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Wettberg: „Trainer bei 1860 zu sein, das ist wie Rauschgift“

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Das Feuer brennt noch: Karsten Wettberg vor einer Woche in der Bayernliga. © dapd

München - Karsten Wettberg galt einst als „König von Giesing“ – am Donnerstag wird die frühere Kultfigur des 1860-Anhangs 70 Jahre alt. Im Geburtstags-Interview blickt er auf seine Karriere bei den Löwen zurück.

Karsten Wettberg hatte einst beim Anhang des TSV 1860 den Status einer Kultfigur. Nach neun Jahren Drittklassigkeit führte er die Mannschaft 1991 wieder in die Zweite Liga. Der gebürtige Brandenburger wurde für diese Tat gefeiert wie ein Volksheld. Im Jahr darauf stieg 1860 aber wieder ab, der enorm populäre Coach wurde entlassen. Seither wirkt Wettberg – und das mit großem Erfolg – im Amateurfußball. Derzeit betreut er den Bayernligisten SV Seligenporten. Den Löwen blieb er als Aufsichtsratsmitglied und Scout erhalten. Wettberg, der 1991 vom damaligen Münchner Oberbürgermeister Georg Kronawitter zum „König von Giesing“ geadelt wurde, feiert heute seinen 70. Geburtstag.

Karsten Wettberg, mit 70 Jahren sind Sie als Trainer des SV Seligenporten immer noch mit Feuereifer dabei. Sind Sie süchtig nach Fußball?

Man kann’s wohl sagen. Ich merke das immer besonders in der fußballlosen Zeit, dass es bei mir immer noch kribbelt. Ich habe immer noch Freude daran, mich zu messen, bin nach wie vor ehrgeizig. Am meisten machen die Spiele Spaß, bei denen viele Zuschauer da sind, wo die Atmosphäre gut ist, wo es eng wird und Emotionen dabei sind. Vor kurzem bin ich im Stadion allerdings als ,Dinosaurier der Liga’ begrüßt worden. Da bin ich dann schon kurz zusammengezuckt. Im Kopf fühle ich mich ja noch wie 50.

Als wahren Gefühlsvulkan hat man Sie in ihrer Zeit beim TSV 1860 erlebt. Wie fällt da Ihr Blick zurück aus?

Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich das gar nicht so sehr genießen konnte. Das ist alles zu schnell gegangen. Bei solchen Fans, die Sechzig immer noch hat und die nur mit denen von Schalke oder St. Pauli vergleichbar sind, da schwappt alles natürlich über. Auch die Gefühle. Fußball war für mich immer das Leben im Zeitraffer. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – das liegt da ganz nah beieinander. Und eines ist auch klar: Trainer bei 1860 zu sein, das ist wie Rauschgift.

Unvergessen ist, wie Sie im entscheidenden Spiel um den Zweitliga-Aufstieg 1991 im Grünwalder Stadion ihren Regenschirm zertrampelt und sich Ihre Kleider vom Leib gerissen haben . . .

Einspruch, Einspruch! Das mit dem Regenschirm stimmt. Aber das mit den Kleidern wird zwar so erzählt, war aber anders. Da gibt es Bildbeweise. Die Kleider haben mir die Fans heruntergerissen. In der Menschentraube, die mich auf die Schultern nahm, hat mir der eine den linken Turnschuh runtergezogen, der andere das T-Shirt . . . Am Ende hatte ich wirklich nichts mehr an außer meiner Unterhose. Das war zwar sicher nicht von mir beabsichtigt. Aber das hat mir nicht nur von meiner Frau sondern auch von der Lilo Knecht, der damaligen 1860-Präsidentin, herbe Kritik eingebracht (lacht).

Beim TSV 1860 schien damals ja der Fußball-Wahnsinn auszubrechen.

Wir hatten lange gebraucht, neun Jahre insgesamt, bis wir wieder aufgestiegen sind. Der Verein lag darnieder, dann haben wir 54 Spiele in Serie nicht mehr verloren. Das hat sich wie eine Lawine aufgebaut. Da sind natürlich die Emotionen übergekocht. Ich bin auch froh, dass ich so ein Typ bin, der darin aufgeht. Nur deswegen kann ich das so lange machen. Ich fresse die Gefühle nicht in mich hinein. Es gibt ja auch genug Ärger im Fußball. Ich kann das alles ausleben.

Sie haben damals im Grunde zwei Berufe gleichzeitig ausgeübt: Sie waren Postbeamter und Fußballtrainer. Wie ging das?

Ja, ich habe neben 1860 noch voll gearbeitet. Das glauben viele nicht. Aber der Horst Seehofer hat mir beim Postminister Wolfgang Bötsch geholfen, so dass ich der erste und einzige Postbeamte sein konnte, der an zwei Tagen in der Woche beurlaubt wurde. Ich war damals schon Amtmann und stand zum Oberamtmann beziehungsweise zum Oberamtsrat an. Das wollte ich nicht aufgeben. Das konnte ich auch meiner Familie, die mich in dieser Zeit nur zum Schlafen gesehen hat, nicht antun. Der Profi-Fußball hat ja Anfang der 90-er Jahre noch nicht die finanzielle Absicherung geboten wie heute.

Als die Löwen 1992 wieder abstiegen, wurden Sie vom Vereinschef Karl-Heinz Wildmoser entlassen. War das der Tiefpunkt Ihrer Trainerkarriere?

Es war deswegen besonders bitter, weil 1860 mein Wunschverein war.

Sie sind bis heute Löwen-Fan geblieben. Wie ergeht es Ihnen da in der achten Zweitliga-Saison in Folge?

Ich leide. Schon seit langem. Aber die Hoffnung habe ich noch längst nicht aufgegeben.

Woran knüpft sich denn diese Hoffnung?

Man muss da den Namen Dieter Schneider erwähnen. Also den Präsidenten. Der ist ganz wichtig. Und natürlich auch Investor Hasan Ismaik. Wir sind da mit den beiden auf einem guten Weg. Die Verantwortlichen wissen, dass die Mannschaft verstärkt werden muss. Die Kosten in der Allianz Arena sind ja auch so hoch, dass wir gezwungen sind, in den nächsten Jahren aufzusteigen.

Für Sie gilt also weiterhin der 1860-Slogan aus den frühen 70-er Jahren „Wir kommen wieder“?

Ja. Und ich hoffe, das mich der Herrgott den Aufstieg noch erleben lässt. Ich würde mich riesig darüber freuen. Aber ausziehen lassen würde ich mich sicher nicht mehr.

Das Interview führte Armin Gibis

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