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Felix Neureuther

Felix Neureuther im Interview

"Ich habe nie gesagt, ich werde zurücktreten"

München - Skirennfahrer Felix Neureuther will nach einem starken Weltcup-Winter auch in der WM-Saison für Top-Resultate sorgen - aber nicht um jeden Preis. Als Ziel hat er dennoch Olympia 2018 in Pyeongchang im Auge.

 Es kann sein ganz großer Tag werden: Ski-Star Felix Neureuther (29) greift am Sonntag beim alpinen Weltcup-Finale in Lenzerheide (Schweiz) nach seiner ersten Kristallkugel für den besten Slalomfahrer der Saison. Der Garmisch-Partenkirchner führt die Wertung vor dem letzten Rennen mit fünf Punkten vor dem österreichischen Titelverteidiger Marcel Hirscher an. Wir sprachen mit Neureuther über die beste Saison seines Lebens mit der größten Enttäuschung Olympia, Trost von Kumpel Bastian Schweinsteiger, seine Suche nach neuen Reizen und eine angebliche „Auszeit“, die nur ein Golfurlaub in Miami ist.

Felix Neureuther, Sie kamen niedergeschlagen von Olympia zurück (ausgeschieden im Slalom/d.Red.). Am Tag danach saßen Sie mit Bastian Schweinsteiger bei den Basketballern des FC Bayern. Suchten Sie Ablenkung oder Trost?

Solche Menschen wie der Basti sind extrem wichtig für mich. Es war sehr schön, nebenbei noch den Jungs zuzuschauen, aber in erster Linie ging es um ein Treffen mit Basti. Er hat auch schon Niederlagen miterlebt, da ist er wirklich ein guter Ansprechpartner. Dieser Typ ist ein unglaublicher Mensch und es tut einfach gut, dass so jemand, wenn man Probleme hat, definitiv für einen da ist.

Scheint geholfen zu haben. In Kranjska Gora, feierten Sie Fritz Dopfer den ersten deutschen Doppelsieg. Dopfer sagte, das Podium sei seine nachgeholte Olympia-Medaille. Was war der Sieg für Sie?

Das war ein ganz normales Weltcuprennen, auf Olympia arbeitet man vier Jahre hin. Der Erfolg in Kranjska war eine Bestätigung für mich, was möglich gewesen wäre, wenn ich in Sotschi fit am Start gestanden hätte (Neureuther hatte bei einem Autounfall ein Schleudertrauma erlitten/d.Red.). Sicher war dieser Doppelerfolg einzigartig, aber es ist fast traurig, dass es sowas noch nie gegeben hat.

Jetzt führen Sie den Slalom-Weltcup an, können am Sonntag die Weltcup-Kugel gewinnen. Olympia scheint abgehakt.

Sonst hätte ich in Kranjska Gora nicht wieder so eine Leistung bringen können. Es ist einfach bitter, wenn man in der Form seines Lebens ist und innerhalb von ein paar Sekunden alles umgeworfen wird, auf das man so akribisch hingearbeitet hat. Das ist nicht einfach zu verkraften. Ich hatte Schwierigkeiten, mich nach Olympia zu motivieren. Wir sind am Sonntag heimgekommen, der Fritz (Dopfer) hat am Dienstag wieder trainiert, ich erst mal eineinhalb Wochen gar nichts gemacht. Ich musste Abstand gewinnen.

War Sotschi ein traumatisches Erlebnis . . .

. . . schleudertraumatisch auf jeden Fall (lacht). Wenn plötzlich so ein Autounfall passiert, man sich nicht mehr richtig bewegen kann, ist das schon sehr, sehr traurig.

Ihre Saison war eine emotionale Achterbahnfahrt. Verpfuschte Knöchel-OP, Vorbereitung verpasst, Anfang des Winters eine Daumenverletzung, drei Siege im Januar, Auto-Unfall, Olympia verpatzt – jetzt können Sie sich die „Kugel“ geben . . . 

Sportlich gab es nur ein Negativerlebnis, das leider beim wichtigsten Rennen. Sonst war meine ganze Saison gewaltig. Es war die beste Saison meines Lebens.

„30 000 km zu Ärzten und Therapeuten, das kostet zu viel Energie“

Mit Erfolgen für die Geschichtsbücher. Sie sind jetzt der beste deutsche Skifahrer aller Zeiten (neun Siege, noch gleichauf mit Markus Wasmeier/d.Red.).

Skifahrerisch bin ich so gereift, dass ich mich – wie jetzt in Kranjska Gora – auch ein bisserl spielen kann. Eine unheimlich schöne Situation, wenn man weiß: Ich bin so schnell, dass es für die anderen ziemlich schwierig wird. Das war in dieser Saison noch mehr der Fall als in der letzten, die auch sehr gut war.

Bester deutscher Skifahrer aller Zeiten zu sein bedeutet Ihnen . . . 

. . . aaaach. Ich finde es schade, dass man sich schon in die Geschichtsbücher einträgt, wenn mal zwei Deutsche die Plätze eins und zwei belegen. Genauso schade ist es, dass man mit neun Siegen schon der Erfolgreichste ist.

Das muss sie doch stolz machen?

Auf Statistiken lege ich überhaupt keinen Wert. Das Wichtigste ist auch nicht, dass ich der beste Deutsche aller Zeiten bin. Sondern dass ich jetzt einen Slalom mehr als mein Vater gewonnen habe. Papa ist gerade beim Psychologen, damit er dieses Schicksal verkraftet (lacht).

Wenn Sie am Sonntag die Slalom-Kugel holen, . . .

. . . hätte, wäre, wenn – da reden wir darüber, wenn es passieren sollte . . .

. . . aber hätte es denn Einfluss auf Ihre Entscheidung, wie es weitergeht?

Nein. Ich will unbedingt weitermachen – aber in Ruhe überlegen, wie es weitergeht.

Spüren Sie die Verletzungen des Unfalls noch?

Körperlich geht es momentan ziemlich gut, im Kopf kann man eh nichts mehr kaputt machen . . .  (lacht).

Mit vielen Aussagen sorgte der Zick-Zack-Fahrer Neureuther aber auch für einen Zick-Zack-Kurs bei den Zukunftsplänen. Einmal hatte man den Eindruck, Sie denken über ein Karriereende nach, dann hörte man von Überlegungen, auch im Super-G zu starten. Sogar von Olympia 2018 war die Rede . . .

Ich kannte mich selber auch nicht mehr aus, was ich alles über mich gelesen habe.

Klären Sie uns auf.

Ich bin doch immer eine kleine Wundertüte (lacht).

„Als Skifahrer soll man den Leuten Freude vermitteln, nicht Mitleid erregen“

Was ist mit Olympia 2018 in Pyeongchang?

Natürlich reizt mich das. Ich habe nie gesagt, dass ich zurücktreten werde. Ich will mir nur Gedanken machen, wie es weitergeht. Dass ich weitermachen will, steht außer Frage. Es geht darum, wie ich weitermachen kann.

Sie meinen wegen Verschleißerscheinungen am Körper, Ihre gesundheitlichen Probleme vor allem mit dem Rücken?

Diese 25 000 bis 30 000 Kilometer im Jahr, die ich nur auf dem Weg zu Physiotherapeuten und Ärzten im Auto sitze, kosten zu viel Energie, machen extrem müde. In dieser Intensität kann ich das sicher nicht mehr machen. Neulich habe ich mich mit Aksel Lund Svindal (Ski-Kollege aus Norwegen/d.Red.) darüber unterhalten. Wenn man so lange dabei ist wie Aksel und ich, über elf Jahre, dann geht das nicht spurlos an einem vorüber. Da muss man sehr kluge Entscheidungen treffen.

Das heißt?

Um jeden Preis Ski zu fahren, ein Risiko für den Körper einzugehen, das kann und will ich nicht machen. Nach Olympischen Spielen ist eine Zeit, sich Gedanken zu machen. Ich brauche sicher eine neue Herausforderung, um das Feuer neu entfachen zu können. Oder ich ich fahre einfach nicht mehr zu Physiotherapeuten und hoffe, dass mein Körper hält. Diese Fragen beschäftigen mich.

Am 26. März werden Sie auch schon 30 Jahre alt.

Ich will nie den Punkt verpassen, wo ich mir zugestehen muss: ,Lass es besser.‘ Weil man nur noch ein bisserl dahinverkrampft. Wenn, dann g‘scheit. Man sollte als Skifahrer den Leuten Freude vermitteln, nicht Mitleid erregen.

Da fällt uns der Kroate Ivica Kostelic, der nach gefühlten 100 Knieoperationen immer noch weiter machen will. Dessen Vater Ante sorgt regelmäßig für Ärger mit seiner kuriosen Kurssetzung, auch bei Olympia.

Es ist krass, wenn bei Olympia Millionen zuschauen, auch Leute, die noch nie ein Skirennen angeschaut haben. Dann steckt der einen Kurs, bei dem die Hälfte ausscheidet und die andere runterstolpert, dass die Zuschauer denken müssen: die können alle gar nicht skifahren. Es gab verdiente Sieger, keine Frage, aber das ist keine Werbung für unseren Sport.

Auszeit auf Hütte? „Totaler Käse. „Ich mache Golf- Urlaub in Miami“

Sie deuteten mal eine längere Pause an, sprachen von einer einsamen Hütte ohne Handy in Kanada. Schon gebucht? 

Neulich war zu lesen, dass ich eine Auszeit von vier oder sechs Wochen in Amerika nehmen werde. Das habe ich nie gesagt. Totaler Käse. Die Wahrheit ist: Ich gehe mit Freunden zwei Wochen zum Golfspielen nach Miami.

In wie weit ist Ihre Freundin Miriam Gössner (Biathletin/d.Red.) als Beraterin bei Ihren Zukunftplänen eingebunden?

Sie ist selber Sportlerin, kann sich da gut reindenken. Natürlich bespricht man sich, das ist auch gut so.

Früher haben Sie mal gesagt, mit 40 Jahren fahren Sie auch noch . . . . . . da bin ich in der Früh auch noch schmerzfrei aus dem Bett gesprungen.

Interview: Jörg Köhle

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