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„Wir widmen Flo den Sieg“

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Menschliche Tragödie: Der verletzte Florin Lovin wird unter Schmerzen abtransportiert. © sampics

München – Die ganz große Freude wollte bei den Löwen nicht aufkommen. Als der Fehlstart durch ein 3:1 (0:0) über schwache Fürther abgewendet war, spielten sich zwar die üblichen Jubelrituale auf dem Rasen ab.

Doch die Erinnerung an die folgenschwere Szene in der 6. Minute, als sich Mittelfeldlenker Florin Lovin bei einem Pressschlag gegen Mokhtari einen Beinahe-Totalschaden im linken Knie zugezogen hat (Innenband- und Kreuzbandriss), kehrte bald zurück. „Der Junge ist fix und fertig“, berichtete Ewald Lienen, der sich seit seinem aufgeschlitzten Oberschenkel mit Höllenqualen auskennt und die menschliche Tragödie einfühlsam schilderte: „Das war ganz, ganz bitter zu sehen. Er lag in der Kabine und war nur am Weinen. Er hat im Grunde genommen gewusst, dass alles kaputt ist. Das hat der Junge nicht verdient.“

Trotz aller Tragik war die Szene für Lienen „ein ganz wichtiger Punkt“, dass die Löwen die Wende noch erzwungen haben. „Die Mannschaft stand in der Halbzeit um den Flo herum und hat sich eingeschworen, für ihn das Allerletzte zu geben.“ Mit Erfolg. „Wir widmen dem Flo diesen Sieg“, sagte der sonst nicht zu pathetischen Formulierungen neigende Jose Holebas, der mit seinem Kopfballtor nach einer Ecke (51.) alle Blockaden gelöst hatte. „So einen Preis zu bezahlen und dann nicht mal die drei Punkte zu holen, wäre fatal“, betonte Lienen, der ein janusartiges Fazit sprach: „Wir genießen es, dass wir das Spiel gewonnen haben, aber wir sind sehr, sehr traurig über das, was dem Flo passiert ist.“

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Der schlimme Moment: Bei diesen Presschlag gegen Youssef Mokhtari erlitt Florin Lovin seinen Kreuzbandriss. © sampics

Wie so oft müssen die Löwen also frühzeitig in der Saison eine als Führungsspieler geplante Stammkraft abschreiben (in der jüngeren Vergangenheit waren das u.a. Schroth, Göktan, Bierofka). Die Prognosen bei Lovins Verletzungen reichen von sechs Monaten Pause bis zu einem vorzeitigen Saisonaus, und die 83. Minuten, die am Samstag ohne den erfahrenen Rumänen stattfanden, deuteten bereits an, wie die Mannschaft ohne ihren „Dreh- und Angelpunkt“ (Lienen) zurecht kommen könnte. Gegen Fürth kam sie zunächst mal gar nicht zurecht. Lienen lobte zwar ausdrücklich den Nachrücker Mathieu Béda („Er hat seine Sache als gelernter Abwehrspieler sehr gut gemacht“). Besser und geordneter lief das Spiel aber erst, als der Coach nach der Pause Tarik Camdal zu seinem Zweitligadebüt verhalf – und sich die Gäste durch eine Rote Karte gegen Hrgovic selber dezimierten (64.).

Ab da wurde das als 4-2-3-1 angelegte System mit Alexander Ludwig als hängende Spitze mit Leben gefüllt, denn plötzlich kamen auch von links Pässe, wo sich Kenny Cooper zuvor erfolglos bemüht hatte. „Tarik ist immer anspielbar“, lobte Lienen, „ er hält die Bälle und geht auch mal an einem vorbei, was die Grundvoraussetzung dafür ist, dass sich die Außenverteidiger einschalten können.“ Schön zu sehen nicht nur bei Holebas’ 1:0, sondern auch bei Rukavinas abgefälschter Flanke, die Benny Lauth mit dem Rücken zum Tor zum 2:0 über die Linie schnibbelte (74.). Nach dem späten Anschlusstreffer der Fürther hatte auch Ludwig endlich seinen großen Auftritt. Er durfte den ausgewechselten Lauth nicht nur als Kapitän, sondern auch als Elferschütze vertreten. Der aufgekratzte Spielmacher sprach hinterher von „besonderen Glücksgefühlen“, sein Coach bemerkte spitz: „Fakt ist, dass der Lude so einen wesentlich kürzeren Weg zum Elfmeter hatte, als wenn er links spielt.“

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Ist die (Not-)Lösung mit Béda neben dem aufstrebenden Ignjovski (holte nach Dribbling auch den Elfer raus) und einer Dreierreihe hinter Lauth also das System der Zukunft? Lienen meinte: „Wir werden Flos Ausfall im Kollektiv auffangen.“ Zu einer Doppelsechs, bestehend aus den Löwen-Bubis Camdal (18 Jahre, 1,72 m) und Ignjovski (18 Jahre, 1,75 m), wird es eher nicht kommen. „Das wäre nicht nur eine sehr junge Lösung“, findet Lienen, „ich glaube, es wäre auch keine gute Idee, vor der Abwehr in Parkuhrgröße zu spielen.“

Nicht auszuschließen ist auch, dass 1860 noch einen vertragslosen Profi holt, den man auch nach dem Ende der Transferperiode verpflichten darf. Lienen ahnt: „Ab sofort werden unsere Mailboxen voll sein.“ Nur im Scherz meinte der Trainer, dass man mal beim DFB und in Leverkusen vorfühlen werde, ob man Lars Bender nicht „per Sondergenehmigung“ zurückholen dürfe, „ich kann ja mal den Jupp fragen“, Leverkusens Coach und Lienens Gladbacher Spezl. Nachtrauern will er Bender aber nicht: „Wir haben das sehenden Auges gemacht, weil der Junge weg wollte und uns das finanziell sehr gut getan hat.“ Aber: Genau vor dieser Situation hatte Lienen immer gewarnt.

von Uli Kellner

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