Felix Neureuther mit einem Mikrofon des BR in der Hand.
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Hat seinen Spaß und scheut auch deutliche Worte nicht: Felix Neureuther taugt sein Experten-Dasein sehr.

Felix Neureuther spricht über seinen Job als TV-Experte, was im Skisport falsch läuft und die WM-Bewerbung

„Ich lasse mich nicht verbiegen“

  • vonPatrick Hilmes
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Die aktive Karriere ist vorbei, doch Felix Neureuther ist weiterhin präsent in der Öffentlichkeit, unter anderem als TV-Experte. Im Tagblatt-Interview spricht der Garmisch-Partenkirchner über seinen neuen Job, was er als Funktionär anders machen würde und warum sich sein Heimatort für die WM 2027 bewerben sollte.

Herr Neureuther, wie gefällt Ihnen mittlerweile das Experten-Dasein?

Sehr gut. Der Skisport war mein Leben und geht nicht so schnell aus meinem Herzen raus. Ich vermisse aber die Nähe zu den Pisten, den Schnee unter meinen Füßen, das ist in diesem Jahr schon anders. Es ist wichtig, mit ehemaligen Kollegen und Trainern noch Kontakt zu haben. Diese Saison sieht man zwar Bilder am Monitor von den Rennorten, hat aber keine Ahnung, wie es wirklich vor Ort ist. Man weiß nichts über die Streckenverhältnisse, kann nicht zur Besichtigung auf die Piste. Dann muss ich meine Trainer – ich sag’ immer noch meine (schmunzelt) – versuchen zu erreichen und so aktuelle Informationen zu bekommen.

Und wenn mal etwas aus Ihrer Sicht nicht stimmt, direkt zum Handy greifen...

Wenn Dinge nicht so laufen, wie es die Fairness verlangt, dann ja.

Dazu sind Sie noch zu sehr Sportler, oder?

Ja, viel zu sehr. Ich habe das bei den WM-Parallel-Rennen in Cortina nicht einsehen können und dachte, da muss sich was ändern. Ich kenne Markus Waldner sehr gut, das ist ein Top-Mann. Ich denke über den Skisport wie er. Aber wieso kann man nicht zeitnah reagieren? Nur weil Praxisfremdes im Reglement steht, muss man es nicht stur beibehalten, wenn sich wie in diesem Fall die Piste unfair verändert. Da bräuchte man nur eine Bohrmaschine in die Hand zu nehmen, ein Tor versetzen, und dann ist alles gut. Ich habe direkt auf der Heimfahrt eine Stunde mit Markus geredet – ein sehr gutes Gespräch.

Worum ging es?

Wie man Dinge besser machen kann. Wir müssen den Skisport konformer für das Fernsehen machen. Wenn man die Quoten von Biathlon und Skispringen sieht, wie die davongezogen sind, das ist enorm. Solche Quoten wollen wir auch, denn der Skisport ist so wichtig, weil ihn viele Menschen selber ausüben können.

Wurden Sie für Ihre Worte im TV kritisiert?

Kritik bekomme ich natürlich, das ist normal. Aber ich bin so, wie ich bin und lasse mich nicht verbiegen.

Was sagen die Athleten?

Wenn ich darüber spreche, Disziplinen abzuschaffen und den Rennkalender zu kürzen, dann kommen auch die entsprechenden Athleten auf mich zu. Die haben selbstverständlich ihre eigene Sicht auf die Dinge. Aber hier geht es um die Zukunft des Rennsports. Jeder kann sich äußern und Vorschläge machen, die sollten aber nicht einem persönlich oder einem einzelnen Verband Vorteile bringen, sondern der gesamten Sportart. Natürlich habe auch ich früher meine Interessen vertreten, das ist also kein Vorwurf an die Athleten.

Sie haben einen ganz anderen Blick auf den Sport als noch zur Ihrer aktiven Zeit, richtig?

Natürlich, denn die Blickwinkel öffnen sich. Als Sportler bist du in der Maschinerie. Du trainierst, du fährst zum Weltcup-Rennen, du trainierst, du fährst zum nächsten Rennen und: du musst abliefern. In meinem letzten Jahr als Sportler hat sich die Sichtweise schon verändert. Man nimmt Dinge anders wahr – die Natur, den Ort, die Leidenschaft für den Rennsport. Man wird dankbarer. Inzwischen kenne ich auch die Medienwelt viel besser. Ich war nie einer, der Medien oder Journalisten als lästiges Beiwerk gesehen hat. Nur weil man schlecht gefahren ist und keinen Bock hat, geht man nicht an ihnen vorbei, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag für das gesamte Geschehen. Ich bin froh und dankbar, wenn viele zu den Rennen kommen und alle positiven und auch negativen Seiten des Sports beleuchten.

Sie sagen, dass es mehr Athleten auf Funktionärsebene bräuchte. Sie seien aber nicht der Richtige dafür. Warum?

Ich würde zu radikal vorgehen. Deshalb passe ich nicht in diese Struktur hinein. Ich würde zu sehr anecken, auch weil ich zu schnell Veränderungen fordern würde. Das funktioniert aber nicht in diesen verkrusteten Strukturen. Als Sportler ist es so: Funktioniert etwas nicht, ändert man es – nicht morgen, nicht in einer Stunde, sondern sofort. Nur dann kann ich neue Wege gehen und mich verbessern. Aber auf Funktionärsebene braucht man einen extrem langen Atem. Den habe ich einfach nicht.

Welche Punkte würden Sie angehen?

Der Skisport muss wieder verständlicher für den Zuschauer werden. Ich würde gnadenlos Disziplinen streichen. Slalom, Riesenslalom, Abfahrt – die gab es früher. Heute gibt es dazu den Super-G, die Kombination, die fünfmal geändert wurde. Dann gab es den Parallel-Slalom, erst in Städten, dann auch in Skigebieten. Dann gab es den Parallel-Riesenslalom, jetzt nur noch Parallel-Rennen. Zudem gibt es den Teamwettbewerb. Wer soll das noch checken? Das ist zu viel. Aber das ist in jedem Sport so. Im Biathlon oder Schwimmen: Welchen Wert hat da noch die einzelne Goldmedaille? Das alles ist so sehr aufgebläht, nur der Fernsehzeit geschuldet, dass es nicht mehr gut für den Sport ist.

Gibt es weitere Ansätze?

Man muss den Skisport, nicht nur die Rennen, auch alle Ski-Gebiete, nachhaltig gestalten. Das ist ein Prozess, aber dem muss man sich stellen. Wir brauchen keine neuen Skipisten mehr, vielmehr sollten wir die vorhandenen so gestalten, dass ich mich mit einem guten Gefühl darauf bewegen kann. Die ökologische Skispur, die ich in den Schnee ziehe, muss im Fokus stehen. Als Skifahrer werden wir immer auch von der Natur etwas abverlangen, aber die Relation muss stimmen. Ich würde knallhart ein Trainingsverbot auf den Gletschern von Ende April bis Anfang Oktober beschließen. Die zehnjährigen Kinder fahren heutzutage im Juli auf 4000 Meter, um dort zu trainieren. Und das soll gut sein? Für die Umwelt sicher nicht. Auch wenn viele Liftbetreiber oder Gletscher-Skibetriebe meinen, das ich so etwas nicht vorschlagen kann. Aber da stehe ich drüber, da denke ich an die nächste Generation. Außerdem verliert unser Nachwuchs zu schnell den Spaß am Rennsport, wenn sich das Umfeld so früh professionalisiert. Sollten meine Kinder Skirennen fahren wollen, würde ich sie nicht im Juli auf die Gletscher bringen. Die sollen dann schwimmen, mit dem Ball spielen oder sonst was machen.

Wie wollen Sie Ihre Visionen trotzdem umsetzen?

Man muss permanent darauf aufmerksam machen und solche Gedanken zur Diskussion stellen, immer wieder. Das ist schwierig, denn das System ist sehr kommerziell ausgerichtet. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen, davon profitiere ja auch ich und unsere ganze Branche. Es kommt auf die Verhältnismäßigkeit an und darauf, Auswüchse zu verhindern. Es sollte nicht nur darum gehen, ob zum Beispiel ein Verband wie die FIS eine Million im Jahr mehr oder weniger umsetzt, sondern darum, ob man seine Ziele nur am Umsatz oder vielleicht besser an der Wertschätzung des Sports ablesen sollte. Deshalb bin ich dafür, ehemalige Athleten in verantwortliche Positionen zu bringen. Der FC Bayern München macht es vor. Der holt seine ehemaligen Spieler in die Führungspositionen, das tut wie man sieht der Leistung des Vereins sehr gut. Dazu dann für Bereiche wie Finanzen oder der Verwaltung Spitzenkräfte außerhalb des Sports. Das ergibt eine sehr gute Mischung.

Sie wollen also Ihre Berühmtheit für gesellschaftliche wie sportliche Themen nutzen?

Ja, zum einen hat man als Sportler das große Glück, Augen zum Leuchten bringen zu können. Aber das ist vielen Sportlern heutzutage gar nicht mehr so bewusst. Früher war das anders. So blöd das klingt: Für mich war ein Kinderlachen beim Autogramme geben tausendmal mehr wert als ein Rennen zu gewinnen. Ich habe von einem Betroffenen die Nachricht bekommen, dessen Kinder schwer krank sind, dass ihr Lieblingsbuch „Ixi, Mimi und das Zaubermüsli“ ist. Da treibt’s mir die Tränen in die Augen. Es ist einfach schön, wenn man etwas schaffen kann, wovon Kinder zehren.

Welche Projekte stehen als nächstes an?

Zunächst das Weltcup-Finale. Zudem versuche ich über meine Stiftung und meine Initiative „Beweg dich schlau“, Kinder zum Sport zu animieren. Die Situation rund um Corona ist für die Kinder eine Katastrophe. Zudem steht ein Film- und Buchprojekt mit National Geographics an, mit dem aufmerksam gemacht werden soll, wie wichtig die Berge und die Natur sind. Und wie wir es vielleicht schaffen, dass auch die nächsten Generationen etwas von dieser Schönheit haben.

Auch wieder etwas Verrücktes wie ein Sprung von der Olympiaschanze oder eine Fahrt auf Skiern durch einen Eiskanal?

Der Sprung von der Schanze war nicht so verrückt. Das habe ich schon gemacht, als ich jung war. Aber dieses Mal hat es mir bei der Landung die Zehnägel so aufgebogen, dass ich mir zwei Nägel aufbohren musste. Weniger wehgetan hat die Fahrt im Eiskanal. Aber ganz ehrlich, da hatte ich überschätzt, wie sehr es einen in die Kurven drückt.

Die Kamerafahrt auf der Kandahar hat er sich heuer nicht nehmen lassen.

Wie schnell waren Sie?

Nicht so langsam (lacht). Das Problem ist einfach, dass du nicht bremsen kannst. Hat aber sehr viel Spaß gemacht.

Sind das alle Ihre Ideen?

Ja, ich möchte dem Zuschauer halt neue Aspekte und Eindrücke vermitteln. Außerdem macht es mir selber unheimlich viel Spaß, neue Eindrücke zu bekommen.

Haben Sie überhaupt mehr Freizeit im Vergleich zur aktiven Karriere?

Das ist andere Freizeit. Als Sportler war ich oft zwei, drei Wochen am Stück unterwegs. Das ist mir immer schwer gefallen, da es mich sehr in die Heimat zieht. Jetzt schaue ich, dass ich am Abend die Kinder ins Bett bringen kann oder mit ihnen am Morgen aufstehe und wir gemeinsam frühstücken.

Als Sportler war Ihr Tag immer durchgetaktet. Wie sieht er heute aus?

Es ist wichtig, auch wenn man keinen Leistungssport mehr betreibt, eine gewisse Routine zu haben. So in den Tag hineinleben, kann für eine Zeit mal ganz schön sein. Aber das Schlimmste für einen Menschen ist, wenn man keine Ziele mehr hat, die einen herausfordern. Dann kommt man nur auf Blödsinn. Unseren Tag geben natürlich in erster Linie die Kinder vor. Als Sportler wird einem ja alles abgenommen, für alle „Wehwehchen“ ist jemand da. Der Tag wird von außen durchstrukturiert. Dieses Umfeld fehlt nach dem Leistungssport total und verlangt ein Umdenken und eine Neustrukturierung. Auch das braucht seine Zeit. In sofern führe ich jetzt ein komplett anderes, neues und ebenso spannendes Leben.

Gefällt es Ihnen besser?

Ich habe die Zeit als Sportler wahnsinnig genossen und bin dafür sehr dankbar. Aber das ist erledigt. So wie es jetzt ist, könnte es nicht schöner sein. Wir sind alle gesund, haben zwei tolle Kinder – was will man mehr?

Ihre Frau, Miriam Neureuther, war als Expertin bei der WM in Oberstdorf dabei. Gab es im Anschluss eine familieninterne Experten-Kritik-Runde?

Ich war mit vor Ort, habe mich um die Kinder gekümmert und dadurch nicht viel gesehen. Für sie war es sehr schön, mal wieder bei ihrem Sport dabei zu sein. Aber zu Hause geht’s um wichtigere Dinge, um die Familie.

Ihre Frau hat erzählt, dass Sie einen Langlauf-Sprint gegen sie gewonnen haben, weil sie zu sehr lachen musste...

Ich muss sagen, dass ich zuletzt oft Langlaufen war.

Sie sind also in Top-Form?

Richtig (lacht). Ich bin einer, der in der Nacht mit Stirnlampe losgeht. Da ist kein Mensch unterwegs. Wenn es nachts friert, dann ist es nicht so anstrengend, die Spur ist schnell und das erinnert schon wieder ans Skifahren . Ich hätte mit Anfang 20 nie gedacht, dass ich mal so gerne Langlaufen würde. Dennoch habe ich gegen Miri keine Chance, nicht ansatzweise. Wahrscheinlich hat sie sich bei dem Sprint nur gekugelt vor Lachen, als sie mich mit lossprinten sah. Mit Ästhetik hat das wenig zu tun. Da bleibt ihr noch viel Arbeit.

Also haben Sie die Nachtschicht in puncto Aufstehen, wenn die Kinder wach werden, übernommen? Denn das war ja der Wetteinsatz.

Nein, nein, unser Kleiner wird nachts noch gestillt, da kann ich Gott sei Dank nicht helfen. Der Wetteinsatz wird später mal eingelöst (schmunzelt).

Kommen wir noch mal zurück zur WM. Wer hat Sie am meisten überrascht?

Romed Baumann. Gerade, weil er die Medaille im Super-G geholt hat. Ich hab’ ihn immer eher in der Abfahrt gesehen. Und dieser Super-G war extrem spektakulär. Bei Andreas Sander wusste man immer schon, was er drauf hat. Er hat eine ganz feine und weiche Technik. Super, dass es bei ihm gerade bei der WM mit der Silbermedaille geklappt hat. Vergessen dürfen wir auch nicht Kira Weidle mit ihrer Silbernen in der Abfahrt, aber sie war ja schon öfter auf dem Podest und für mich daher auch immer eine Medaillenkandidatin.

Und dann fährt langsam ein junger Athlet aus dem Schatten der Großen...

Simon Jocher? Der ist super, der taugt mir. Ganz a netter Bursch. Als er vor ein paar Jahren zur Abfahrtsmannschaft kam, hatte er noch ganz dünne Oberschenkel. Da konnte man sich nie vorstellen, dass das mal ein Abfahrer wird. Aber er hat sich unheimlich gut entwickelt, ist ein Bewegungstalent und kann schnelle Kurven fahren, wie man in der Kombination bei der WM gesehen hat. Ich liebe diesen Typen.

Von den heimischen Talenten zur heimischen Weltmeisterschaft. Soll sich Garmisch-Partenkirchen für die WM 2027 bewerben?

Ich bin natürlich dafür. Das wäre extrem wichtig für den Ort und die Kinder, damit sie eine Vision vor Augen haben und Skifahren als Wunschsportart sehen. Gerade jetzt, wo Deutschland das einzige Land ist, in dem die Sportstätten geschlossen sind und Kinder nicht einmal Skifahren dürfen, wäre so ein Großereignis eine Motivation. Unser Ort steht wie kein anderer in Deutschland für Rennsport und Skibegeisterung. Wie gerne erinnern wir uns an die WM 2011, die nachhaltig weiter lebt. Weshalb sollten wir es daher nicht erneut versuchen?

Auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit?

Gerade auch deshalb bin ich dafür, denn wir sind mit unseren Pisten und unserer Infrastruktur so nachhaltig aufgestellt, dass wir uns damit identifizieren können.

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