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Zurück zu den Wurzeln

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München - Sollte dem TSV 1860 nicht bald der Aufstieg gelingen, wird er erneut zur Verjüngung gezwungen sein.

Rainer Beeck hat auf Teneriffa einige Akzente gesetzt. Den ersten bereits kurz nach seiner Ankunft im Trainingslager, als er in einem Freizeitkick gegen eine Auswahl aus Sponsorenvertretern und Marketingmitarbeitern das Trikot des TSV 1860 trug. Zum Einstand schoss der Präsident ein blitzsauberes Eigentor, danach steuerte er zwei richtige Treffer zum 9:2-Sieg der Löwen bei. Und das war nur der Anfang.

Beeck, der für die Kanarenreise eine Woche Urlaub genommen hat, ist in diesen Tagen ein begehrter Gesprächspartner. Die jüngste Meldung, dass den Löwen nächstes Jahr womöglich Lars Bender abhanden kommt, hat 1860 schwer erschüttert. Das Projekt, in dem sich das ganze Selbstverständnis des Vereins spiegelt, steht auf dem Spiel. Stück für Stück wollte man die Mannschaft verstärken, bis sie reif für die Bundesliga ist und damit eine gute Adresse für all die Talente, die ansonsten das Weite suchen würden. Nun suchen die Ersten das Weite, weil es für sie auch ohne Aufstieg außerhalb Münchens feine Adressen gibt.

Der Präsident versucht gar nicht erst, die offensichtliche Dramatik dieser Entwicklung mit Floskeln zu kaschieren. Er ahnt, dass die Zeit gegen die Löwen läuft. "Wenn es mit dem Aufstieg 2010 nicht klappt, wird es schwierig für uns, 2011 das selbe Ziel ausgeben zu können." Denn dann wird neben Lars Bender noch anderen Talenten dämmern, dass sie auf dem Weg in höhere Etagen lieber den Lift wechseln sollten, weil andere schneller und zuverlässiger nach oben gleiten. Im schlimmsten Fall, fürchtet Beeck, würde das für 1860 bedeuten, zurück auf Null gesetzt zu werden. "Dann werden die Karten neu gemischt, und es wird wieder eine Anlaufphase brauchen."

An diesem Punkt richten sich die Blicke noch mehr als ohnehin schon auf die Nachwuchsabteilung. In den letzten Jahren hat sie verlässlich Nachschub geliefert, insgesamt drei Dutzend Spieler in knapp zehn Jahren. Die drei bis dreieinhalb Millionen Euro, die 1860 sich jährlich die Jugendpflege kosten lässt, sind gut angelegt. "Die Abteilung ist ein stabiles Rückgrat, das den Verein schon in den letzten Jahren oft getragen hat", sagt Nachwuchsleiter Ernst Tanner. Womöglich hat sie bald wieder eine schwere Last zu schultern.

Es gibt zwei Sichtweisen. Die Skeptiker beklagen, der TSV verkaufe mit Timo Gebhart und den Benders sein wertvollstes Tafelsilber und stehe irgendwann mit leeren Händen da. Selbst aus den Worten des Präsidenten ist herauszuhören, dass er das Rückgrat nicht über Gebühr belasten will. "Dass unsere Potenziale im Jugendbereich endlich sind, ist klar."

Die optimistischere Prognose besagt, der TSV habe in der Begabtenförderung eine zu gute Infrastruktur, um wieder bei Null starten zu müssen. "Ein Verein wie 1860 wird nie ganz von vorne anfangen", versichert Ernst Tanner. "Dafür steckt zu viel Substanz und Leidenschaft drin."

Akut ändert sich an seinen Arbeitsbedingungen trotz Finanznot nichts. Eine Kürzung der Zuwendungen, die zwischen KGaA und e.V. im Verhältnis zwei zu eins aufgeteilt sind, steht nicht zur Debatte. Kein Sechziger-Boss käme auf die Idee, an den Wurzeln des Erfolgs die Axt anzulegen. Trotzdem spürt Tanner gelegentlich, dass die guten Taten und Fahndungserfolge der Talentspäher auch eine Kehrseite haben.

Ein Jahrgang wie der 89er, aus dem vier Löwen zu U 19-Europameistern reiften (Gebhart, Benders, Jungwirth), weckt Erwartungen, die die Folgejahrgänge kaum erfüllen können. "Das ist wahrscheinlich Deutschland-weit ein absoluter Ausnahmejahrgang", sagt Tanner. Aber schon in der Jugend hat er erlebt, wie die benachbarten Jahrgänge unter den Hochbegabten litten. Die Älteren wurden früh verdrängt, die Jüngeren hinkten mehr als nur ein Jahr hinterher.

So beschleicht Tanner manchmal das Gefühl, dass sich die Maßstäbe zu Ungunsten des zukünftigen Nachwuchses verschoben haben. Hoffnungsvoll veranlagte Jungkicker werden unter Wert gehandelt, weil ein Bender in ihrem Alter noch besser war. Das mag zwar stimmen, ist aber noch kein Grund, in Panik zu verfallen. Für den Fall, dass einer oder gar beide Zwillinge in anderthalb Jahren wechseln sollten, kündigt Tanner an: "Bis dahin kommen wieder Neue."

Im aktuellen Regionalligakader wüsste er ein paar Kandidaten. Die Verteidiger Florian Tausendpfund (22) und Julian Leist (20) seien "Topjungs", auch Rechtsaußen Sandro Kaiser (19) schon eine Überlegung wert. Dem Pädagogen in ihm wäre es am liebsten, wenn der Nachwuchs Zeit bekäme und die U 23 "physisch, taktisch und technisch einigermaßen stabil" verließe. Der Trainer in ihm weiß, dass das nicht so einfach zu realisieren sein wird. Manchmal ist der Bedarf da, und dann geht es bei 1860 ganz schnell.

Marc Beyer

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