spielern fehlte der letzte Biss“, sagt Keller, „ich wäre schon gerne aufgestiegen.“

TSV 1860 München: „Die haben alles verkehrt gemacht“ - Chaos in der Führungsetage schon damals ein Problem

Dass das nicht klappte, lag damals schon auch an dem berüchtigten Löwen-Chaos in der Führungsetage. „Die haben alles verkehrt gemacht. Da wusste der eine nicht, was der andere macht. Das war eine Katastrophe.“

Seit 55 Jahren verheiratet: Ferdl und Hilde Keller.
Seit 55 Jahren verheiratet: Ferdl und Hilde Keller. © Privat

Dennoch schaffte es Keller noch in die Nationalmannschaft. Zumindest für 20 Minuten. 1975, ein Jahr nach Gerd Müllers Rücktritt, suchte Helmut Schön immer noch nach einem Mittelstürmer. Und stieß dabei auf Keller. Einen Debütanten aus der Zweiten Liga in der Nationalmannschaft hatte es zuvor noch nicht gegeben. Beim 2:0-Sieg der DFB-Elf über Österreich wurde der nun schon 29-jährige spätberufene Münchner in der 70. Minute eingewechselt. „Ich bin bis heute happy“, sagt Keller, der vom DFB zu jedem Geburtstag ein Trikot der Nationalmannschaft zugeschickt bekommt. Sein erstes Länderspiel blieb allerdings auch sein letztes.

Ferdinand Keller: Erst Nationalspieler, dann der Wechsel zum HSV - Sieg im Europacup

1976 wechselte Keller zum Hamburger SV in die Bundesliga, wo er mit seinen großen Fähigkeiten ja auch längst hingehörte. Im Europacup-Finale der Pokalsieger 1977 gegen den RSC Anderlecht stand der Pasinger als Angriffsführer in der Startelf, der HSV gewann 2:0, Keller, der durchspielte, durfte seinen ersten und einzigen Cup stemmen. Im Spieljahr darauf war er mit 14 Toren bester HSV-Schütze. Seine damaligen Mitspieler hießen Felix Magath, Kevin Keegan, Manni Kaltz, Rudi Kargus, Schorsch Volkert. Namen, die – zumindest für die älteren Fans – immer noch einen besonderen Klang haben.

Nach der Profi-Laufbahn startete Keller eine zweite Karriere als Geschäftsmann – und das mit großem Erfolg. Erst verkaufte er schwedische Fertighäuser, in Kroatien machte der Ex-Fußballer mit Gesundheitsmatratzen das große Geschäft. Inzwischen haben die Kellers – der Ferdl ist mit seiner Hilde nun schon 55 Jahre glücklich verheiratet – drei Häuser: im Inninger Ortsteil Schlagenhofen mit Blick auf den Wörthsee, in Porec/Kroatien und nahe Kapstadt/Südafrika (in der Villa Andrea können Touristen bis heute Appartements buchen). Der Kontakt zu 1860 ist dagegen komplett aberissen. „Ich bin 1976 nach Hamburg, und dann war’s aus.“ Doch an seiner Grundsympathie ändert das nichts: „Ich bin immer noch ein Sechziger.“

„Der Trainer Michael Köllner ist ein super Typ und sympathischer Mensch“

Keller drückt nach wie vor die Daumen für den TSV 1860

Und als ewiger Blauer verfolgt Keller auch die aktuelle Mannschaft. Den Sturz in die Drittklassigkeit bezeichnet er als „Wahnsinn“. Aber er erkennt auch gute Gründe zur Hoffnung: „Der Trainer Michael Köllner ist ein super Typ und sympathischer Mensch. Mit ihm geht es spielerisch aufwärts.“

Fit hält sich der immer noch durchtrainiert wirkende Keller mit Golf spielen. „Je älter, desto kleiner die Bälle“, sagt er. Sechs Monate im Jahr verbringt er in seinem Hotel in Südafrika. „Ich hab immer was zu tun.“ Aus den früheren Fußballerkreisen hält er vor allem zu Fredi Heiß Kontakt. Bei dessen nachgeholter Geburtstagsparty zum 80. kam’s auch zum Wiedersehen mit den Meister-Löwen Hansi Rebele, Bernd Patzke und Hansi Reich. Er selbst wird seinen Geburtstag im kleinen Kreise begehen. 14 Personen hat er ins Wirtshaus im Kloster Andechs eingeladen. Die Feierlichkeiten, so Keller, werden sich aufs Wesentliche beschränken: „Schweinsbraten essen und Bier trinken.“ Wohl bekomm’s, Ferdl. (Armin Gibis)

Auch interessant

Kommentare