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Klare Ansagen: Christian Neureuther hofft auf IOC-Chef Thomas Bach, um den kommerziellen Wahnsinn bei Olympischen Spielen aufzuhalten.

Ex-Skistar will DSV-Präsident werden

Christian Neureuther: "Der Sport muss umdenken"

München - Ski-Star Christian Neureuther spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Gigantismus, olympische Auswüchse - und sein Interesse, DSV-Präsident zu werden.

Der deutsche Sport bekommt ein neues Gesicht: Morgen wird Skiverbands-Präsident Alfons Hörmann in Wiesbaden zum Nachfolger des jetzigen IOC-Präsidenten Thomas Bach als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gekürt. Und der neue starke Mann des Skiverbandes? Christian Neureuther (64), der frühere Skistar aus Garmisch-Partenkirchen, stünde bereit, wie er unserer Zeitung verriet.

Christian Neureuther, am Samstag wird Alfons Hörmann neuer DOSB-Präsident. Sind Sie an seiner Nachfolge als Präsident des Deutschen Skiverbandes interessiert?

Ich habe Alfons Hörmann mitgeteilt, dass ich zur Verfügung stehen würde. Aber es muss von den Gremien gewollt sein. Natürlich bin ich nicht ein typischer Verbandspräsident, weiß aber, wie der Skiverband tickt, was er braucht. Ich habe intern meinen Hut in den Ring geworfen.

Jetzt nicht mehr nur intern. Wenn es dazu kommen sollte, welche Schwerpunkte würden Sie setzen?

Der Deutsche Skiverband ist der zweitgrößte Verband im DOSB, hat also eine gewichtige Stimme. Ich schätze Alfons Hörmann sehr, zusammen könnte man einiges bewegen. Das Wichtigste im Skiverband ist, den Leistungssport – aus dem komme ich ja – extrem zu fördern. Mir liegt am Herzen, Programme aufzustellen für Kinder und Jugendliche, mit denen man sie zum Leistungssport bringt.

Vor allem im alpinen Bereich?

Vom Alpinsport lebt unsere Alpenregion, der Tourismus. Man muss versuchen, wieder mehr Skilager in der Schule anzubieten, muss mit den Bergbahnen sprechen, um Kinder kostenlos zu transportieren. Wir müssen ehemalige Leistungssportler für Nachwuchsprogramme gewinnen, denn sie haben die Vorbildfunktion. Wir dürfen den Ursprung, mit Schulen, Vereinen, Kindern, Eltern nicht verlassen, sonst wandern alle zum Fußball ab oder anderen Sportarten außerhalb des Deutschen Skiverbandes.

Ein DSV-Präsident macht sich Sorgen um den Tourismus?

In einem Vortrag von Österreichs Ski-Präsident Peter Schröcksnadel habe ich gehört, warum er sich in Österreich so um den alpinen Skisport kümmert: Wenn die Kinder älter sind und Skifahren können, dann bleiben sie bei diesem Sport. Die wollen auch später in den Winterurlaub – dann sind sie für den Wirtschaftsfaktor extrem wichtig.

Wie man hört, stellen sich beim Deutschen Skiverband nicht alle hinter den unbequemen Neureuther.

Ich habe angeboten, meine Konzepte vorzustellen. Dazu gehört, den Deutschen Skiverband mit einer Fachinstitution aufzuwerten, etwa ein alpines Leistungszentrum mit Medizin und Reha zu errichten – auch für andere Sportarten. Das Knowhow unserer Mannschaftsärzte ist gigantisch. Deutschland ist doch im Wintersport eine Macht, das muss bis hinunter in den Breitensport gehen.

Das kostet viel Geld. Alpindirektor Wolfgang Maier sagt, der Etat lasse es nicht zu, mit dem Nachwuchs im Sommer in Südamerika zu trainieren.

Über den Leistungssport in Deutschland werden 32 Milliarden Euro an Steuereinnahmen erzielt, aber nur neun Milliarden werden über Fördermaßnahmen wieder zurückgegeben. Die Politik muss erkennen, welchen Stellenwert der Sport in der Gesellschaft hat. Dafür muss man mehr Geld ausgeben. Der Deutsche Skiverband bezieht seine Gelder hauptsächlich aus der Vermarktung, und da müssen wir aufpassen, dass nicht alle Gelder nur in den Fußball fließen. Wenn große Firmen erkennen, dass Deutschland in absehbarer Zeit keine Olympischen Spiele mehr bekommen wird, wenn wir die Auswüchse im Sport sehen, besteht die Gefahr, dass sie sich gar nicht mehr engagieren wollen.

Sehen Sie Anzeichen dafür?

Die Fußball-WM in Katar: Ist das für Firmen lustig, als Sponsor aufzutreten, wo in gekühlten Stadien gespielt wird? Wenn sich alles nur nach dem Geld richtet, wenn sich Funktionäre oder Verbände Geld einstecken, dann kommen die Menschen nicht mehr mit.

Hat dieses Misstrauen der Menschen auch zur Ablehnung der Winterspiele 2022 geführt?

Deshalb haben wir den Olympia-Entscheid verloren. Das heißt ja nicht, dass die Menschen keine Begeisterung für den Sport haben, aber sie haben kein Verständnis dafür, was da abgeht. Man darf nicht warten, bis dieser fahrende Zug mit der Katar-WM oder IOC-Knebelverträgen, wo alles dem Kommerz untergeordnet ist, die eigentlichen Ideale des Sports völlig überfährt. Ich selbst habe auch von Vermarktung profitiert, aber auch gelernt: Man darf den Bogen nicht überspannen. Wenn man zu gierig wird, ist man nicht mehr glaubwürdig.

Wie wollen Sie diesen Trend stoppen?

Thomas Bach als neuer IOC-Präsident ist so klug zu erkennen, dass die Olympischen Spiele sich in eine Richtung entwickelt haben, der man Einhalt gewähren muss. Er spricht schon davon, dass man den einzelnen Veranstaltern mehr Individualität einräumen muss. Der Kommerz muss zurückgefahren werden. Es darf nicht mehr so ausgehen wie jetzt in Russland. Wenn man zurückdenkt, wie sich Wladimir Putin damals in Guatemala City die Spiele geholt hat . . . Wenn alles käuflich ist, wenn alles kaputt gemacht wird, dann bekommen wir Olympische Spiele künftig nicht mehr in Länder, die so ticken wie wir. Sondern nur noch in totalitär regierte Länder. Dann verlieren auch Sponsoren den Bezug.

Gerade der Fußball lebt den Gigantismus vor. Hat sich dieser Sport schon in eine Fantasiewelt verabschiedet?

Wenn für einen Gareth Bale von Real Madrid 100 Millionen bezahlt werden, muss man sich schon fragen, ob man in diesem Sport nicht zu weit gegangen ist. Selbst in Brasilien, dem fußballbegeistertsten Land überhaupt, protestierten die Menschen beim Confed-Cup auf der Straße. Weil ihre Kinder kein Bildung bekommen, das ganze Geld in den Bau monströser Stadien fließt. Wir müssen diesen Gigantismus zurückschrauben. Wenn wir mit dem Sport in solchen Ländern aufschlagen und Milliarden erzielen, dann müssen wir den Menschen vor Ort auch etwas abgeben.

Papst Franziskus hat kürzlich die Gier der Menschen gegeißelt . . .

. . . der Papst stößt in das gleiche Horn. In vielen Schichten unser Bevölkerung beginnt ein Umdenken. Dann muss der Sport auch umdenken! Das ist eine große Chance für IOC-Präsident Thomas Bach und DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Das ist ein extrem schwieriger Prozess – Bach würde als großer Gewinner hervorgehen.

Trauen Sie ihm das zu?

Bach ist ein hervorragender Stratege, er hat die Fähigkeit abzuschätzen, wie vorsichtig man vorgehen muss. Bach hat seinen Weg zum IOC-Präsident super geplant, da ziehe ich den Hut vor ihm.

Aber Deutschland ist beim Gigantismus auch ganz vorne dabei. 

Richtig. Wenn man sieht, was deutsche Banken angestellt haben, brauchen wir uns nicht besserreden, als wir sind. Aber die deutsche Gesellschaft revoltiert, macht gewisse Dinge nicht mehr mit. Den Olympiaentscheid kann man nicht abtun mit Bemerkungen wie: ,Die Menschen sind alle blöd‘. Die Menschen sind nicht blöd! Wenn die Menschen sowas flächendeckend ablehnen – dann muss man die Menschen ernst nehmen. Und ich nehme die Menschen ernst. Wenn sich bei Olympia oder im Fußball einzelne Leute die Taschen vollstopfen, das kommt bei uns nicht mehr an. Wie die Menschen in Brasilien reagiert haben, hat mir sehr zu denken gegeben.

Brasilien, Sotschi, WM in Katar, vorher noch in Russland. Und Olympia in Pyeongchang wird dank Samsung auch kein beschauliches Fest. Das sieht noch nicht nach einem Prozess des Umdenkens aus.

Man muss den Sport mit seinen Werten dorthin zurückführen, wo er entstanden ist. Der Sport wird in unserer Gesellschaft eine immer größere Rolle spielen, wenn wir die Gesellschaft gesund erhalten wollen. Wenn ich von „digitaler Demenz“ lese . . .

. . . was versteht man darunter?

Wir haben die Gefahr einer „digitaler Demenz“, dass sich unser Gehirn aufgrund der Computertätigkeiten unserer Kinder völlig falsch entwickelt. Wir steuern in die Unbeweglichkeit, weil unsere Welt nur noch mit Computern und digital funktioniert. Das können wir nur aufhalten, wenn wir unsere Kinder zu mehr Bewegung bringen.

Ihr Sohn Felix bewegt sich recht erfolgreich. Wie könnten Sie als Ski-Präsident beitragen, diese Ideale zu vermitteln?

Der deutschen Sport muss umdenken, aufpassen, dass wir uns nicht zu weit von den Menschen weg bewegen. Sonst bekommen wir richtige Probleme. Aber auch wenn ich nicht gewählt werde: Meine Leidenschaft für den Sport kann mir niemand nehmen – ob als Präsident oder nicht.

Das Interview führte Jörg Köhle.

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