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Lienen zürnt den Auf-und-nieder-Löwen

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München - Zumindest Trainer Ewald Lienen  war die 0:2-Niederlage der Löwen in Aachen erkennbar aufs Gemüt geschlagen.

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Lienen hatte sich nach eigener Auskunft „die Nacht um die Ohren geschlagen, um das Spiel noch mal anzuschauen,“ was zur Folge hatte, dass er jetzt „solche Augen“ hatte (entzündete meinte er vermutlich) und – entgegen seiner Gewohnheit – keine Lust, sich hinzusetzen. „Gibt nicht viel zu sagen“, beschied er der versammelten Presse, um sich dann eben im Stehen seinen Frust von der Seele zu reden. Lienen fasste sich tatsächlich etwas kürzer als sonst, wenn er sitzend und Holunderschorle schlürfend analysiert, dafür klangen seine Worte umso düsterer.

Was er mitzuteilen hatte, war eine bittere Abrechnung mit seinem hoffnungsvoll zusammengestellten Kader – und mit dem Berufsstand des modernen Profifußballers im Allgemeinen. Der über weite Strecken erschreckende Auftritt in Aachen hat Lienen gezeigt, dass offenbar nicht jeder begriffen hat, „dass die Trauben in der zweiten Liga hoch hängen“ und dass man dort „mit Fußball spielen nicht weiter kommt“. Denn: „Da muss man Flagge zeigen.“ Und nicht mit angelegter Waffe nebenher marschieren. „Wir haben den Gegner im Grunde genommen eskortiert “, fand der Coach ein schönes Bild. Die Aachener hingegen „haben uns festgehalten, getreten, gedoppelt und Bälle erobert.“ Vier Fouls der Löwen hat Lienen lediglich gezählt, was ihn aber wenig verwunderte, denn „Fouls kann man nur machen, wenn man nah genug dran ist am Gegner. Das ist die Grundvoraussetzung, um in der zweiten Liga zu bestehen.“

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So viel zum wehrlosen Auftritt am Sonntag . Lienen ist aber bekannt dafür, dass er gerne grundsätzlich wird, und so durften die Reporter eine Theorie notieren, mit der er die Heute- hui -morgen- pfui -Mentalität der Profikickerbranche geißelt. Stichwort: Bequemlichkeit. „Ich mach das Spiel doch seit Jahren mit“, beschied der weitgereiste Coach und erläuterte: Die Spieler gewinnen ein Spiel, sogleich werde die Leistungsbereitschaft „um 15 bis 20 Prozent runtergefahren “, bis es wieder eine Klatsche gibt, gegen die man sich am darauffolgenden Wochenende mit aller Macht stemme.

„Ob das jetzt bei uns ist, in Aachen oder bei irgendeinem anderen Klub“, sagt Lienen , „das ist bei Profis eben so. Das Problem haben wir nicht exklusiv.“ Aachen etwa habe nur bis zum Umfallen gekämpft, „weil sie eine Woche zuvor ein Katastrophenspiel in Oberhausen abgeliefert haben. Da haben die wirklich nichts auf die Platte gekriegt, aber dann kommen drei vier neue Leute rein und rennen bis zum Geht-nicht-mehr.“ Für Lienen , den früheren Musterprofi, ist das „albern und nicht zu akzeptieren“. Darum will er künftig nur noch auf Spieler setzen, die die Bereitschaft zu kämpfen „in sich selber finden“. Oder, fragt er ungewohnt derb, „soll ich denen in die Fresse hauen, damit die Spannung nach Siegen erhalten bleibt?“

Von körperlichen Züchtigungen wird er vermutlich absehen, Umbesetzungen dürfte es aber geben. Den georgischen Fehlerteufel Mate Ghvinianidze nimmt Lienen in Schutz („Innenverteidiger sind immer nur so gut wie die Mannschaft“). Dafür übt er unausgesprochene Kritik an den Außenspielern , die nicht verhindern konnten, „dass Aachen 37 Flanken in den Strafraum schlägt“. Könnte also eng werden für die Herren Holebas und Rukavina , aber auch für deren Offensivpartner Cooper und Pappas . Viele Alternativen bietet der Kader zwar nicht, doch Aigner , Kaiser und Camdal sollten sich für morgen Abend lieber nichts vornehmen.

Dann nämlich kommt die von Freiburg gedemütigte Hertha zum Duell der Enttäuschten in die Arena. Torhüter Gabor Kiraly , einst ein Volksheld in Berlin, freut sich auf den Pokalhit und fordert: „Wir müssen Charakter zeigen.“ Grundsätzlich findet er nicht, „dass der Zeitpunkt schon da ist, um auf den Tisch zu hauen und Theater zu machen“. Wenn die Mannschaft so kompakt stehe wie gegen „Koblenz, Ahlen und Fürth“ (beim 2:0, 0:0 und 3:1), komme die Sicherheit von ganz alleine – und dann sei auch das Ziel Aufstieg noch zu erreichen. Findet übrigens auch Benny Lauth , der Kapitän. „Das war ein Stotterstart“, befand er, „aber es hätte mich auch gewundert , wenn wir bei so vielen Neuen gleich ins Rollen gekommen wären.“ Mutmaßliche Rivalen wie Duisburg und Cottbus hätten ja auch ihre Anlaufschwierigkeiten. Lienens Generalkritik mag sich Lauth ebenso wenig anschließen wie der Befürchtung im Umfeld, die Löwen seien ein hoffnungsloser Fall. „Mein Gefühl ist, dass es dieses Jahr passt im Team. Wir dürfen nur nicht den Kontakt nach oben abreißen lassen.“

Geht man davon aus, dass sich der nächste Liga-Gegner an Lienens Theorie hält, könnte es schon bald wieder was zu feiern geben. Am Sonntag kommt Paderborn, zuletzt 5:1-Sieger gegen Cottbus. Tendenz: Klares Opfer. Und die Hertha , die folgt sowieso eigenen Gesetzen. Auf eine Niederlage ließen die Berliner zuletzt immer die gleiche Reaktion folgen: noch eine Niederlage.

Uli Kellner

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