1. Startseite
  2. Sport
  3. Wintersport

China: Goldgewinner und Außenseiter – Gastgeber mit deutlich besserer Medaillenbilanz als 2018

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christiane Kühl

Kommentare

Der 17-jährige Su Yiming feiert seinen Olympiasieg im Snowboard Big Air-Wettbewerb
Neuer Teenie-Star Chinas: Der 17-jährige Su Yiming feiert seinen Olympiasieg im Snowboard Big Air. © Imago/Kyodo News

China hat bei den Heim-Winterspielen deutlich mehr Medaillen geholt als 2018 in Pyeongchang. Doch in den traditionellen Wintersportarten hat das Land noch einen weiten Weg vor sich.

Peking/München — Eileen Gu war in ihrer Paradedisziplin nicht zu schlagen. Am Freitagmorgen holte Chinas Ski-Freestyle-Wunderkind mit großem Vorsprung Gold in der Halfpipe. In eisiger Kälte und Windböen von bis zu 20 Kilometern pro Stunde gelangen ihr in jedem Lauf hohe Sprünge, sichere Landungen und perfekte Grabs an den Ski. „Let‘s Go!“ brüllte die Athletin mit amerikanischen Wurzeln in die Kamera, nachdem sie bereits im ersten Durchgang in Führung gegangen war. Ihr zweiter Durchgang war der Beste; am Ende lag Gu mit 95,25 Punkten deutlich vor dem kanadischen Duo aus Pyeongchang-Olympiasiegerin Cassie Sharpe (90,75) und Vizeweltmeisterin Rachael Karker (87,25). Die 18-Jährige ist damit Chinas erfolgreichste Athletin der Olympischen Winterspiele im eigenen Land.

Es war die vierzehnte Medaille für das Gastgeberland China, das damit am Freitag auf Rang 4 des Medaillenspiegels vorrückte. Achtmal Gold, viermal Silber und zweimal Bronze lautete die vorläufige Bilanz. Dass China den Coup der Sommerspiele von Peking 2008 nicht wiederholen konnte, war allen klar. Damals holte es mehr Medaillen als jedes andere Land. Trotzdem ist die Medaillen-Ausbeute von Peking ein echter Erfolg für die Gastgeber. Denn bei den Winterspielen von 2018 im koreanischen Pyeongchang holte China insgesamt nur neun Medaillen und lag am Ende auf Rang 16 der Nationenwertung. Das einzige Gold gelang Wu Dajing auf 500 Meter Shorttrack, dem Kufenflitzen in einem engen Rund, auf einer Spur mit den Gegnern.

Diese Ausbaute wollten Chinas Sportfunktionäre unbedingt toppen. Das zweite Ziel: Bei allen Disziplinen einen Athleten oder eine Athletin ins Rennen schicken. Dafür unternahm China enorme Anstrengungen — vor allem in den traditionellen Wintersportarten, die in dem Land gar keine Tradition haben. Peking heuerte renommierte ausländische Trainer an und schickte ab 2018 Dutzende vielversprechende Athleten an die besten Trainingszentren in Norwegen, Österreich oder Finnland. Die meisten dieser Winter-Olympioniken in Spe hatten vorher ganz andere Sportarten betrieben, von Kajakfahren bis Hürdenlauf. 

Am Ende nahm Team China tatsächlich fast überall teil — selbst im Team-Skispringen, wo vier großschanzentaugliche Männer gebraucht wurden. Doch Medaillen und gute Platzierungen holten Chinas Athleten vor allem dort, wo sie immer schon gut waren. Im Shorttrack und eben im Freestyle. Das Ski-Freestyle Team um Eileen Gu und die Aerials-Spezialisten holte allein fünf dieser Medaille. Vier weitere entfielen auf Shorttrack. Nur vier weitere zählen als Überraschungen: Bronze im Skeleton, Gold im 500m-Eisschnelllauf der Männer und Gold und Silber für den jungen Snowboarder Su Yiming. 

Chinas junge Trendsportler: Eileen Gu und Su Yiming

Der 17-jährige Su avancierte neben dem chinesisch-amerikanischen Freestyle-As Eileen Gu zu den Teenie-Superstars dieser Spiele. Nach Olympiasiegen der beiden fegten Stürme der Begeisterung durch Chinesische Sozialmedien. Und damit sind die populärsten Athleten des Landes ausgerechnet in jenen Disziplinen aktiv, die von freiheitsliebenden und unkonventionellen Sportlern dominiert werden. Genau das hatte Eileen Gu schon als Kind in den USA fasziniert. Auch der 17jährige Su ist kein typischer Kaderathlet, sondern sieht cool aus und betreibt als Hobby die Schauspielerei. Dennoch gehört er zu den wenigen Wintersport-Athleten Chinas, die seit Kindesbeinen ihren Sport betreiben: Su stand mit vier Jahren erstmals auf dem Snowboard. Jede Nacht habe er von diesem Moment geträumt, sagte Su nach seinem Olympiasieg in der Big Air-Disziplin, den er im Auslauf ausgiebig feierte — umarmt auch von seinen älteren, meist einen Kopf größeren Rivalen. In der Szene gilt er als diszipliniert und locker zugleich – und als künftiger Superstar.

Die in Kalifornien als Tochter einer chinesischen Mutter und eines US-amerikanischen Vaters geborene Eileen Gu wurde schon vor den Spielen zum Star, gefeiert für ihre Entscheidung, für China zu starten. Und die „Schneeprinzessin“ erfüllte die großen Hoffnungen, die das Land in sie setzte: Vor ihrem Olympiasieg vom Freitag holte sie bereits mit atemberaubenden Sprüngen Gold im Big Air. Silber gelang ihr im Slopestyle trotz eines Sturzes im zweiten Versuch.

Doch Eileen Gu verzettelte sich während der Spiele ein wenig in der Geopolitik. Durch ihren Fahnenwechsel 2019 von den USA zu China hat sie sich unfreiwillig in ein politisches Minenfeld begeben. In den USA werfen vor allem Konservative ihr “Verrat” vor. China feiert zwar seinen neuen Gold-Star. Doch auch dort mischt sich in die Begeisterung eine Debatte über ihre unklare Staatsbürgerschaft und ein wenig Unmut über ihr privilegiertes Leben. Gu schweigt stets zu der Frage, ob sie ihren US-Pass behalten hat, was in China eigentlich verboten ist. Unbedarfte und abgehoben erscheinende Aussagen etwa zur Internet-Zensur in China lösten immer wieder kleine Debatten im Netz aus. Doch Gu scheint die Anfeindungen weggesteckt zu haben. „Es waren zwei Wochen mit den intensivsten Höhe- und Tiefpunkten, die ich je erlebt habe“, sagte Gu am Freitag nach ihrem zweiten Olympiasieg. „Mein Leben hat sich für immer verändert.“

Die Erfahrenen: Chinas Aerials-Team

Chinas Ski-Freestyle besteht allerdings nicht nur aus Eileen Gu. Seit Jahren sammelt die Volksrepublik Erfolge in den Aerials, auch Ski-Kunstspringen genannt. Dabei katapultieren sich die Athleten von einer Sprungschanze mit fast senkrecht nach oben weisender Absprungfläche in schwindelnde Höhen und landen nach Schrauben, Salti und anderen Kunststücken oft ziemlich hart im Auslaufhang. Es ist eine spektakuläre Sportart, doch Chinas Aerials-Athleten sind keine Szene-Ikonen. Die beiden neuen Olympiasieger Xu Mengtao bei den Damen und Qi Guangpu bei den Herren gehören mit ihren 31 Jahren noch einer anderen Athletengeneration an. Beide haben viele Medaillen gesammelt in ihren langen Karrieren, aber holten in Peking das erste Mal Olympia-Gold. Xu brüllte nach ihrem Sieg im Auslauf ihre Freude in den rieselnden Schnee, minutenlang. 

Im Mixed verhinderte nur die Bruchlandung des Teamkollegen Jia Zongyang im Finale das dritte Aerials-Gold für Team China. Am Ende wurde es immerhin Silber hinter den USA. Pechvogel Jia stürzte auch beim Einzel und brachte sich damit um jede Medaillenchance. 2014 und 2018 hatte der 30-Jährige Bronze und Silber geholt. 

Licht und Schatten für China im Shorttrack

Zweimal Gold, je einmal Silber und einmal Bronze, mehrere schwächere Läufe und eine Disqualifikation: Die Bilanz in Chinas Paradedisziplin Shorttrack ist gemischt. Zum ersten Mal war in Peking eine Mixed-Staffel olympische Disziplin — und dieses Mixed gewann am allerersten Wettkampftag gleich Gastgeber China. Und zwar auf kuriose Weise: Im zweiten Halbfinale waren die Chinesen nur Vierter geworden, rutschte durch Disqualifikationen für die USA und die russischen Athleten noch ins Finale. Dort setzte sich das Quartett vor Italien und Ungarn durch. Am Montag holten Ren Ziwei und Li Wenlong über 1.000 Meter der Herren Gold und Silber. Beide profitierten allerdings von einem Fehler des chinesischstämmigen Ungarn Sandor Shaolin Liu. Dieser verhakte sich beinahe mit Ren, beide überquerten praktisch gleichzeitig die Ziellinie. Doch der Ungar hatte kurz zuvor regelwidrig die Spur gewechselt und wurde disqualifiziert. Die Frauen-Staffel holte in der zweiten Wettkampfwoche Bronze. 

Doch sonst gingen die Gastgeber leer aus: Ren Ziwei gewann über die 1500m zwar sein Viertelfinale, wurde aber im Halbfinale wegen einer Regelwidrigkeit disqualifiziert.

Und es gab Ärger im Zusammenhang mit dem Mixed-Gold: Kwak Yoon Gy aus dem zweitplatzierten Mixed-Team aus Südkorea bezeichnete Chinas Sieg in der koreanischen Presse als „illegitim“. Es sei bei den Disqualifikationen der Russen und Amerikaner nicht mit rechten Dingen zugegangen. Schwerer aber wogen zwei andere Vorwürfe. Ein chinesischer Skater schob im Rennen einen Gegner mit beiden Händen beiseite – und wurde nicht disqualifiziert, obwohl das verboten ist. Auf einem Video ist zudem zu sehen, wie ein Chinese den Puck zur Spurbegrenzung einem Gegner zwischen die Beine schiebt. Dieser stürzte daraufhin. Es sei ein Unfall gewesen, betonte das chinesische Team hinterher. Auf dem Video aber sieht es dann doch eher nach einer bewussten Bewegung aus. So oder so: Chinas erste Goldmedaille der Winterspiele hat durch die Videos ein gewisses Geschmäckle bekommen.

Chinas Überraschungssieger: Eisschnelllauf und Skeleton

Im Eisschnelllauf holte China durch den Sieg von Gao Tingyu zudem das allererste Mal Gold über die 500 Meter der Herren. Gao stellte dabei gleich auch einen neuen Olympischen Rekord auf. Der junge Eisschnellläufer hatte bei der Eröffnungszeremonie zu den zwei Fahnenträgern seines Landes gehört. Im Eisschnelllauf hat China bei vergangenen Winterspielen immer wieder mal Einzelerfolge verbucht.

Noch unwahrscheinlicher waren Erfolge im Eiskanal. Während sich die deutsche Berichterstattung über das Skeleton-Rennen der Herren auf das eigene Gold und Silber konzentrierte, interessierte sich China mehr für den dritten Platz: Denn Bronze holte überraschend Yan Wengang aus Tianjin — ein wichtiger Meilenstein. Das Land hat im Skeleton noch nie Edelmetall geholt. In Pyeongchang hatte der bestplatzierte chinesische Teilnehmer 2018 auf Platz 13 gelegen.

Generell spielte Team China im Eiskanal keine Rolle bei den Entscheidungen. Einen Achtungserfolg gab es bei der Olympia-Premiere des Monobob der Damen ein: Bei dem klaren Sieg der Weltmeisterin Kaillie Humphries aus den USA landeten mit Huai Mingming auf Rang sechs und Ying Qing auf Rang neun gleich zwei Chinesinnen in den Top Ten. 

Die Abgeschlagenen: Keine Erfolge für China in traditionellen Wintersportarten

Doch anderswo blieb der erhoffte Durchbruch aus. Der Aufbau leistungsfähiger Teams in klassischen Sportarten wie Langlauf, Skispringen, Rodeln oder Ski Alpin wird trotz des Einsatzes erfahrener ausländischer Trainer noch Jahre dauern. Die von den Ex-Stars Darja Domratschewa und Ole Einar Björndalen trainierten Biathleten etwa schossen zwar ganz gut, aber liefen auf der Loipe hinterher. Kein Skispringer oder Alpin-Skifahrer erreichte den zweiten Durchgang. Für die Spiele zuhause galt jetzt das Olympische Prinzip: Dabeisein ist alles. Doch es ist kaum zu erwarten, dass China sich damit langfristig zufriedengibt. (ck)

Auch interessant

Kommentare