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Felix Neureuther.

Interview zeigt spannende Hintergründe

Neureuther, Ehrhoff, Dahlmeier, Wellinger: So viel verdienen unsere Wintersport-Stars

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Der Winterweltcup neigt sich dem Ende, Zeit für einen Kassensturz. Wir zeigen, was unsere Winterstars verdienen.

München - Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste (Interview unten) erklärt aber auch, dass die Summe bei Weitem nicht der Durchschnitts-Verdienst eines olympischen Sportlers ist. Die Zahlen basieren auf Gesprächen mit Managern und Funktionären, enthalten Grundeinkommen, Siegprämien und Sponsorengelder und sind Bruttoschätzungen des Monatseinkommens.

Über eine Anstellung beim Zoll, der Bundeswehr oder dem Staat erhalten Athleten, sofern sie sich dafür entscheiden, ein Grundgehalt. Katharina Althaus (Zollwachtmeisterin) bekommt rund 1300 Euro, Natalie Geisenberger (Polizeihauptmeisterin) etwa 2900 Euro und Eric Frenzel (Oberfeldwebel) rund 2500 Euro. Deutscher Bestverdiener ist der derzeit verletzte Ski­star Felix Neureuther. Sponsoren wie Xenofit, Nordica und Weihenstephan honorieren seine Erfolge und sein mediales Auftreten. Während Viessmann im DSV ergebnisabhängig alle Athleten sponsert, konzentriert sich Milka auf wenige Athleten, davon profitieren Viktoria Rebensburg und Andreas Wellinger. Laura Dahlmeier kassiert von Kopfsponsor Viessman circa 150 000 Euro pro Jahr. Summen, von denen die vierfache Olympiasiegerin Natalie Geisenberger mit ihrem Hauptsponsor, der Sparkasse Miesbach, nur träumen kann. Die Show-Lauf-Gage des Eiskunstlauf-Paars Aljona Savchenko und Bruno Massot dürfte nach ihrem Olympiasieg bei bis zu 20 000 Euro in Europa und 50 000 Euro in Asien liegen. Alles Einnahmemöglichkeiten, die nur die wenigsten Athleten haben.

Als Olympia-Sieger ­bekam Eric Frenzel eine Sporthilfe-­Prämie in Höhe von 20 000 Euro

Neben Gehalt und Sponsorengeldern streichen (erfolgreiche) Athleten Siegprämien ein. Im Ski Alpin bekommt ein Weltcupsieger rund 38 000, Thomas Dreßen in Kitzbühel sogar 74 000 Euro. Im Langlauf und im Biathlon gibt’s 13 000 Euro, im Skispringen nur 8500 Euro bzw. 3000 Euro (Frauen). Rodler müssen sich mit 1300 Euro begnügen. Alles in brutto, versteht sich.

Mathias Müller

Einige Sportler im Überblick

Thomas Dreßen (24, Skifahrer): 20 000€

Christian Ehrhoff (35, Eishockeyspieler): 85 000€. Er profitiert von seiner NHL-Zeit: Bis 2028 erhält der 35-Jährige, der mittlerweile in Köln spielt, 800 000 Euro pro Jahr Abfindung von seinem Ex-Klub

Katharina Althaus (21, Skispringerin): 3500€

Aljona Savchenko (34) und Bruno Massot (29), Eiskunstläufer: 5800€

Eric Frenzel (24, Kombinierer): 19 000€

Felix Neureuther (33, Skifahrer): 125 000€

Natalie Geisenberger (30, Rodlerin): 9000€

Felix Loch (28, Rodler): 10 000€

Andreas Wellinger (22, Skispringer): 50 000€

Laura Dahlmeier (24, Biathletin): 50 000€

Viktoria Rebensburg (28, Skifahrerin): 60 000€

„Im Durchschnitt nur 626 Euro“

Moritz Fürste hat zwei Olympia-Goldmedaillen und drei Weltmeistertitel – allerdings „nur“ im Hockey. Er weiß, wie es ist, wenn eine Randsportart den Schwung eines ­Titels oder einer ­Medaille nicht nutzen kann. Um Kasse zu machen, spielte Fürste immer wieder für ein paar Monate in Indien (Verdienst: bis zu 80 000 €/Monat). Heute ist der 33-Jährige Mitgründer der Sportmarketing-Agentur Upsolut und macht sich Sorgen um die Sportzukunft.

Herr Fürste, welche Halbwertszeit hat das Eishockey-Wunder von Pyeongchang?

Fürste: Bei Menschen, die nicht aus dem Eishockey kommen, ist das Thema vielleicht noch im Kopf, aber es wird nicht mehr darüber gesprochen. Das ist nicht schlimm, entscheidend ist, dass sich der Verband nicht zurücklehnt, sondern versucht, die Geschichten seiner Sportart und ihrer Sportler weiter zu erzählen. Das Sponsoreninteresse steigt nicht von alleine, die Medaille reicht nicht als Verkaufsargument. Nach unseren Hockey-Olympiasiegen 2008 und 2012 hieß es auch: Jetzt geht’s los. Passiert ist nichts, beziehungsweise wenig. Die Impulse müssen strategisch genutzt und Konzepte entwickelt werden. Die Sportart ist in der Pflicht, das Thema bei den Menschen im Kopf zu halten.

Randsportarten haben es oft schwer, sich zu halten. Hier in Herrsching kämpfen die Volleyballer ums Überleben, Sie kennen das am Beispiel der Handballer und Eishockeyspieler in Hamburg.

Fürste: Das stimmt, aber selbst die Fußballer des HSV können sich nicht mehr finanzieren und wären ohne Investor Klaus-Michael Kühne längst tot. Für mich liegt das Problem im Sportsponsoring darin, dass viele Firmen blind in den Fußball investieren. In der Werbung wird detailliert analysiert, da werden Millionen für Werbespots ausgegeben, das Budget für Sportsponsoring landet beim Fußball, ohne Reichweiten oder Zielgruppen anderer Sportarten zu kennen. Oft macht das keinen Sinn, der Marken-Wert bleibt hinten dran.

Die deutsche Olympiamannschaft tritt neuerdings auch als eine Art Marke auf, als Team D. Sie haben in Ihrer Zeit bei der Agentur Thjnk an Namen und am Logo mitgearbeitet. Braucht es diese neumodische und moderne Bezeichnung? 

Fürste: Ja, das haben die Spiele bewiesen, viele Athleten haben sich mit dem Team D identifiziert. Der Anstoß zur Veränderung war die Bezeichnung DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund). Die war bisher auf die Olympiabekleidung gedruckt. Alle anderen Länder heißen Team USA oder Team GB, das ist verständlich. Aber kein Mensch weiß, was DOSB bedeutet. Es stand auch Team Germany oder Team GER im Raum, aber die Ergebnisse der Marktforschung und das Bauchgefühl haben nach einem langen Prozess dafür gesorgt, dass es Team D geworden ist.

Völlig innovativ ist das nicht.

Fürste: Wir haben das Rad nicht neu erfunden, aber in Deutschland ist es ein großer Schritt. Der DOSB ist aufgetreten, als wäre er der Verband, unter dem die Athleten antreten und das ist de facto nicht der Fall, die Sportler werden nur von ihm entsandt. Zudem ist DOSB kein Hashtag, den man cool in den sozialen Netzwerken verwenden kann, aus Vermarktungssicht ist das relevant.

Das Team D war im Gegensatz zu Sotschi sehr erfolgreich. Es wurde viel über ein neues Sportsystem diskutiert. Braucht der deutsche Sport das überhaupt noch?

Fürste: Es muss sich viel bewegen in der deutschen Sportlandschaft. Noch profitieren wir von der außerordentlichen Arbeit, die in den Vereinen geleistet wird, andere Länder haben dieses System nicht. Aber der Vorsprung im Bob oder in der Nordischen Kombination wird weiter schrumpfen, im Sommer ist der Vorsprung aufgebraucht. Ich finde es spannend, dass mit Surfen, Klettern oder den Freestyle-Disziplinen vermehrt Sportarten in das Olympische Programm aufgenommen werden, die nicht aus der Vereinsstruktur kommen. Für mich ist das ein zusätzliches Argument, dass der Sport mehr gefördert werden muss. Wo sollen erfolgreiche Sportler aus diesen Bereichen herkommen, wenn nicht aus Vereinen?

Mehr Geld vom Bundesinnenministerium zu fordern ist einfach, aber woher soll der Bund das Geld nehmen? Ist nicht vielmehr die Wirtschaft gefragt?

Fürste: Ich nehme die Wirtschaft und die Politik in die Pflicht. Es geht nicht immer nur um Cash, die Politik könnte durch eine veränderte Wertschätzung dafür sorgen, andere Sportarten für die Wirtschaft interessanter zu machen. Ganz platt gesagt: Jeder Sponsor der Fußball-Nationalmannschaft findet es geil, wenn Angela Merkel in der Kabine steht. Alleine für dieses Händeschütteln lohnt sich das Sponsoring. Aber wie wär’s, wenn Frau Merkel beim Modernen Fünfkampf abhängen würde? Und mit welcher Begründung sitzt unsere Bundeskanzlerin bei der Weltmeisterschaft einer Einzelsportart im Stadion, aber bei Sommer-Olympia, dem Ereignis, das für 28 Sportarten das Größte ist, nicht? Diese Wertschätzung ist ein Indikator, dass Fußball ein höherer Wert beigemessen wird.

Sorgen Sie sich um die Zukunft des deutschen Sports?

Fürste: Ich habe große Sorge. Wenn wir so weitermachen, haben wir, zumindest in meiner Sportart, ein großes Problem, in der Weltspitze mitzumischen.

2018 werden von den Hockeymannschaften aber wieder Medaillen erwartet werden.

Fürste: Der Erwartungsdruck in Tokio wird groß sein, aber Rio hat gezeigt, dass die Weltspitze breiter geworden ist. Argentinien und Belgien haben Gold und Silber gewonnen, beide Mannschaften bestehen nur aus absoluten Vollprofis. Bronze haben wir geholt, mit keinem einzigen Profi. Dahinter landeten die Niederlande, England, Neuseeland, Australien und Indien – die Jungs sind alle Profis. Man gewinnt gegen Indien nicht mehr im Vorbeigehen, weil sie strukturelle Defizite haben, ebenso wenig gegen Belgien.

Deutsche Athleten müssen oft viel Zeit und Geld investieren, um mithalten zu können.

Fürste: Es gibt ein großes Problem in der Kommunikation darüber, was unsere Sportler leisten und was sie dafür bekommen. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Sportler reich, laut einer Umfrage geht die Bevölkerung, und die sind ja teilweise die Wirtschaft, davon aus, dass ein Olympischer Athlet rund 6500 Euro netto im Monat verdient, in Wahrheit haben sie durchschnittlich 626 Euro netto zur Verfügung. 6500 Euro, das zeigt das Dilemma.

Interview: Mathias Müller

Kommentar: Sicherheit im Schatten der Stars

Die Summen sind die Spitze des Eisbergs, die Mehrheit der deutschen Sportler verdient deutlich weniger. Auch Neureuther & Co. bleibt netto, nach Abzug der Management-Kosten und der Versteuerung, bei einem Spitzensatz von bis zu 40 Prozent, teilweise „nur“ die Hälfte. Athleten aus der zweiten oder dritten Reihe haben im schlimmsten Fall sogar nur zwischen 200 und 600 Euro durch die Sporthilfe-Stiftung zur Verfügung.

Wer nicht studieren will, kann in Deutschland über eine Anstellung beim Zoll, der Bundeswehr oder dem Staat eine Grundsicherung zwischen 1000 und 3000 brutto bekommen, das nimmt aber nur den größten Druck. Deutlich komfortabler ist die Situation in Großbritannien, dort sind alle A-Kaderathleten über eine staatliche Förderung mit 5000 Euro brutto abgesichert. In Österreich müssen Marcel Hirscher (300 000 pro Monat) & Co. ihre Einnahmen mit maximal 12,5 Prozent versteuern, dafür stehen sie für zwei Werbetage zur Verfügung.

Für alle gilt: Die Gelder fließen nur, solange der Sportler Leistung bringt. Kommt eine Verletzung dazwischen, haut das Neureuther aktuell finanziell nicht aus der Bahn, andere, wie die Skispringerin Svenja Würth (24), die 2014 bei einem Halswirbelbruch nur knapp einer Querschnittslähmung entging und sich diesen Winter das Kreuzband riss, stehen fast vor dem Nichts.

Niemand wird zur Sportkarriere gezwungen, aber etwas mehr Absicherung für die Athleten im Schatten der Stars wäre wünschenswert. Zumal sie sich nicht einmal über einen WM-Sieg oder Olympia-Gold absichern können. In anderen Nationen hätten sie ausgesorgt, in Deutschland bekommen die Pyeongchang-Sieger von der Sporthilfe 20 000 Euro – vor Abzug der Steuern, versteht sich.

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