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Geräte für Siegfahrer: Der deutsche Verband hat fünf Wallner-Zweierbobs gekauft - eine lohnende Investition.

WM am Königssee

Wallner, der Bob-Baumeister

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Durch den Kauf von vier Bobs des österreichischen Herstellers Hannes Wallner hat der deutsche Verband den Konkurrenzkampf im Materialsektor verschärft. Die Schlitten aus Tirol laufen bei den beiden WM-Favoriten Johannes Lochner und Francesco Friedrich bestens. 

München – Man muss nicht mit jedem gut können, aber man kennt sich, man schätzt sich, „und mit einigen von ihnen“, sagt Hannes Wallner, „gehe ich sogar ab und an auf ein Bier“. An solchen Abenden, die am Rande des Weltcup-Zirkusses der Bobfahrer stattfinden, sitzen sie dann also an einem Tisch: Die Konstrukteure und Gerätebauer, die im Eiskanal Konkurrenten sind. Unter ihnen Wallner, Inhaber eines Zwei-Mann-Betriebs aus Tirol – bekannt als: Mann der Stunde.

Wenn an diesem Wochenende am Königssee in den Zweier-Konkurrenzen der Frauen und Männer die ersten Weltmeister gekürt werden, geht es am Ende nicht nur um die Gesichter der Sieger. Denn die Bobbranche, sagt Wallner mit mehr als 25 Jahren Erfahrung, ist ein „beinhartes Geschäft“. Im Hintergrund – dort, wo Großkonzerne wie BMW oder Hyundai Millionen in technische Entwicklung auf allerhöchstem Niveau investieren – spielt auch Wallner mit. Der ehemalige Bobfahrer („nicht erfolgreich“) bezeichnet sich als „vom Rennsport Getriebener“.

Mehr als sechs Jahre lang hat der 50-Jährige die russischen Bobs produziert, unter anderem fuhr Alexander Subkow in Sotschi im Wallner-Schlitten zwei Mal zu Gold. Der Bruch folgte, als im krisengeschüttelten Verband keine finanziellen Zusagen mehr gemacht werden konnten. Anfragen hatte Wallner genug – und seit dieser Saison ist er im Zielraum mit gelber Jacke zu sehen, als Betreuer der deutschen Mannschaft. Dort gilt er als personifizierte Hoffnung auf Edelmetall. Bei der WM wie bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr in Pyeongchang.

Das Aufrüsten der Bobbauer ist ein eigener Wettbewerb, der in vorolympischen Jahren besonders intensiv ist. Weil vor allem die Zweierbobs des staatlich geförderten Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) auch nach dem medaillenlosen Debakel von Sotschi nicht richtig in Fahrt kamen, schaute sich der deutsche Verband (BSD) nach Alternativen um. Konkurrenz belebt das Geschäft, heißt es ja. Was der ehemalige Bundestrainer Christoph Langen noch angestoßen hat, setzte sein Nachfolger Rene Spies im Sommer dann um. Man investierte in vier Wallner-Zweierbobs, die parallel zum FES-Material getestet werden. Wenn man die Bilanz von 19 zum Großteil in Wallner-Schlitten herausgefahrenen Podestplätzen in der laufenden Weltcup-Saison heranzieht, weiß man, wer in der Konstrukteurs-Wertung im Moment die Nase vorne hat.

Hannes Wallner würde es nie aussprechen, der Tiroler weiß aber ganz genau um seinen Stellenwert im deutschen Team. Auch ihn erfüllt es „mit Stolz“, sagt er, „dass so eine Wintersport-Nation mit einem kleinen Hersteller wie mir zusammenarbeiten will“. Unter den vier privaten Bobbauern im Weltcup genießt er im Moment den besten Ruf. Die Russen fahren nach wie vor im Wallner-Schlitten, genau wie die starken Koreaner und der Österreicher Benjamin Maier. Einen Exklusiv-Vertrag mit den Deutschen hat er nicht, noch nicht? „Alles eine Frage des Geldes“, sagt er, abgeneigt wäre er nicht. In einer mündlichen Vereinbarung mit dem BSD ist immerhin geregelt, dass Wallner nur für das BSD-Team „strategisch“ arbeitet, testet und weiterentwickelt. Der Rest bekommt „normale Service-Leistungen“.

Wallner ist bei jedem Rennen vor Ort – und da, wenn man ihn braucht. Als Johannes Lochner neulich die Sitzschale brach, reparierte er sie noch nach Feierabend. Der Berchtesgadener übrigens kommt so gut in den Bobs zurecht, dass er sich mit Hilfe eines privaten Sponsors auch noch einen Wallner-Viererbob gekauft hat. Seitdem, sagt Lochner, „fahre ich den Bob – und nicht mehr andersrum“. Der 26-Jährige will auch nicht mehr umsteigen. Wie Francesco Friedrich und Nico Walther muss er eine Woche nach Saisonende eine endgültige Entscheidung treffen.

Wenn man sich in Wallners Räumlichkeiten im Tiroler Örtchen Volders umblickt, merkt man schnell, warum er manchmal scherzhaft als „Konstrukteur der alten Schule“ bezeichnet wird. Statt Computer-Arrangements sieht man Holztische, statt an einem Bildschirm sitzt Wallner an einem Skizzenblock. Er hat jemanden, der für ihn schweißt, einen anderen, der Material schneidet. Zusammengefügt aber wird alles beim Chef höchstpersönlich.

Als Maschinenbauer und Gemmologe hat Wallner beste Qualifikationen, viel wichtiger für den Erfolg ist aber seine Leidenschaft. Dass er neben seinem Beruf als Edelsteingutachter überhaupt Bobs baute und sich schließlich vor sechs Jahren selbstständig machte, lag an seinem mäßigen Erfolg als Pilot. „Das Defizit am Start wollte ich mit guten Materialien wettmachen“, sagt er. Geklappt hat das zu aktiven Zeiten kaum, danach aber umso besser.

An diesem Wochenende fahren sowohl Titelverteidiger Friedrich als auch Lochner im Wallner-Bob. Und der Konstrukteur gibt zu: „Ich freue mich, wenn ich alle anderen schlage.“ Zu einem Bier wird es dieser Tage nicht kommen. Denn der Wettstreit neben der Bahn erlebt nun seinen Höhepunkt.

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