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Sie sind das deutsche Eis-Paar: Henry Haase, Verteidiger bei den Augsburger Panthern, und Sarah Hecken, viermalige Deutsche Meisterin im Eiskunstlauf, Olympia- und WM-Teilnehmerin. Stefan, der Sohn der beiden, ist eineinhalb - und wird bald auch Schlittschuhe bekommen. Nur: Welche?

Streitgespräch des Eis-Paares

Eishockey trifft auf Eiskunstlauf: „Ihr macht Löcher ins Eis“ - „Und ihr Rillen“

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Sarah Hecken und Henry Haase, beide 26, sind ein Paar. Ein sehr sportliches. Sie haben Karriere auf dem Eis gemacht. Sarah Hecken war viermalige Deutsche Meisterin im Eiskunstlauf, 2010 die jüngste deutsche Olympia-Teilnehmerin. Henry Haase spielt Eishockey. Er war bei den Eisbären Berlin, der Düsseldorfer EG, stand in der Nationalmannschaft und verteidigt seit zwei Jahren für die Augsburger Panther. Ein launiges Gespräch über ihre Sportarten, die beide vor den Saisonhöhepunkten stehen. Im Eishockey beginnen die Playoffs, im Eiskunstlauf ist ab 16. März Weltmeisterschaft.

Von Eishockey-Trainern hat man über Eiskunstläufer den bösen Satz gehört: „Die Kunstbohrer nehmen uns die Eiszeiten weg ...“

Henry Haase: Wahlweise „Die machen uns das Eis kaputt.“

Sarah Hecken: In Berlin nannte man uns auch „Die Kringelbohrer“.

Was geschieht, wenn eines dieser Wörter im Hause Haase/Hecken fällt?

Henry:Das Wort fällt gar nicht, denn ich dürfte zwei Tage nicht nach Hause kommen. Ich denke mir meinen Teil und bin schlau genug, dass ich die Klappe halte. Früher, wenn die Eiskunstläufer vor uns drauf waren, hatten die das Eis immer kaputt gemacht, hatten Löcher reingehauen. Die sind nach zehn Minuten nicht zugefroren.

Sarah: Nein, ihr habt das Eis kaputt gemacht. Ihr macht tiefe Rillen rein. Wir haben eine Hügellandschaft vorgefunden, wenn wir nach der Eishockeymannschaft aufs Eis gegangen sind.

Interessieren Eishockeyspieler sich generell für Eiskunstlauf?

Henry: Als ich jünger war, weil hübsche Frauen es gemacht haben. Mittlerweile interessiere ich mich dafür, weil Sarah viel im Fernsehen guckt: Weltmeisterschaften, Olympia, Grand Prix. Sie kann gut mitreden, hat in Düsseldorf selbst noch zwei Jahre als Trainerin gearbeitet.

Und umgekehrt?

Sarah: Klar. Ich war zu meiner Zeit in Mannheim immer mit Eishockeyspielern in einer Klasse, dadurch hatte man immer den Bezug. In Berlin war es auch so. Und Eishockeyspieler sehen ja auch nicht schlecht aus. Heute schaue ich alle Spiele in Augsburg.

Auch unter dem Aspekt: Wie laufen die Herren Spieler?

Sarah: Ne. Ich fiebere mit. Ich achte nicht darauf, wie sie die Kanten einsetzen.

Henry: Wenn sie mit uns aufs Eis gehen würde, wäre sie definitiv die beste Schlittschuhläuferin.

Gibt es unter den Eishockeyspielern richtig gute Schlittschuhläufer?

Sarah: Der Henry ist doch super(lacht). Ich denke, Drew LeBlanc von den Augsburger Panthern kann super Schlittschuh laufen, er sticht sehr heraus. Aber es ist schwer zu vergleichen, man hat ja ganz andere Schuhe an.

Sven Felski aus Berlin, einer der Rekordspieler der DEL, hat als Eiskunstläufer angefangen.

Henry: Sonst hätte er nicht auf die Sportschule gedurft. Darum haben viele als Eiskunstläufer angefangen und sind nach einem Jahr zum Eishockey gewechselt. „Felle“ hatte auch eine gute Figur dafür, er war schmächtig. Bei seinem Abschiedsspiel hat er sich eine Eiskunstläuferin aufs Eis geholt und Paarlauf mit ihr gemacht.

Henry, können Sie Sprünge erkennen?

Henry: Ich könnte sagen, ob sie auf vorwärts oder rückwärts gesprungen sind. Und ob es ein doppelter oder dreifacher Sprung ist. Und wenn sie ihn aufgerissen haben. Aber bei Axel und Toeloop habe ich noch Unterscheidungsprobleme.
Sarah: Man sieht Eiskunstlauf mit einem ganz anderen Auge, wenn man was davon versteht. Heutzutage sind es die kleinen Russinnen, die mit 13 Jahren Vierfachsprünge zeigen. Als Laie versteht man das nicht, warum diese Kleinen vor einer 20-Jährigen stehen, die fraulicher aussieht und das viel besser rüber-bringt. Mit 20 kannst du von den körperlichen Proportionen nicht mehr vierfach springen. Und mit dem neuen Wertungssystem geht es auch nicht mehr um Ausdruck, sondern um Technik.

Beim alten System konnte der Laie auf dem Sofa mitpunkten: 5,8, 5,9, 6,0.

Sarah:Richtig. Und damals hat man mehr versucht. Auch den Dreifachsprung, wenn man ihn noch nicht perfekt konnte. Es war egal, wenn eine kleine Ecke gefehlt hat. Heute mit all den Videoanalysen versuchst du das gar nicht mehr. Du brauchst jeden einzelnen Minipunkt. Wenn du hinfällst, bist du viel mehr bestraft, als wenn du einen leichteren Sprung machst. Für die Zuschauer ist das nicht mehr so schön – wenn man es nicht versteht.
Henry:Eiskunstlaufen sollte auch Show und Ästhetik sein.
Sarah:Wie früher bei Katarina Witt. Die Kinder heute laufen von Sprung zu Sprung – und dazwischen wird halt ein bisschen was gemacht. Ich wurde mit 14 überraschend Deutsche Meisterin und durfte noch gar nicht zur EM. Und es war zu meiner Zeit klar: Als Newcomer lief man ohnehin nicht um Medaillen. Auch nicht, wenn man einen Handstand gemacht hätte.

Wie hält man die Belastung einer vier Minuten langen Kür aus?

Sarah: Wir sind mal mit Pulsuhr gelaufen. Nach 20 Sekunden war der Puls auf 180 und blieb bis zum Ende so.

Auf Eishockey umgerechnet: Man hat Unterzahl und kommt vier Minuten nicht vom Eis.

Sarah: Doppelte Unterzahl!
Henry: Wenn du anguckst, wie die pumpen nach einer Kür – unglaubliche Anstrengung.
Sarah: Man hält die Luft an für die Sprünge, dann musst du Pirouetten drehen und von Null wieder lossprinten zum nächsten Element.

Beim Eishockey kriegt man Checks ab, im Eiskunstlauf stürzt man.

Henry:Da zuckst du schon zusammen, wenn die ohne wirklichen Schutz aufs glatte Eis knallen. Die springen mit ihren spitzen Schlittschuhen hoch, drehen sich dreimal und kommen wieder auf und können sich die Spitzen ja auch in die Waden hauen.
Sarah: Passiert ja oft.
Henry: Und Paarlaufen ...
Sarah: Das ist noch krasser. Habe ich mich nie getraut. Die Hebungen, das Werfen – das kann komplett in die Hose gehen.

Henry mit seinen 1,91 m wäre doch ein guter Werfer und Heber.

Sarah:Aber er müsste selbst ja auch springen.
Henry: Das wäre mein schlechter Part.

Könnten Sie einen kleinen Sprung? Einen halben Toeloop wenigstens?

Henry: Keine Chance! Vor dem Training habe ich es spaßeshalber ausprobiert. Auch der Versuch einer Pirouette: Ich bringe keine zwei Umdrehungen hin.

Sarah, wenn wir Sie aufs Eis stellen, Ihnen einen Schläger in die Hand drücken und einen Puck hinlegen – würde was Gutes rauskommen?

Sarah: In Berlin haben wir es gemacht, da durften am Family Day die Frauen mit aufs Eis. In Düsseldorf ist nach den Trainings, die ich geleitet habe, Henry dazugekommen. Die Kinder wollen immer spielen, sie sind heiß.
Henry: Man ist überrascht, wie gut die das können.
Sarah: Als gute Läufer können wir uns auf Schläger und Puck konzentrieren. Klar: Einen Schlagschuss können wir nicht, für ein Spiel reicht es nicht. Interessant ist, dass die Belastung eine andere ist: Die Kinder, die ich in Düsseldorf trainiert habe, konnten eine Kür durchstehen, waren nach zehn Minuten Eishockey aber kaputt.
Henry:Es ist halt richtige Arbeit. Seid ihr nicht gewohnt.

Was Eiskunstlauf fundamental vom Eishockey unterscheidet: Es gibt keine Auswärtsspiele, die Zuschauer sind zu jedem Läufer freundlich.

Sarah: Sie klatschen zumindest. Ausgebuht werden gibt es gar nicht bei uns, auf keinem Kontinent. Wir sind ja allein auf dem Eis, haben keinen Gegner.


Eiskunstlauf hat eben ein High-Class-Publikum.

Henry: Wir etwa nicht? (lacht).

Wie unterscheiden sich die Trainer, die man in beiden Sportarten erlebt?

Sarah: Die sind im Eiskunstlaufen eher unbekannt für die Zuschauer. Es wird nicht angesagt, wer an der Bande steht. Und die Arbeit ist anders: Im Eishockey musst du 30 Leute gleichzeitig betreuen, alle sind in etwa auf einem Niveau. In Düsseldorf hatte ich 18 bis 20 Einkunstlaufkinder, aber sie waren aus unterschiedlichen Kategorien. Bei einem Wettkampftag war ich von 7 bis 20 Uhr in der Halle und konnte mich auf jeden konzentrieren.

Ist es so, dass es im Eiskunstlauf früher ernst wird, oft bei Zehnjährigen die Ambition schon klar ist – und im Eishockey man halt einfach spielt?

Henry: Das hängt wohl vom Land ab. In Deutschland ist alles gediegener. In Russland, China, Japan, Kanada, da werden Kinder schon ab dem fünften Lebensjahr gepuscht, wenn Talent vorhanden ist.
Sarah: Bei uns bleibt die Schule auch die Hauptsache. In anderen Ländern läuft sie, wenn sich für jemanden im Sport eine Karriere abzeichnet, so nebenbei. Oder man macht sie nach der Karriere. Und wir haben in Deutschland nicht die Fördermittel. Zumindest nicht für Eiskunstlauf. Und es kommt wenig in den Medien. Gut, jetzt in ARD One. Doch meine Wettkämpfe konnte man allenfalls in einem russischsprachigen Livestream sehen.
Henry:Es wäre schön, wenn Deutschland Einzelsportler mehr unterstützt. Auch Leichtathleten, Skispringer, Bobfahrer.

Hat das TV-Promi-Format „Dancing on Ice“ was gebracht?

Sarah:Es sind mehr Kinder gekommen, in Düsseldorf sind wir von Anfängern überlaufen worden. Aber Eiskunstlauf als Beruf zu machen, ist schwer. Ich konnte es dank der Bundeswehr. Ohne die wäre es nicht zu finanzieren gewesen. Man muss den Trainer bezahlen, die Reise zu den Wettkämpfen, die man für die Weltrangliste braucht, die Schlittschuhe, die Kleidung. Das Gehalt geht voll auf den Sport, man kann nichts zurücklegen.

Ist „Holiday on Ice“ nicht eine Option?

Sarah:Wenn man der Typ dafür ist, acht Monate im Jahr unterwegs sein zu wollen. Es gibt auch auf den Kreuzfahrtschiffen Eisshows, das haben Kolleginnen von mir gemacht. Aber mit Beziehung, mit Familie? Unmöglich. Und ich würde seekrank.

Wart Ihr je zusammen beim öffentlichen Lauf?

Sarah: Zu voll. Und als Eishockeyspieler oder Eiskunstläufer geht man privat nicht noch in die Eishalle.
Henry:Ich ziehe die Schlittschuhe nicht an, wenn ich nicht muss.

Das Interview führte Günter Klein

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