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China: Olympia-Gastgeber hat nur in zwei Sportarten Medaillenchancen, trotz außergewöhnlicher Methoden

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Von: Christiane Kühl

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Chinas Eileen Gu mit Skiern und Cowboyhut feiert auf dem Podium ihr Gold im Freestyle-Halfpipe in Calgary
Gold in der Halfpipe: Chinas Freestyle-Ass Eileen Gu feiert ihren Sieg beim Worldcup in Calgary Anfang Januar © Evan Buhle/Imago/Zuma Press

China ist keine Wintersportnation. Die Medaillenchancen sind bescheiden. Gute Aussichten gibt es nur im Short Track und Ski-Freestyle. Dabei griff das Land durchaus zu unkonventionellen Maßnahmen.

Peking/München – Eisschnellläufer Gao Tingyu und Skeleton-Pilotin Zhao Dan werden die chinesische Flagge bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele am Freitag ins „Vogelnest“ von Peking tragen. Die beiden sind keine Superstars. Doch aus chinesischer Sicht sind sie Hoffnungsträger. Gao hatte vor vier Jahren in Pyeongchang Bronze über 500 Meter gewonnen. Die erst 19-jährige Zhao gehört zur neuen Generation, die Chinas Wintersport in die Weltspitze führen soll.

2008 holte China bei den Sommerspielen in Peking 100 Medaillen, mehr als jedes andere Land. Den ersten Rang im Medaillenspiegel wird die Volksrepublik dieses Mal bei den Winterspielen aber nicht erreichen. Edelmetall holen Chinas Sportler seit Jahren nur in wenigen Disziplinen, allen voran im Short Track oder Ski-Freestyle. In diesen Disziplinen haben sie auch dieses Mal Chancen. In der Loipe, im Eiskanal oder auf der Skisprungschanze ist China dagegen krasser Außenseiter.

Bei den Spielen im koreanischen Pyeongchang holte China 2018 nur neun Medaillen und lag am Ende auf Rang 16 der Nationenwertung. Das einzige Gold gelang Wu Dajing auf 500 Meter Short Track, dem rasanten Rennen gegeneinander auf einer kurzen Eisbahn ohne Spuren. Zehn der 13 bisher in der Geschichte der Winterspiele von China gewonnenen Goldmedaillen errang das Land in dieser Disziplin. Olympiasieger Wu Dajing wird auch 2022 wieder antreten, als einer von zehn im Team. Er gehört zu den wenigen Medaillenkandidaten Chinas. Natürlich hofft China als Gastgeberland nun auf eine größere Ausbeute als vor vier Jahren.

China: Keine Wintersportnation

China ist aber keine Wintersportnation. Der Aufbau international wettbewerbsfähiger Teams musste daher in vielen Disziplinen praktisch bei Null beginnen. In vielen Sportarten fehlt dem Land daher die Expertise. Also heuerte China eine Vielzahl erfahrener ausländischer Trainer an, die in China mit Athleten arbeiten. Und es schickte seit 2017 Hunderte junger Menschen ins Ausland, um in Elite-Einrichtungen mit Weltklasse-Trainern Langlauf, Biathlon oder Skispringen zu lernen. Die meisten von ihnen kamen aus ganz anderen Sportarten und standen zu Beginn des Programms das erste Mal auf Skiern. Mit 15 Wintersportländern schloss China solche Abkommen zur Ausbildung chinesischer Sportler an ihren nationalen Trainingszentren, darunter auch Finnland und Österreich.

Ein Beispiel ist das Training junger Skisprung-Aspiranten in Norwegen. Ein Video von 2018 zeigten kichernde Teenager, die dort zum ersten Mal in ihrem Leben von einer Kinderschanze herunterfahren, Ski über Kreuz und gefolgt von einer Bruchlandung auf grünen Matten. Die jungen Leute hatten zuvor in Disziplinen von Trampolin, Langstreckenlauf oder Kajak trainiert. Jubel gibt es für die erste Springerin, die eine Landung steht, Ex-Trampolinspringerin Zhai Yujia. 2019 war die ursprüngliche Gruppe dann schon von 22 auf zehn Hoffnungsträger geschrumpft. „Der Auswahlprozess war brutaler, als wir erwartet hatten“, sagte damals Trainer Kjetil Strandbraaten. Eins der Auswahlkriterien: Die ersten Testsprünge der Gruppe im Schnee. Zhai Yujia durfte bleiben. „Ich fühle mich stabiler in allen Aspekten. Und fühle mich gut beim Springen“, sagte sie damals. In den Olympia-Kader hat Zhai es nicht geschafft - jedenfalls nicht für 2022. Aber Geschichten wie ihre gibt es viele.

China: Chancen vor allem bei Short Track und Ski-Freestyle

Hoffnungen kann China sich also vor allem weiterhin im Short Track machen. Chinas Kufenflitzer holten seit 2002 bei allen Winterspielen Medaillen, in Vancouver 2010 sogar vier. Eis ist generell ein gutes Terrain für Chinas Athleten. Im Eisschnelllauf gab es seit 2006 immer eine Medaille, nicht zuletzt dank der Kooperation mit Trainern aus der Eisschnelllauf-Großmacht Niederlande. Auch dieses Jahr gibt es Hoffnungsträger. Im Eiskunstlauf fiel in diesem Jahrtausend nur 2014 gar kein Podestplatz für die Chinesen ab. 2018 verlor das zweimalige Weltmeisterpaar Sui Wenjing und Han Cong im Paarlaufen hauchdünn gegen die deutschen Gold-Gewinner Aljona Savchenko und Bruno Massot. Sui und Han wollen nun dieses Mal endlich Gold holen.

Erfolg verspricht sich China auch beim Ski-Freestyle, wo es 2018 drei Medaillen gab – allesamt in den so genannten Aerials. Bei dieser spektakulären Skiakrobatik springen die Athleten über eine Schneeschanze und vollführen Saltos, Drehungen und Grätschen. Dieses Jahr gelten Xu Mengtao und Kong Fanyu bei den Frauen, sowie bei den Männern Sun Jiaxu und Jia Zongyang als Medaillenanwärter. Jia hatte 2018 Silber geholt.

Doch 2022 hat China erstmals auch große Chancen in der Ski-Halfpipe. Denn dort ist die gebürtige Amerikanerin Eileen Gu das Maß aller Dinge*. Beim Actionsportfestival X Games im US-Skiresort Aspen holte Eileen Gu kürzlich gleich drei Medaillen - und das als Rookie. Neben der Halfpipe gewann sie gleich auch die Aerials und im Slopestyle. Die 18-Jährige wird in Peking bei allen drei Disziplinen antreten - und zwar für China. Die Regel 41 der Olympischen Charta erlaubt eine mehrfache Staatsbürgerschaft für die Spiele. Sie wolle eine Inspiration für junge Frauen und Sportlerinnen in China sein, begründete Gu 2019 ihren angekündigten Wechsel. Unklar ist aber, ob sie nun beide Pässe besitzt. Denn China erlaubt das eigentlich nicht.

China: Drohende Blamage beim Eishockey

Die gleiche Frage stellt sich beim Eishockey: Fast zwei Drittel des chinesischen Eishockey Teams besteht aus Neu-Chinesen. Es ist eine kuriose Geschichte. China war in dieser Disziplin nur knapp einer Blamage entgangen. Der Gastgeber nimmt traditionell immer am Wettbewerb teil. Doch der Eishockey-Weltverband IIHF zweifelte an der Leistungsfähigkeit der chinesischen Nationalmannschaft und dachte ernsthaft darüber nach, das Land aus dem Turnier zu nehmen. Erst im Dezember gab der Verband grünes Licht. Gemeldet wurde nun ein Kader, der ausschließlich aus Spielern des Erstliga-Clubs Kunlun Red Star besteht. Der Haken: Dort spielen viele Männer aus Kanada oder den USA. Diese gehören nun zum chinesischen Kader, ebenso wie ein Russe. „Die meisten von ihnen haben chinesische Wurzeln“, erzählt Mark Dreyer, Autor des Buches „Sporting Superpower“ über Chinas gewaltige Sport-Ambitionen. Nach zwei Jahren in der chinesischen Liga dürften sie nach Olympiaregeln für China antreten. Doch niemand wisse, ob die Auserwählten nun ihre alten Pässe abgeben mussten, ihren alten einfach behielten oder doch zwei Pässe haben.

Die Frage der Nationalität sei „unglaublich undurchsichtig“, sagt Dreyer Merkur.de. Er ist sicher, dass die Eishockeyspieler darauf während der Spiele immer wieder angesprochen werden. „In einer idealen Welt haben sie so viele einheimische chinesische Spieler, wie man sie für eine Olympiamannschaft brauchen“, sagt Dreyer. „Aber realistisch gesehen, haben diese einfach nicht das nötige Niveau.“ Ohne die Spielerimporte hätte China im eigenen Land nicht antreten können.

Rodeln, Skispringen, Langlauf: Randsportarten in China

Auch im Eiskanal, auf der Schanze oder der Loipe spielte China bislang international kaum eine Rolle. Immerhin sorgte die langjährige Arbeit mit ausländischen Trainerteams 2021 zumindest für einzelne Überraschungserfolge. So geschehen etwa beim Skeleton-Weltcup in Innsbruck: Da fand sich Geng Wenqiang zu Beginn der aktuellen Saison plötzlich gemeinsam mit zwei anderen Startern auf Platz Eins wieder. Der chinesische Zweierbob der Frauen landete im Weltcup kürzlich überraschend auf Rang sechs. Und der Biathlet Cheng Fangming erreichte vor allem aufgrund guter Schießleistungen den zwölften Platz beim Sprint des kürzlichen Weltcup-Wochenendes in Oberhof. Sie alle treten in Peking an.

Einige Trainer Chinas waren einst selbst Legenden ihrer Sportart. Chinas Biathleten etwa werden trainiert von den früheren Biathlon-Stars Ole Einar Björndalen und Darja Domratschewa. Der deutsche Rekord-Olympiasieger im Bob, André Lange, coacht Chinas Bob-Mannschaft. Schwierig ist der Job trotzdem: Bob, Skeleton und vor allem Rodeln sind technisch äußerst anspruchsvolle Sportarten, bei denen es auch immer wieder Unfälle gibt. Beim Biathlon fehlt den Athleten noch die Schnelligkeit in der Loipe. Auch chinesische Langlaufstars gibt es nicht.

China: Durchbruch beim Skispringen?

Und auf der Schanze? „Wir stehen kurz vor großen Durchbrüchen im Skispringen“, sagte Skisprung-Teamchef Xu Gaohang kürzlich der staatlichen Zeitung China Daily. Immerhin setzte der 20-jährige Song Qiwu aus Sichuan diesen Monat einem Trainingssprung in Chinas Skisprungbasis Laiyuan in Hebei eine Duftmarke: Er sprang mit einer beachtlichen Weite von 141,5 Metern Chinas neuen Großschanzen-Rekord. Beachtlich war das vor allem für jemanden, der bis 2018 Hürdenläufer gewesen war.

Laiyuan verfügt über zwei Sprungschanzen und einen Windkanal, der laut China Daily der größte der Welt ist. Er kann Wind aus drei Richtungen und Windböen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 50 Metern pro Sekunde erzeugen. „Der größte Vorteil des Trainings im Windkanal ist, dass wir sofort die Unterschiede verschiedener Körperhaltungen gegen den Strom spüren und uns entsprechend anpassen können“, erzählte Song China Daily. Das ist umso wichtiger für Athleten, die sich nicht regelmäßig in Wettkämpfen messen können. Wegen Corona nahmen Chinas Springer nur an ganz wenigen internationalen Wettkämpfen teil.

Das gilt auch für Dong Bing und die gerade 17-jährige Peng Qingyue, die bei den Damen antreten. Dong Bing immerhin gelang bei einem dieser Auftritte, dem Weltcup im sächsischen Klingenthal im Herbst Platz 21. Dong und Peng gehören außerdem zu den wenigen Olympioniken, die bereits die Olympiaschanze getestet haben. Beim Continental Cup – der zweiten Liga des internationalen Skisprung-Zirkus – im Dezember wurde Dong Zweite, Peng vierte. Clas Brede Braathen, Sportchef des norwegischen Skiverbands und damals Leiter des Skisprung-Projekts für die jungen Athleten aus China, zeigte sich 2018 zuversichtlich: „Ich glaube schon, dass wir einen olympischen Athleten formen. Aber am wichtigsten wäre es eigentlich, eine Skisprungkultur für die Chinesen zu schaffen. Das wäre großartig.“

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