1. Startseite
  2. Sport
  3. TSV 1860

Ambitioniertes Projekt

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Alles im Griff: Vitor Pereira.
Alles im Griff: Vitor Pereira. © Rauchensteiner

Es sind Transfers, die spät kommen, aber wohlüberlegt scheinen. Vitor Pereira hat offenbar genaue Vorstellungen, wie und mit wem er das Löwen-Team neu aufbauen will. Jetzt kommt es auf sein Händchen an.

Ein Ausflug auf die Blumeninsel Madeira. 18 Grad bei angekündigtem Sonnenschein. Es ist eines der attraktivsten Auswärtsspiele in der Segunda Liga Portugals, das den SC Portimonense am Samstag erwartet. Der Klub fliegt als souveräner Tabellenführer in die Heimat von Stürmerstar Ronaldo, es winkt ein weiterer Sieg auf dem vorgezeichneten Weg Richtung 1. Liga. Zwei der Besten, Amilton und Lumor, verzichten trotzdem darauf. Sie tauschen ihren durchaus angenehmen Arbeitsalltag gegen – oberflächlich betrachtet – etwas weniger rosige Aussichten: Abstiegskampf in der 2. deutschen Bundesliga. Eiseskälte beim Heimspiel heute Abend gegen Fürth. In einem riesigen Stadion, in dem 58 000 der 75 000 Plätze leer bleiben werden.

Sie werden sich ihre Entscheidung gut überlegt haben. Das Gleiche gilt für Abdoulaye Ba, der zuletzt in der ersten türkischen Liga verteidigt hat. Und für Christian Gytkjaer, den Torschützenkönig vom norwegischen Meister Rosenborg Trondheim. Denkbar ist, dass ein paar Ismaik-Millionen als Argumentationshilfe gedient haben. Anerkennenswert ist es allemal, dass der seit Jahren notleidende TSV 1860 noch immer so viel Strahlkraft besitzt, um ambitionierte Spieler nach München zu locken.

Für sich genommen ergibt jeder Transfer durchaus Sinn: Gytkjaer kommt als Ersatz für den verletzten Mölders. Der erfahrene Ba soll der neuen Dreierkette Halt verleihen. Leihgabe Lumor bekleidet die europaweit gesuchte Position des Linksverteidigers (und würde festgeschriebene 10 Mio. Euro kosten). Amilton schließlich gilt als Flügelstürmer mit eingebautem Tordrang. Alles so weit stimmig. Bedenklich stimmt nur: Es sind ein bisschen viel Kulturen auf einmal, die jetzt in Giesing aufeinanderprallen. Und: All diese Spieler wurden wenige Stunden vor dem Rückrundenstart verpflichtet – wenn es bei normalen Klubs nur noch darum geht, sich auf den passenden Tee für die Halbzeitpause festzulegen.

Das Beste an diesen Transfers ist aber, dass fast alle den Stempel „Vitor Pereira“ tragen. Der portugiesische Trainer ist selbstbewusst genug, um nicht alles abzunicken, was ihm von Ismaiks Beraternetzwerk vorgesetzt wird (den Norweger Forren zum Beispiel schickte er direkt wieder heim). Pereira kauft die Spieler gezielt für sein System (3-4-3), die meisten hat er lange beobachtet, wenn nicht gar selbst trainiert. Jetzt liegt es an ihm, sie harmonisch in das bestehende Gefüge einzupflegen – unter Wahrung des Betriebsfriedens. Leicht wird das nicht, wenn man bedenkt, dass sich bald zwei Drittel des Kaders die Plätze auf Tribüne und Ersatzbank teilen müssen.

Aber: Es muss ja nicht kommen wie 2014/15, als Gerhard Poschners Multi-Kulti-Projekt beinahe im Abstieg gegipfelt hätte. Sollte Pereira eine Siegesserie starten wie bei den meisten seiner Vereine, dann kann es auch schnell passieren, dass eine positive Eigendynamik entsteht, die Neuzugänge zu Helden werden lässt und Neugierige in die Arena lockt. Eines nämlich bieten weder Uniao Madeira noch der SC Portimonense: Ein riesiges, schlummerndes Fanpotenzial – mit der Bereitschaft alles, was negativ war (und noch immer ist), schnell auszublenden.

Auch interessant

Kommentare