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Dieter Schneider

Über St. Petersburg nach Paderborn

München – Kurz bevor am Freitag erneut die Vereinsoberen tagten, nutzte der Präsident die ruhige Mittagsstunde für eine überfällige private Besorgung.

Im Fanshop des TSV 1860, wo gegen Saisonende traditionell die Preise purzeln („20 Prozent auf alles“), probierte Dieter Schneider eine anthrazitfarbene Allwetterjacke an, ein Modell, das Profi Aleksandar Ignjovski im offiziellen Katalog bewirbt: wasserabweisend, 100 Prozent Polyester – 49,90 Euro (ohne Angestelltenrabatt). Die Umstellung auf flexible Frühjahrskleidung ist neben regelmäßiger Nahrungszufuhr eine weitere Selbstverständlichkeit, die der engagierte Sanierer zuletzt vernachlässigt hat. Seit er im Herbst den Rettungsauftrag erhielt, den er bis zur Selbstaufgabe verfolgt, hat er zwei seiner berühmten Trenchcoats eingebüßt. „Die hab ich anscheinend irgendwo hängen lassen“, begründete er seinen Spontankauf. Dazu kommt: Die Reiseziele, die Schneider und Geschäftsführer Robert Schäfer am Wochenende ansteuern, lassen das Mitführen einer Regenjacke ratsam erscheinen.

Regenwahrscheinlichkeit zehn Prozent, Höchsttemperatur 14 Grad – das sind die Wetterdaten für jene Etappe, die auf dem Weg zum Spiel in Paderborn (80 %, 17 Grad) auf der Flugroute liegt – sie stehen für St. Petersburg, wo sich der geheimnisvollste Gläubiger verbirgt, den die Löwen auf ihrer Liste haben. Der Millionenbetrag, mit dem der Verein bei einem Russen namens Dimitri Bushuev in der Kreide steht, geht noch auf die Amtszeit von Präsident Karl Auer zurück, der den mit Immobilien reich gewordenen Geldgeber nach dem Abstieg 2004 an Land zog. Die Gegenleistung war: Sohn Denis Bushuev, ein leidlich begabter Kicker, der zuvor bei Rot-Weiß Oberhausen unter Vertrag stand, sollte eine Chance im Profikader der Löwen erhalten. Über ein paar Nominierungen für die Ersatzbank und sieben Einsätze im U 23-Team kam er allerdings nicht hinaus.

Der Bittstellungsbesuch bei Bushuev senior ist nun eine späte Folge des Deals. „Es gibt gewisse Dinge, bei denen man sich in die Augen schauen muss“, erläutert Schneider den Abstecher in die schöne, aber abgelegene Zarenstadt (2400 km einfach). Stichwort: Teilforderungsverzicht. Bushuev, bestätigt Schneider, ist neben Schwarzer der letzte Wackelkandidat im Rettungskonzept. Aus Gründen des Anstands gehöre es sich da, persönlich vorzusprechen – auch wenn es in der heißen Endphase Zeit kostet.

Einer, der die Bushuevs persönlich kennt, glaubt, dass sich die Mühe lohnen wird. „Das ist eine hochanständige Familie“, sagt er. „Der Senior ist nur extrem öffentlichkeitsscheu, deswegen lässt er sich meist von einer Frau Belkowa vertreten.“ Großzügig soll Bushuev ohnehin sein. Die Zinsen auf sein seit sieben Jahren laufendes Darlehen (eine Million Euro zu sechs Prozent) soll er stets gespendet haben. Sie kamen der Jugendarbeit des TSV 1860 zugute, indirekt also – da schließt sich der Kreis – dem letzten Arbeitsplatz seines Sohnes. Nachdem Denis Bushuev (29) seine Karriere mangels Perspektive frühzeitig beendete, erhielt er eine Anstellung als Assistenzcoach bei der U17. Er gilt als „fachlich äußerst kompetent“, derzeit lernt er für den Trainerschein.

Gelingt die Einigung mit dem Bushuev-Clan, steht einer Rettung laut Schneider nicht mehr viel im Wege. „Die DFL ist sehr kooperativ“, sagt er, „wir nähern uns Schritt für Schritt an – bis es dann nur noch um die Wortwahl geht.“ Auch die Gefahr, dass Investor Hasan Ismaik die Lust verlieren könnte, sieht der Präsident nicht. „Er hat ja den Riesenvorteil, dass Herr Iraki vor Ort das meiste für ihn regelt“, sagt er. „Die zum Teil wirklich nervenzehrenden Gespräche hat er ja nicht.“

Die hat vor allem Schneider, der jedem Sturm trotzt, jetzt auch wörtlich, mit seiner neuen Jacke. Gedanken, dass er zu viel Gewicht verlieren könnte, müsse sich im Übrigen auch keiner machen: „Meine Frau passt schon auf.“

Uli Kellner

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