Mit Korsett und Optimismus: Miriam Gössner in der Reha-Klinik in Bad Wiessee. foto: Leder
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Mit Korsett und Optimismus: Miriam Gössner in der Reha-Klinik in Bad Wiessee.

Interview nach schwerem Rad-Unfall

Miriam Gössner: "Ich hatte viele Schutzengel"

München - Biathletin Miriam Gössner hegt nach ihrem schweren Radunfall mit vier Wirbelbrüchen weiter ein großes Ziel: Olympia 2014. Das verrät sie im großen Interview mit dem Münchner Merkur.

Miriam Gössner öffnete die Tür ihres Elternhauses in Garmisch-Partenkirchen selbst. Und das war schon ein erstes gutes Zeichen. Denn vor knapp vier Wochen war die Biathletin mit dem Mountainbike in Norwegen verunglückt und brach sich – wie sie nun im Interview erstmals erzählte – vier Rückenwirbel. Eine schockierende Verletzung. Inzwischen aber kann die bald 23-Jährige, die vorerst noch ein Korsett tragen muss, wieder gehen. Die Wochentage verbringt Miriam Gössner in einer Reha-Klinik in Bad Wiessee, am Wochenende darf sie nach Hause. Im Gespräch mit unserer Zeitung blitzte immer wieder ihre Frohnatur auf. Und auch wenn die Zeit der Tränen für sie noch nicht ganz vorbei ist, präsentierte sich Miriam Gössner voller Optimismus und Hoffnung – auch was ihre Olympia-Teilnahme 2014 in Sotschi betrifft.

Miriam Gössner, wie geht es Ihnen?

In jedem Fall besser als noch vor vier Wochen. Aber ich kann halt noch nicht viel machen.

Sie müssen wegen Ihrer Rückenverletzung ein Korsett tragen. Haben Sie sich schon daran gewöhnt?

Na ja, angenehm ist es nicht. Man fühlt sich total eingeschnürt. Ich kann mich kaum bewegen. Auch nachts ist es schwierig. Ich schlafe normalerweise auf der Seite liegend, jetzt muss ich mich auf den Rücken legen.

Wie lange sind Sie denn noch auf diese Plastikstütze angewiesen?

Ich hoffe, dass ich das Korsett nur noch bis Ende Juni brauche. Danach werde ich wohl so einen Body tragen, bei dem alles verstärkt und im Rücken eine Eisenstange ist. Den Body zieht man dann unter die Klamotten.

Nach Ihrem Radunfall hieß es zunächst, Sie hätten sich drei Lendenwirbel angebrochen. Aus der neuen Diagnose geht aber hervor, dass es Sie noch weitaus schlimmer erwischt hat...

Ja, es sind vier Lendenwirbel gebrochen; und eine Bandscheibe ist ein bisserl kaputt gegangen.

Das hört sich erschreckend an. Wie haben Sie denn diesen Befund aufgenommen?

Das war schon schlimm. Und ich mag auch gar nicht mehr an die Momente zurückdenken, als ich nach dem Radunfall da lag und Angst haben musste, dass ich vielleicht gar nicht mehr gehen kann. Aber die Ärzte sagen, dass alles wieder gut wird. Die Heilungschancen sind sehr hoch, es bleiben keine Schäden. Es dauert halt seine Zeit. Als ich das gehört habe, war ich sehr froh. Es hätte auch ganz anders ausgehen können.

Magdalena Neuner, Ihre Freundin, hat gemeint, Sie hätten viele Schutzengel gehabt. Sehen Sie das auch so?

Es hätte wirklich schlimmer ausgehen können. Ich hätte auch im Rollstuhl landen können. So gesehen hatte ich wirklich viele Schutzengel.

Wie ist denn der Radunfall eigentlich passiert? Sie hatten ja zunächst keine Erinnerung daran.

Ich weiß immer noch nicht viel. Und auch meine Schwester Christina hat nicht viel gesehen, weil sie ein Stück hinter mir gefahren ist. Ich weiß nur noch, dass es leicht bergab und um eine Kurve ging. Die Ärzte meinen, ich hätte mich über den Lenker überschlagen. Ansonsten wäre ich nicht so wuchtig auf dem Rücken und Steißbein gelandet. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich auf dem Rad gesessen bin und dann wie ich auf dem Boden lag. Das Stück dazwischen fehlt mir.

Wie waren und sind denn die Schmerzen?

Anfangs war es sehr, sehr schlimm. Ich bin eigentlich schmerzunempfindlich. Aber die ersten zwei Stunden habe ich nur geschrien. Das hat wirklich weh getan und wurde erst besser, als ich im Krankenhaus Schmerzmittel bekommen habe. Die ersten zwei Wochen habe ich Morphine erhalten. Und jedes Mal, wenn ich versucht habe, die Dosierung zu verringern, hat das nicht funktioniert. Inzwischen muss ich endlich weniger starke Schmerzmittel nehmen, aber so ganz ohne geht es noch nicht.

Wie haben Sie denn die schwere Verletzung psychisch verkraftet?

Es war schon schwer. Damit muss man erst einmal fertig werden. Es war auch nicht einfach, mich damit zu arrangieren, dass ich die nächsten Wochen und Monate kürzer treten muss und dass mein Saisontraining erst im August losgeht. Aber ich habe das jetzt akzeptiert und ich mache alles dafür, dass sich mein Körper bestmöglich erholt. Ich will ja unbedingt wieder meinen Sport betreiben.

Sie verbringen die Wochentage inzwischen in einer Reha-Klinik. Wie gut können Sie sich denn wieder bewegen?

Die ersten zwei Wochen bin ich fast nur gelegen. Seit knapp zwei Wochen kann ich wieder gehen. Und ich habe auch das Gefühl, dass es von Tag zu Tag besser wird. Die Ärzte sind sehr zufrieden.

Wie sieht denn Ihr Tagesablauf als Rekonvaleszentin aus?

Von acht bis elf Uhr und von eins bis halbfünf mache ich die verschiedensten Behandlungen. Wärme- und manuelle Therapie, Lymphdrainagen, Akupunktmassage, leichtes Muskeltraining. So geht es den ganzen Tag.

Das hört sich nicht sehr spannend an...

Stimmt, es wird einem ziemlich langweilig. Und Geduld ist nicht meine Stärke. Ich will immer, dass alles schnell, schnell geht. Jetzt muss halt viel im Bett liegen. Das ist nicht leicht. Ich sehe es aber als Auszeit für meinen Körper. Dann geht es danach umso besser. Es ist halt so, wie es ist. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen, das Beste daraus zu machen und das Ganze vom Negativen ins Positive zu wenden.

Wie bekämpfen Sie die Langeweile?

Ich stricke zur Zeit viel. Ich habe mir in Norwegen ein Buch mit Strickmustern besorgt. Momentan mache ich eine Mütze. Nur geht mir allmählich die Wolle aus.

Wie schaut es denn mit Sport aus? Können Sie bereits Übungen machen?

Ich kann inzwischen immerhin schon wieder 15 Minuten auf dem Ergometer sitzen. Klar, das ist nicht viel. Und von Training kann man da nicht reden. Aber dafür, dass am Anfang nur fünf Minuten möglich waren, bin ich zufrieden. Mein Therapeut hat gemeint, dass wir das jetzt weiter steigern können. Klar: Laufen, springen, rollern, Mountainbike fahren – das alles geht noch nicht.

Wie haben denn Ihre Trainer reagiert?

Die sagen alle, ich soll Geduld haben und mir so viel Zeit lassen, wie ich brauche. Sie wissen, dass ich auf den Punkt wieder fit sein kann. Und insofern schenken sie mir ihr ganzes Vertrauen.

Glauben Sie, dass ein Comeback noch in diesem Jahr möglich ist?

Ja, klar. Im August will ich wieder mit Laufen und Rollern anfangen. Mein gropßes Ziel ist, dass ich den November-Lehrgang in Norwegen ganz normal mit der Mannschaft mitmachen kann. Wenn es dann im Dezember noch nicht für Wettkämpfe reichen sollte, dann eben ab Januar.

Die Olympischen Spiele im Februar 2014 in Sotschi sind für Sie also nach wie vor ein Thema?

Sicher. Das ist das Gute, dass wir in dieser Saison Olympia haben. Sotschi ist das einzige, das in diesem Winter zählt. Bis dahin ist noch so viel Zeit. Da habe ich alle Chancen, wieder in Form zu kommen. Ich weiß genau, was mein Körper braucht, um rechtzeitig fit zu sein. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Ich bin wirklich topmotiviert.

Das Interview führte Armin Gibis

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