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Thomas Dreßen bei der Siegerehrung in Kitzbühel.

Ski-Star verlor früh seinen Vater

Kitzbühels Überraschungssieger Dreßen: Ein Leben mit dem Schicksalsschlag

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Er ist einer der besten deutschen Speedfahrer und hat nun die Streif in Kitzbühel besiegt. Doch zur Geschichte von Thomas Dreßen gehört auch eine Trägodie, die ihn zu dem gemacht hat, der er heute ist.

Update vom 13. Februar 2018: Der Mittenwalder Thomas Dreßen führte nach dem ersten Durchgang der Olympia-Kombination in Südkorea (Pyeongchang). Aber es reicht am Ende nur zu Platz neun.

Update vom 20. Januar 2018: Thomas Dreßen hat sensationell die Abfahrt in Kitzbühel gewonnen. Alle Informationen dazu finden Sie hier. Nach Rang drei zu Anfang des Winters, ist das nun der zweite Podestplatz seiner Karriere.

MittenwaldThomas dribbelt, wirft auf den Korb. Der erste Schultag nach den Sommerferien ist vorbei, auf dem Hartplatz des Internats jagen der Elfjährige und seine Spezln dem Basketball hinterher. Auf einmal steht Thomas Mama auf dem Spielfeld, sagt, er solle mitkommen. In einem kleinen Zimmer in der Skihauptschule in Neustift versucht der Bub zu verstehen, was ihm seine Mutter da sagt: Papa wird nicht wiederkommen. Papa ist tot.

Martina Dreßen kommt an diesem späten Nachmittag, am 5. September 2005, gerade aus Sölden. Dort hat sie ihren jüngeren Sohn Michael abgeholt. Mit seinem Papa, anderen Kindern und Betreuern trainierte der Neunjährige am Gletscher. Gegen 13 Uhr verlor ein Hubschrauber über der Seilbahn einen 750 Kilo schweren Betonkübel. Eine Gondel stürzte in die Tiefe, aus weiteren Gondeln wurden Skifahrer herausgeschleudert. Neun Menschen starben, sechs Kinder, drei Erwachsene. Darunter Dirk Dreßen, 43 Jahre alt, Vater von Thomas und Michael, elf und neun Jahre alt.

Die Geschichte mit seinem Vater gehört zu Thomas Dreßen

Oft fragten Journalisten den deutschen Speedfahrer Thomas Dreßen nach dieser Geschichte. Und der 24-Jährige erzählt sie immer wieder. Weil sie zu ihm gehört. Doch möchte er nicht darauf reduziert werden. Will nicht, dass die Menschen ihn mitleidig anschauen, sich denken: „Mei, der Arme hat’s zach g’habt.“ Dreßen will nur, dass die Menschen sehen, wer er ist. Und „die Sache mit meinem Vater“, die hat ihn unter anderem dazu gemacht.

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Vielleicht hat sie ihn auch dorthin gebracht, wo er heute steht: im A-Kader des Deutschen Skiverbands, als einer von Deutschlands besten Speedfahrern, der zu den weltbesten aufschließt. Das hat er im Jahr 2017 mit seinem 12. und 14. Rang bei der WM in St. Moritz sowie dem 6. und 11. Platz beim Weltcup im norwegischen Kvitfjell gezeigt. Vielleicht wäre er ohne „die Sache“ nicht so weit gekommen. Denn als Kind und Jugendlicher fand er nicht jeden Tag auf Skiern lustig, manches Training zu anstrengend und manches Rennen – wie er sagt – „einfach scheiße“. „Aber ich hab’ weitergemacht. Für ihn.“

Bilder: Abfahrer Dreßen stellt die Ski-Welt in Kitzbühel auf den Kopf

Thomas Dreßen 2017: Plötzlich führte er die deutsche Wertung an

Auch heute ist sein Vater immer dabei. Als Foto im Geldbeutel. Und als stiller Beobachter. Vom Himmel aus schaut er zu. Daran glaubt Dreßen, auch wenn er „kein mordsspiritueller Typ“ ist. Gerne würde er wissen, was sein Papa dazu sagen würde, was aus ihm geworden ist. Als Skifahrer. Und als Mensch. „Ich hoffe, dass ihm das gefallen würde.“ Ihm selbst ist einfach wichtig: Dass er selbst sich nie verstellt. Egal, was kommt.

Andreas Sander war gefragt, auch Pepi Ferstl. Thomas Dreßen stand im Hintergrund, kamen sie doch meist in dieser Reihenfolge ins Ziel. Während der WM 2017 führte plötzlich Dreßen die deutsche Wertung an. Und das ZDF wollte mit ihm reden.

Ein Interview im Fernsehen – sollte er hochdeutsch sprechen? Kurz hat Dreßen darüber nachgedacht. Und den Gedanken verworfen. Das klingt fremd, ist nicht er. Zu ihm gehört sein Tiroler Dialekt.

Neun Schuljahre in Österreich - „daheim“ ist aber Bayern

Den brachte er aus seinen neun Schuljahren in Österreich mit. Dort, in einem kleine Dorf in Oberösterreich, lebt er mittlerweile auch. Daheim aber bleibt für ihn Mittenwald im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. In der vergangenen Saison, seinem ersten Weltcup-Winter, wurde er in den Medien immer mal wieder als Münchner oder Gilchinger bezeichnet, weil er für den dortigen Skiklub startete. „Das hat mich aufgeregt.“ Deshalb fährt er jetzt für den SC Mittenwald, bei Gilching bleibt er Mitglied, wo sich auch sein Vater als Trainer engagierte. Gebürtig kam Dirk Dreßen im Übrigen aus der Nähe von Aachen. „A Preiß auf gut Deutsch“, sagt Dreßen und lacht.

Er lacht gerne. Humor ist sein Weg, jeden Hype, der möglicherweise um ihn entsteht, geradezurücken. Zum Beispiel bei seiner Freundin Birgit (23) zu Hause. In dem skiverrückten Ort „flippen sie voll aus“. Wieder lacht er. Voriges Jahr war das Paar dort auf einem Faschingsball. Alle möglichen Leute grüßten den Mittenwalder im Römerkostüm, klopften auf seine Schulter, schüttelten seine Hand, gratulierten. „Ist schon lässig, dass du jetzt so cool bist“, zog ihn die Freundin auf. „Schön, dass euch allen das jetzt erst auffällt“, fand er. „Ich hab’ das schon immer gewusst.“

Cool und auf dem Boden bleiben – Dreßens Grundsätze

2017 wurde er häufig gefragt, welche Ziele er jetzt verfolge. Etwa für das Abfahrts-Saisonfinale in Aspen, bei dem die besten 25 des Winters starteten. Dreßen antwortet immer gleich: „Leut’, nur weil ich mal unter die Top 15 gefahren bin, haben sich meine Ziele nicht geändert.“ Das wichtigste heißt: bei jedem Rennen das Maximum geben. Und: einfach Skifahren. Wie im Training.

Nach vielen Stürzen im Winter 2016/17 arbeitete er vor allem an der Konstanz. Das zahlte sich aus. Gestürzt ist er nur, als es Probleme mit dem Material gab. Dreßen fühlt sich sicherer – „ansonsten aber nicht anders als vorher“. Er flucht wie eh und je, wenn er ein Rennen vermurkst. Und schaut schnell wieder nach vorne. Weil er sagt: „Was war, kann man eh nicht ändern.“ Zudem gibt’s Wichtigeres als Abfahrten und Super-G. Dass er gesund ist. Dass es der Familie gut geht. Dass er das machen darf, was ihm Spaß macht.

Im Herbst 2005 fragte Martina Dreßen ihren elfjährigen Buben, ob er weiter das Internat in Neustift besuchen, ob er weiter Skifahren möchte. Ihr zweiter Sohn schlug diesen Weg nie ein, hörte im Jugendalter mit dem Rennenfahren auf. Thomas aber wollte. „Gut“, sagte die Mama, die ihren kleinen Edeka-Laden in Mittenwald nach dem Tod ihres Mannes schließen musste, „dann kriegen wir das hin.“ Sie hielt Wort.

Dreßen: Warum mein Vater?

Immer wieder hat sich Thomas Dreßen früher die eine Frage gestellt: Warum? Warum sein Vater? Warum seine Familie? Er hat seine Antwort gefunden: Es war Schicksal. Ein Schicksalsschlag, der ihn in dem Bewusstsein leben lässt, jeden Tag zu genießen. Das Leben zu leben.

Dazu gehört für ihn mehr als Skifahren. Motorradfahren zum Beispiel. Nach dem vergangenen Winter hat er sich eine Harley Davidson gekauft, dieser Tage hat er sie aus der Garage geholt. Dreßen freut sich auf die ersten Runden. Oft haben seine Eltern die Söhne früher auf der Harley mitgenommen. Bruder Michael saß bei der Mama auf der Maschine, er saß hinter seinem Papa. Mit Erinnerungen wie diesen bleibt sein Vater bei ihm. Wie er gelebt hat. Nicht, wie er gestorben ist.

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