Werner Lorant im Interview

"Die Zeit bei den Löwen war mit die schönste"

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München - Werner Lorant, ein Kind der Bundesliga, spricht im Merkur-Interview über peinliche Niederlagen, (un)gesunde Härte und aussterbende Typen. Und natürlich über seine Zeit bei den Löwen.

Die Bundesliga geht in ihre Jubiläumssaison. Zum 50. Mal ermitteln die besten deutschen Profiklubs ihren Klassenbesten und die Riege der Durchfaller. Millionen Fans werden auf dem Weg dorthin Stadien füllen, Tore bejubeln, sich freuen, wenn neue Stars geboren und Sprüche geklopft werden. So war es noch in jeder der vergangen Spielzeiten. In unserre Serie blicken wir zurück. Den Anfang macht Werner Lorant (63), der streitbare Ex-Spieler und Trainer.

Herr Lorant, als Profi und Trainer haben Sie viele Spielzeiten miterlebt und mitgeprägt. Was macht aus Ihrer Sicht den Reiz der Bundesliga aus?

Werner Lorant: Es ist eine tolle Liga, das muss man einfach anerkennen. Die vielen Vereine, die rauf- und runtergehen, die Bayern, zuletzt die starken Dortmunder . . . Hochinteressant! Das kann man auch in Spanien, wo ich jetzt lebe, von vorne bis hinten mitverfolgen.

Gutes Stichwort. In den 70er-Jahren wurde ja noch nicht jedes Spiel live gezeigt, schon gar nicht aus 20 Kameraperspektiven. War es die schönere Zeit ohne diesen ganzen Medienrummel?

Lorant: Für die Spieler schon. Damals konnte man noch ein bisschen schlitzohrig Fußball spielen. Da konnte man noch richtig in die Zweikämpfe gehen, ohne dass alles gleich in fünf Zeitlupen gezeigt wird.

Andererseits stiegen mit dem öffentlichen Interesse auch die Verdienstmöglichkeiten. Für Sie ein Fluch oder eher Segen?

Lorant: Das Geld hat mit Sicherheit vieles kaputt gemacht. Früher hatten alle noch mehr Vereinsehre. Heute werden zwar auch Fünfjahresverträge gemacht, aber nach einem Jahr sind alle schon wieder weg.

Sie hatten allerdings auch eine Menge Vereine.

Lorant: Ja, weil ich musste. Borussia Dortmund war abgestiegen, da musste ich mir einen Verein suchen. Bei Saarbrücken war’s ähnlich. Ich hab aber auch vier Jahre in Essen und fünf bei Eintracht Frankfurt gespielt, so ist das ja nicht.

Bei Essen spielten Sie an der Seite von Typen wie Willi „Ente“ Lippens, Manfred Burgsmüller, Horst Hrubesch.

Lorant: Den Hrubesch hab ich ja selber entdeckt. Zu der Zeit ging das noch. Ich war damals Profi bei Rot-Weiß Essen und gleichzeitig Amateurtrainer beim SC Westtünnen. Da hab ich den Horst einfach mitgenommen, er ist einer von vielen Spielern, die ich geholt habe und die dann eine Fußballerkarriere gemacht haben.

An Spieler wie Hrubesch oder Lippens erinnert man sich auch noch 40 Jahre später.  Von wem aus der heutigen Spielergeneration wird man im Jahr 2050 noch sprechen?

Lorant: Das weiß ich nicht. Aber es ist schade, dass dann keiner mehr über meine Generation sprechen wird. Uns kennt dann kein Mensch mehr. Dabei gab’s so viele gute Typen damals, eigentlich in jeder Mannschaft. Grabowski, Hölzenbein, Nickel, Pezzey in Frankfurt. In Essen auch noch der Dieter Bast. Und ich war ja auch ein Typ (lacht). Es gab halt insgesamt mehr Schlitzohren.

Woran liegt es, dass die Typen aussterben?

Lorant: Weil die jungen Spieler in den Fußballschulen schon so erzogen werden. Ist ja gut, dass es diese Internate gibt, das sieht man am Nachwuchs, der heute sehr gut ausgebildet ist. Zu meiner Zeit musste man sich noch hocharbeiten.

Sie meinen: Auch mal die Ärmel einsetzen, um sich zu behaupten?

Lorant: Selbstverständlich. Die Ärmel musste man immer einsetzen. Spielen wollte jeder, aber die Trainertypen, die damals auch etwas anders waren, haben schon darauf geachtet, wer sich durchsetzen kann.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Berater, die den Spielern heute vieles abnehmen?

Lorant: Die sind mit Sicherheit nicht förderlich. Das geht ja schon in jungen Jahren los. Jeder 14-Jährige, der ein bisschen mit dem Ball umgehen kann, hat heute einen Berater. Früher haben das die Eltern gemacht oder auch die Spieler selber. Deswegen ist es heute sicher leichter, in die Profivereine zu kommen – vorausgesetzt man hat den Ehrgeiz, den braucht man immer.

Wer’s schafft, spielt anders als früher vor vollbesetzten Rängen, in modernsten Stadien. Wird man da neidisch?

Lorant: Das nicht, aber es ist schon was anderes heute. Die Stadien sind schön, die Plätze immer perfekt, ob im Sommer oder Winter, alle mit Rasenheizung. Früher haben wir auf hart gefrorenen Böden gespielt, auf Schnee – das war schon ein bisschen schwieriger. Heute könnte da keiner mehr spielen, sonst hätte man sofort acht Verletzte.

Einige Rekordmarken der Bundesliga haben Sie hautnah erlebt. Lassen Sie uns über das 1:11 sprechen, das Sie damals mit Borussia Dortmund gegen den FC Bayern erlitten. Wie konnte das nur passieren?

Lorant: (lacht) Das habe ich bis heute nicht ganz begriffen, wie sowas passieren kann. Das tut mir immer noch weh. Man darf aber nicht vergessen, dass die Bayern schon damals eine tolle Mannschaft hatten. Gerd Müller, Beckenbauer, Hoeneß, Breitner, Maier . . . Wir in Dortmund hatten eine ganz junge Mannschaft, neu zusammengestellt, mit vielen Spielern, die gerade erst aus dem Amateurbereich gekommen waren. Trotzdem durfte das natürlich nicht passieren.

Haben Sie damals auch schon vor Wut Gegenstände umgetreten wie später als Trainer?

Lorant: Nein. Da war man als junger Spieler nur deprimiert.

Einer Ihrer berühmten Sätze als Löwen-Trainer lautete: „Ein Lorant steigt nicht ab!“ Als Spieler jedoch hatte es Sie viermal erwischt ...

Lorant: ... das hat mir auch gereicht. Das hat mir immer so gestunken, dass ich das als Trainer nicht mehr erleben wollte.

Was lief damals schief in Dortmund, Essen, Saarbrücken, Schalke?

Lorant: Tja, das passiert halt. Man rechnet ja vorher nicht damit, dass man absteigt. Ein paar Mal ist es einfach dumm gelaufen. Gott sei Dank hatte ich das Glück, dass mich immer sofort ein anderer Bundesligist haben wollte.

Erfreulich dagegen: 46 Tore. Nicht schlecht für einen Defensivspieler, wobei natürlich auch Elfmeter dabei waren.

Lorant: Die muss man aber auch erst reinschießen. Das sieht man ja in der Champions League, dass sogar Nationalspieler das nicht hinkriegen.

War es Ihnen ein Anliegen, die Elfer zu schießen und auch sonst öfter mal mit vorzugehen?

Lorant: Selbstverständlich. Ich wollte immer Tore machen. Das ist doch das Schönste am Fußball. Mir kam sicher zugute, dass ich als A-Jugendlicher und auch bei den Amateuren eher offensiv gespielt hatte.

Berüchtigt war auch Ihre Zweikampfhärte . . .

Lorant: Ja, das war noch ein anderer Fußball, einfacher, schöner. Es wurde viel mehr Eins-gegen-Eins gespielt, und ich hatte immer die schöne Aufgabe, gegen die ganz Großen des deutschen Fußballs zu spielen, ob das Overath war, Flohe, Oblak – die ganzen offensiven Mittelfeldspieler, die’s heute nicht mehr gibt.

Fußball in München - so sah es früher aus

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Das erklärt also Ihre Bilanz von 67 Gelben und zwei Roten Karte in 325 Bundesligaspielen.

Lorant: Zum Fußball gehört nun mal der Zweikampf. Deswegen verstehe ich in der heutigen Zeit so viele Sachen nicht. Wenn ich höre: Verschieben, verschieben, verschieben . . . Aber keiner gewinnt einen Zweikampf! Wenn ich auf der rechten Seite meinen Zweikampf gewinne, dann brauche ich gar nicht erst nach links zu verschieben.

Zu Ihren Zweikampfopfern zählten auch Jupp Kapellmann, den Sie nicht jugendfrei anfassten und schwer quetschten. Und Theo Homann vom Wuppertaler SV, der daraufhin Sportinvalide wurde. Bereuen Sie das inzwischen?

Lorant: Was heißt bereuen? Bei Kapellmann war das nichts Schlimmes. Der war sowieso ein schlauer Fußballer, der das dann ein bisschen hochgespielt hat. Bei dem anderen tat mir das schon eher leid. So was am Knie kann einem ja auch mal selber passieren.

Bernd Hölzenbein hat angeblich mit Ihnen gedroht. „Ich hetz’ den Lorant auf dich“, soll er zu hartnäckigen Gegenspielern gesagt haben. Für Sie sowas wie ein Ritterschlag?

Lorant: Stolz bin ich nicht darauf, aber man sieht, dass sogar die eigenen Mitspieler Respekt hatten. Früher ging’s ja schon im Training entsprechend zur Sache. Da wusste jeder: Hoppla, wenn der Lorant kommt, musst du aufpassen! Respekt sollte man sich im Fußball immer verschaffen.

Zu Ihren sportlichen Erfolgen. Höhepunkt war sicher der UEFA-Cup-Sieg 1980 mit Frankfurt.

Lorant: Klar. Wenn man diesen Titel gewinnt, ist das das Größte. Erst recht, wenn man Bayern im Viertelfinale geschlagen hat und Gladbach im Finale. Wenn man vorher ein paarmal abgestiegen ist, tut das natürlich besonders gut. Du kannst solche Erfolge nur als Mannschaft feiern, der Einzelne zählt letztlich nichts.

Als Trainer hatten Sie Ihre erfolgreichste Phase beim TSV 1860. Aus der dritten Liga aufgestiegen, Derbysiege, Champions-League-Qualifikation. War es im Rückblick die schönste Zeit Ihres Lebens?

Lorant: Mit die schönste, ganz klar. Bei Fenerbahce Istanbul hatte ich auch zwei schöne Jahre, aber bei 1860 damals, da war was los in der Stadt! Zehn Jahre lang. Das war schon herrlich. Ich tu’s ja immer für die Vereine, nicht für mich.

Gerade nehmen die Löwen den neunten Anlauf, um aus der zweiten Liga aufzusteigen. Was geht da in Ihnen vor?

Lorant: Mir tut das vor allem für die Fans leid. Ich höre jedes Jahr am Anfang der Runde: Diese Saison steigen wir auf, diesmal wirklich. Dann kommen 45 000 zum Derby gegen Regensburg. Rieseneuphorie. Aber danach werden die Fans immer schnell enttäuscht. Das hat man auch jetzt wieder in Dresden gesehen. Da braucht mir keiner zu sagen: 2:2 ist gut. Unter dem Strich war das einfach viel zu wenig. Ich hoffe ja selber immer, dass sie wieder aufsteigen.

Schon früher trugen Sie Ihr Herz auf der Zunge, viele Sprüche von Ihnen werden noch heute zitiert. Bedauern Sie es, dass in punkto Unterhaltung so wenig nachkommt?

Lorant: Da sind wir doch wieder bei den Typen. Es sind halt seit Mario Basler keine mehr da. Die meisten haben auch ein bisschen Schiss und denken: Oh, das kommt dann in die Zeitung. Dabei gehört das doch zum Fußball dazu.

Ausdrucksstark sind dafür die Stylings der Spieler. Was halten Sie von den modernen Frisuren und den großflächig tätowierten Körpern?

Lorant: Damit muss man leben. Persönlich gefällt’s mir nicht, aber das ist halt die Mode. So sind eben die jungen Leute.

Und was denken Sie über Ihre Trainerkollegen? Ist Felix Magath der letzte Vertreter der alten Schule?

Lorant: Kann man so sehen, aber daran sind die Vereine schuld. Die wollen ja gar keine starken Trainer mehr. Es wird auch viel zu viel gewechselt: Von da nach da, da nach da, da nach da. Es bleibt doch keiner mehr länger als fünf Jahre bei einem Verein.

Würde es Sie trotz aller Vorbehalte noch mal reizen, einen Bundesliga-Klub zu trainieren?

Lorant: Selbstverständlich. Meine Erfahrung, mein Können – das würde ich gerne noch mal zeigen. Aber leider ist die Bundesliga auch ein bisschen eine Klüngelwirtschaft geworden. Da setzt sich nicht immer nur die Qualität durch.

Das Gespräch führte Uli Kellner

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