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"Jetzt kann ich zu Bernegger Stellung beziehen"

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Von: Armin Gibis, Uli Kellner

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Vertraut uns! Die Geschäftsführer Rejek (l.) und Poschner skizzieren beim Redaktionsbesuch eine himmelblaue Löwen-Zukunft. © Klaus Haag

München - Die Geschäftsführer Poschner und Rejek verordnen den Löwen einen neuen Offensivstil – unabhängig vom Trainer. Ein Interview.

Mitten im Gespräch schiebt Gerhard Poschner (44) kleine Mineralwasserflaschen über den Tisch. So soll 1860 künftig spielen, erklärt der Sportchef, der zusammen mit Markus Rejek (45), seinem Geschäftsführerkollegen, unsere Redaktion besuchte – zu einem Rückblick auf die alte und einem Ausblick auf eine hoffentlich positivere Saison.

Herr Poschner, Herr Rejek, auch wenn Sie beide erst im April beziehungsweise Februar eingestiegen sind: Wagen Sie doch bitte ein Saisonfazit!

Poschner: Aus sportlicher Sicht sind wir an unseren Zielen vorbeigeschlittert. Damit meine ich weniger den Tabellenplatz, sondern die Art und Weise, wie Fußball gespielt wurde.

Was hat Ihnen denn besonders missfallen?

Poschner: Ich bin ja erst seit fünf Spielen da. Dresden und Bielefeld zu Hause war noch sehr verkrampft – die Mannschaft wirkte festgefahren, obwohl mit Markus von Ahlen ein neuer Trainer da war. In den letzten drei Spielen haben sich die Jungs bemüht, besser Fußball zu spielen – mit der Betonung auf spielen. Auch wenn natürlich vieles noch besser laufen kann.

Und wie sieht es aus kaufmännischer Sicht aus, Herr Rejek? Bisher wurde die Lizenz ja nur unter Auflagen bewilligt.

Rejek: Terminfrist der DFL ist der 22. Mai, 15.30 Uhr. Bis dahin müssen alle Anforderungen erfüllt sein. Wir sind auf einem guten Weg – alles in enger Abstimmung mit unserem Gesellschafter Hasan Ismaik. Alles, was passieren muss, läuft fristgemäß.

Am Freitag werden die Spieler in den Urlaub geschickt – doch keiner weiß, wer künftig ihr Trainer sein wird. Geschweige denn, welches Gesicht das künftige Team haben wird.

Poschner: Fakt ist, dass die Jungs am 23. Juni einen Trainer haben werden. Ich hab noch in keiner Satzung gelesen, dass Spieler ohne dieses Wissen nicht Urlaub machen dürfen. Natürlich ist es unser Wunsch, diese Personalie nicht erst auf den allerletzten Drücker zu klären. Was Spieler betrifft, ist es so, dass schon einige Gespräche stattgefunden haben – mit Beratern, aber auch mit den Spielern. Jeder sollte so in den Urlaub gehen, dass er weiß, wo er steht. Ich hoffe, dass diese Gespräche bis Freitag vollständig abgeschlossen sind.

Wie wahrscheinlich ist es denn, dass es zu weiteren Abschieden kommen wird? Sie haben ja einen „tiefen Cut“ angekündigt.

Poschner: Sieben Verträge haben wir nicht verlängert – das ist eine Menge. Ich gehe davon aus, dass es weitere personelle Veränderungen geben wird. Sprich: Spieler, die uns verlassen werden. Die einen werden von sich aus gehen wollen – bei anderen wird es so sein, dass der Wunsch eher von uns ausgeht. Alles vor dem Hintergrund, dass Platz geschaffen werden muss für Neues. Wir wollen im Kader unter anderem vier, fünf Planstellen für Nachwuchsspieler schaffen.

Sie benutzen gerne das Bild einer „Kernsanierung“. Welcher Kern wird denn bestehen bleiben?

Es wäre nicht seriös und fair, jetzt auf einzelne Namen einzugehen. Unsere Gespräche sind ja noch nicht abgeschlossen.

Markus von Ahlen hat in den fünf Spielen als Chef einen Punkteschnitt von 2,0 erreicht. Was spricht dagegen, mit ihm als Trainer weiterzumachen?

Die Punktebilanz ist für mich grundsätzlich kein ausschlaggebender Grund.

Sondern?

Es geht darum, welche Art von Fußball wir künftig spielen wollen. Klar ist, dass wir Markus definitiv gerne behalten möchten – ob in der Rolle als Chef oder als Mitglied eines Trainerteams, das ist noch völlig offen.

Künftig soll ja bei Sechzig ein einheitliches Spielsystem etabliert werden: 4-3-3, von den Profis bis runter zur U 15. Wie soll das konkret aussehen?

Wir möchten künftig attraktiven, offensiven Fußball spielen. Unserer Meinung nach ist 4-3-3 dafür das ideale Spielsystem: mit zwei kreativen Mittelfeldspielern, einem defensiven – und offensiven Außenverteidigern. Wir wollen mit drei Stürmern spielen, die sich jederzeit im Zentrum aufhalten, aber auch auf die Flügel ausweichen können. Das ist, grob umschrieben, unsere Marschroute.

Künftig will 1860 auch keinen Trainer mehr holen, der seinen Spielstil diktiert – sondern einen, der die Vorgaben des Vereins umsetzt. Wäre Carlos Bernegger einer nach Ihrem Geschmack gewesen? Der Flirt mit dem Coach des FC Luzern schien ja ziemlich heiß gewesen zu sein.

Poschner: Jetzt, da das Thema abgeschlossen ist, kann ich ja Stellung dazu beziehen. Wir haben uns mit dem Namen Carlos Bernegger beschäftigt. Wir haben ein klares Anforderungsprofil – und wir schauen bewusst auch über die Grenzen hinaus. Carlos war definitiv ein Trainer, der zu uns hätte passen können. Ich habe auch Alex Frei (Sportchef des FCL/d. Red.) darüber informiert, dass wir über ihn nachdenken. Das Ganze ist in der Schweiz dann so intensiv diskutiert worden, dass es für uns einen recht amüsanten Verlauf genommen hat.

Wie weit waren Sie schon über den Status des Nachdenkens hinaus?

Wir haben uns mit ihm ausgetauscht. Das war’s dann aber auch. Erst recht, als irgendwann kolportiert wurde, dass wir unser Trainingsgelände verkaufen müssen, um Carlos Bernegger zu holen.

Mit anderen Worten: Er war zu gierig?

Bei uns steht die sportliche Motivation immer an erster Stelle. Wenn wir der Meinung sind, dass das nicht gegeben ist, dann bricht ein zentraler Baustein aus unserem Anforderungsprofil heraus.

Herr Rejek, was 1860 sportlich vorhat, klingt grundsätzlich reizvoll. Aber jeder ehrgeizige Umbau kostet bekanntlich viel Geld. Muss der Etat, der bisher bei 9 Millionen Euro lag, nicht deutlich aufgestockt werden?

Rejek: Umbauten kosten nicht zwangsläufig viel Geld. Vielmehr erfordern sie harte Arbeit, Kreativität – und die richtigen Entscheidungen. Man kann mit sehr viel Geld auch die falschen Entscheidungen treffen. Wir haben einen klaren Plan, und Gerhards Anspruch ist nicht: Gib mir so viel Geld, wie du kannst! Er kennt die Situation und hat von Anfang an gesagt, dass sich mit den gegebenen Mitteln etwas aufbauen lässt. Schließlich gibt es durch den Investitionsstau der letzten Jahre auch andere Baustellen, die wir berücksichtigen müssen.

Was, außer Geld, könnte zum Beispiel Yuya Osako davon überzeugen, noch ein Jahr in München dranzuhängen?

Poschner: Ein richtiger Karriereplan. Es soll ja vorkommen, dass jemand auch über so etwas nachdenkt.

Wie groß ist Ihre Hoffnung bei Osako, der seit gestern fix in Japans WM-Aufgebot steht?

Der Status Quo ist, dass es bis jetzt keine Anfrage gibt, weder mündlich noch schriftlich. Wir wissen zwar, dass wir diese Personalie durch seine Ausstiegsklausel nicht selbst in der Hand haben. Aber es gibt auch keinen Grund, sich jetzt schon Gedanken über seinen Abschied zu machen.

In wieweit, Herr Rejek, beschäftigt Sie der dramatische Zuschauerrückgang?

Rejek: Der beschäftigt mich sehr. Wir wissen: Wir werden die Fans nicht durch Reden zurückgewinnen, sondern vor allem durch Taten. Unsere Spiele in der Allianz Arena müssen wieder attraktiv werden, idealerweise zu einem Feiertag. Aber dazu brauchen wir auch die Hilfe der Fans – und Vertrauen in unsere Arbeit. Wir gehen das optimistisch an und wollen den Verein so nach vorne bringen.

Auch in der Tabelle? Letztlich interessiert den Fan ja vor allem, dass 1860 endlich mal ernsthaft um den Aufstieg mitspielt.

Poschner: Wenn ich in der zweite Liga Fußball spiele, ist das immer das Ziel. Der erste Schritt muss jetzt mal sein, attraktiven Offensivfußball zu spielen – mit einer Grundordnung, die auch positive Ergebnisse zulässt. Und wenn wir das erreicht haben, dann werden sich die Ergebnisse zwangsläufig einstellen.

Das Gespräch führten Uli Kellner und Armin Gibis

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