"Ich werde sicher keinen Scherbenhaufen hinterlassen": Der 2010 scheidende Bundestrainer Frank Ullrich.
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"Ich werde sicher keinen Scherbenhaufen hinterlassen": Der 2010 scheidende Bundestrainer Frank Ullrich.

Interview mit Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich

"Schön, wie sich die Burschen quälen"

Oberhof - Biathlon-Bundestrainer Ullrich über die jungen Wilden im deutschen Team, über Willensstärke und persönliche Ziele.

Bei den deutschen Biathleten ist offenbar eine neue Generation auf dem Vormarsch. Beim Weltcup in Oberhof machten vor allem Arnd Peiffer, 21, und Christoph Stephan, 22, durch Glanzleistungen auf sich aufmerksam. Sie stehen an der Spitze einer ganzen Garde hoffnungsvoller Talente. Wir befragten Cheftrainer Frank Ullrich, 50, zu den jungen Wilden im deutschen Team.

Frank Ullrich, so extrem temperamentvoll wie zuletzt in Oberhof hat man sie selten jubeln gesehen. Wie erklären Sie sich diese besonderen Hochgefühle?

Ich habe mich einfach über unsere jungen Burschen gefreut. Wir hatten uns das ja in den letzten Jahren auf die Fahnen geschrieben, junge Athleten an die Spitzenklasse heranzuführen. So ein Arnd Peiffer, Christoph Stephan und auch ein Daniel Böhm sind nun von den Junioren in den B-Kader hineingewachsen. Und wir haben auch noch einige Leute mehr, die da nachkommen. Sie alle bringen viel Engagement ein, setzen Akzente, machen mal was anderes. Für mich ist es das Allerschönste zu sehen, wenn Leute sich quälen, sich aufopfern, ihrem Sport alles unterordnen, an die Grenzen gehen - und dann dafür belohnt werden.

An die Grenzen gehen - wie sieht das in der Trainingspraxis aus?

Ich muss dabei daran denken, wie Peiffer und Stephan im Trainingslager in Sardinien mit den Booten bei zwei, drei Meter hohen Wellen rausgepaddelt und dann gekentert sind. Die anderen waren längst aus dem Wasser raus wegen des Seegangs. Doch die zwei meinten: Wir probieren’s noch mal. Ich hatte mir da selbst gesagt: "Oh, das ist ja gefährlich." Ich bin ihnen dann mit dem Paddelboot hinterher, und als ich sie wieder gesehen habe, waren sie schon im Wasser und hingen an ihren Booten. Als erstes hat der Arnd gerufen: "Trainer, schau lieber zum Christoph, der kommt nicht richtig klar." Und der hat wiederum gerufen: "Kümmer dich lieber um den Arnd, ich glaub, der kann nicht gut schwimmen."

Welchen Effekt haben solche Abenteuer?

Die erschließen sich dabei Dinge, die ihnen in einem anderen Grenzbereich helfen können. Ich sage es mal so: Wer ins kalte Wasser fällt und zurecht kommt, der wird es auch ganz anders meistern, wenn er in der Staffel sozusagen ins kalte Wasser geworfen wird. Ihre tolle Grundeinstellung hat man auch beim Training in den französischen Alpen gesehen. Da haben sie sich auf dem Rad die langen Anstiege hochgeschunden, sie sind auf die höchsten Berge der Tour de France, den Galibier, den Col d’Iozard, teilweise waren sie auch mit Skirollern unterwegs. Das sind dann wirklich Qualen.

Waren die starken Auftritte in Oberhof überhaupt eine Überraschung für Sie?

So ein Quäntchen ja. Man hofft natürlich auf eine starke Leistung, weil man weiß, dass sie sich in der Nationalmannschaft nach vorne gearbeitet haben, dass sie in der in der Lage sind, gegen die Großen zu bestehen. Die Frage war natürlich: Können die das im Wettkampf bestätigen? Ich fand es dann so begeisternd, dass sie das mit solch durchschlagender Kraft erreicht haben. Ich weiß, was dazu gehört, in so einem Weltcup-Zirkus zu bestehen.

Wo liegen denn die Stärken speziell bei Peiffer und Stephan?

Beide können auf eine stabile Laufleistung bauen, haben eine physisch starke Persönlichkeit entwickelt. Zudem sind es sehr intelligente, wissbegierige Burschen. Sie arbeiten immer weiter an sich. Sie versuchen, ihr Niveau zu heben, sie quälen sich noch einen Zacken mehr als die anderen in ihrem Altersbereich.

Peiffer ist dennoch zunächst im zweitklassigen IBU-Cup gestartet.

Ja, und er hat sich da in der zweiten Liga ganz deutlich vorne abgesetzt. Das ist sehr wichtig für die Leistungsentwicklung. Im Fußball ist das genauso: Hoffenheim hat sich auch erst in der Zweitklassigkeit durchsetzen müssen, um dann groß rauszukommen.

Peiffer hat in Oberhof ein großartiges Staffelrennen geliefert, im Sprint wurde er Achter, Stephan wurde sogar Sprint-Fünfter. Was das schon der internationale Durchbruch?

Wir werden von den Jungen nun keine Wunderdinge erwarten. Die brauchen sicher noch ein klein wenig mehr Stabilität. Das sieht man auch bei anderen Athleten, die den Durchbruch schaffen und dann wieder ein klein wenig wegkippen. Biathlon ist ja geprägt von Höhen und Tiefen. Das hat man auch in Oberhof gesehen: Der Österreicher Christoph Sumann wird im Sprint 40., am nächsten Tag gewinnt er den Massenstart.

Es gibt ja noch einige andere vielversprechende deutsche Talente, zum Beispiel den Junioren-WM-Zweiten Florian Graf oder Simon Schempp. Ist mit denen auch bald zu rechnen?

Ich möchte da keine Namen nennen. Aber für die anderen Nachwuchsleute ist es sicher positiv, dass sie jetzt merken, dass für die Jungen tatsächlich Möglichkeiten da sind. Man muss mit ihnen aber vorsichtig umgehen, ein sensibles Händchen haben. Wir hatten schon unendlich viele Talente, die es nicht geschafft haben, sich durchzubeißen.

Die interne Konkurrenz ist groß. Hat da ein Newcomer wie der 26-jährige Toni Lang, der erst vor zwei Jahren vom Langlauf zum Biathlon kam, überhaupt noch eine Chance?

Der kann sich da definitiv behaupten. Es ist faszinierend, wie es der Toni geschafft hat, sich das Schießen anzueignen. Nur wenn ganz harte Belastungen kommen, ist er noch etwas mit sich beschäftigt. In der Oberhofer Staffel hat er aber ganz toll dagegen gehalten. Der Toni wird zwar im April 27, aber ein Michael Greis hat seinen Durchbruch auch erst mit 26 geschafft.

Stehen nun die etablierten Biathleten unter einem größeren Druck?

Ich würde da mehr von Motivation sprechen. Motivation für die trainingsälteren Athleten, sich zu behaupten. Das führt dann auch oft bei ihnen zu einem Leistungssprung.

Sieht nach günstigen Perspektiven aus, auch langfristig. Kommt da bei Ihnen auch nicht ein wenig Wehmut auf. Sie haben ja bereits angekündigt, dass sie 2010 nach den Olympischen Spielen in Vancouver endgültig Ihr Amt als Cheftrainer aufgeben werden

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Von Wehmut kann keine Rede sein. Ich will ja 2010 eine starke, intakte Mannschaft übergeben, die auch künftig erfolgreich sein kann. Ich werde mit Sicherheit keinen Scherbenhaufen hinterlassen.

Wie geht es dann mit Ihnen weiter?

Das ist noch offen. Es wird sicher noch Gespräche mit dem Deutschen Skiverband geben, und ich habe da auch meine Vorstellungen. Seit dem achten Lebensjahr bin ich im Biathlon unterwegs. Deswegen suche ich eine neue Herausforderungen. Aber eines ist sicher: Bis zu den Winterspielen 2010 bin ich hundertprozentig auf meine Aufgabe als Cheftrainer konzentriert.

Das Gespräch führte Armin Gibis.

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