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Der Stolz des Champions: Magdalena Neuner, Gesamtweltcupsiegerin der Saison 2011/12, bei ihrer offiziellen Verabschiedung durch den Weltverband nach dem Saisonfinale im russischen Chanty Mansijsk.

Magdalena Neuner: „Einfach leben, wie ich will“

München - Magdalena Neuner genießt ihre neue Freiheit, an Biathlon aber denkt sie kaum noch. Am Freitag steigt die Abschiedsparty in Wallgau. Wie das Leben nach dem Biathlon aussieht, schildert Neuner im Merkur-Interview.

Magdalena, wie geht’s?

Gut. Doch. Mir geht’s sehr gut.

Sie haben sich als Sportstar ja nach der Normalität gesehnt. Wie schaut die nun nach Ihrem Rücktritt für Sie aus?

Es ist alles superschön. Mir ist es nie langweilig. Ich war noch keinen Tag daheim, an dem ich mich gefragt hätte: „Was mache ich jetzt?“

Und wie verbringt die frühere Biathletin Magdalena Neuner nun Ihre Zeit?

Mit anderen Dinge als Sport. Seit Saisonende war ich nur ein einziges Mal Joggen. Und auch da bin ich nur eine halbe Stunde lang gelaufen.

Geht Ihnen da nichts ab?

Nein. Überhaupt nicht. Ich habe im letzten Winter so viel Sport gemacht, dass sich mein Körper nach Erholung sehnt. Ich merke das jetzt schon, wie gut mir das tut. Ich habe auch gleich wieder eine gute Haut bekommen. Das war überfällig, dass ich meinem Körper Ruhe gönne.

Vor gut drei Wochen ist Ihre Karriere zu Ende gegangen. Ist der Abstand bereits groß genug, um sich als Ex-Biathletin zu fühlen?

Für mich schon. Aber in meinem Umfeld ist das anders. Da werde ich immer noch auf den Sport angesprochen. Ich denk mir da: Ich mag nicht mehr darüber reden. Für mich ist das abschlossen, das Thema ist vorbei. Ich selber habe in den letzten Wochen so gut wie überhaupt nicht mehr an Biathlon gedacht.

Haben Sie sich schon etwas gegönnt, was als Leistungssportlerin nicht möglich war?

Ich kann jetzt ganz entspannt mit Freunden ausgehen und habe nicht im Hinterkopf, dass ich spätestens um eins nach Hause und am nächsten Tag wieder trainieren muss. Ich bin viel entspannter geworden. Es geht nicht mehr darum, alles für den Sport zu machen – 24 Stunden am Tag. Sondern jetzt kann ich einfach leben, wie ich will. Früher musste ich alles, was zu tun war, in den April packen, weil am 1. Mai wieder das Training begann. Und jetzt ist es so, dass ich ja den ganzen Sommer dafür Zeit habe. Das ist ein tolles Gefühl.

Atmet Ihre Familie nun auf, weil der ganz große Trubel um Gold-Lena vorüber ist?

Meine Mama sagt schon: „Gut, dass das jetzt vorbei ist, schön, dass du jetzt wieder da bist und wir was zusammen machen können.“ Man merkt schon, dass eine Erleichterung da ist. Aber in meiner Familie gibt es auch Wehmut. So nach dem Motto: „Schad. Biathlon ist ohne die Magdalena halt nicht mehr das, was es in den letzten fünf Jahren für uns war.“ Bei uns zuhause ist man bei den Rennen immer zusammen vor dem Fernseher gesessen. Das war so ein Ritual, dass man zusammen hoffte und mitbangte. Das hat im Winter einfach dazu gehört. Obwohl meine Mama meint, für ihre Nerven sei es besser, wenn sie nicht mehr so mitfiebern muss.

Für viele Fans, so scheint es, ist es noch gar nicht recht vorstellbar, dass Biathlon künftig ohne Magdalena Neuner stattfindet . . .

Ja, das sagen ganz viele zu mir.

Und was antworten Sie dann darauf?

Ich sag’ dann, dass es für mich vorbei ist und mich das eigentlich nichts mehr angeht, wie das mit dem Biathlon in Zukunft sein wird. Das ist nicht meine Schuld, ob es mit dem Biathlon gut oder nicht so gut weiter geht.

Sie haben immer betont, es sei Ihnen nicht wichtig, berühmt zu sein. Sie sind aber so berühmt geworden, dass Ihre Berühmtheit auch nach Ihrer Karriere wohl nie ganz verblassen wird. Wie kommen Sie damit zurecht?

Mittlerweile ist es okay. Es gibt zwar Tage, da wache ich auf und denke mir: Ist das jetzt Fluch oder Segen, berühmt zu sein? Ich bin da oft hin- und hergerissen. Auf der anderen Seite stehen mir durch die Berühmtheit viele Dinge offen. Manchmal ist es aber auch ein Fluch, berühmt zu sein.

"Bei der WM in Ruhpolding gab es Morddrohungen gegen mich"

Beispielsweise?

Dinge, wie zuletzt die Morddrohung bei der WM in Ruhpolding.

Während der WM ist das ja offiziell als haltloses Gerücht dargestellt worden. Es hat also wirklich eine Morddrohung gegeben?

Ja. Und da denkt man sich schon: Ist es das wert? Aber wahrscheinlich gehört das zum Berühmtsein.

Was geht da in einem vor, wenn man von so einer Drohung erfährt?

Es ist natürlich nicht so einfach, an den Start zu gehen mit dem Gedanken: Da ist vielleicht jemand, der einem was anhaben will.

Verfolgt einen das bis in den Schlaf?

Ich konnte das ganz gut ausschalten. Das hat mich selber überrascht. Ich habe versucht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es waren auch ständig genügend Zivilpolizisten und andere Sicherheitskräfte um mich herum im Einsatz. Ich habe mich sicher gefühlt. Aber klar, man denkt gelegentlich daran. Auch ab und zu beim Einschlafen.

Letzter Auftritt von Magdalena Neuner

Letzter Auftritt von Magdalena Neuner

Sie haben ausgiebig Erfahrung damit gemacht, wie wichtig der Sport und Sportler heutzutage genommen werden. Wie denken Sie darüber?

Für mich ist Sport inzwischen Entertainment, Unterhaltung. Sportler sind zu Entertainern geworden wie Schauspieler. Die Leute sind irgendwie süchtig danach geworden, bei Rennen mitzufiebern, mit dabei zu sein. Das gehört zu unserer Gesellschaft dazu. Man kann dadurch vielen Menschen brutal viel geben. Das sind zum Teil Leute, denen es überhaupt nicht gut geht, die eher depressiv sind, die daheim sitzen und keinen Lebensinhalt haben. Ich kenne das aus Briefen von Fans. Für eine Stunde am Tag sind die dann glücklich, können sich mitfreuen. Ich fand das Gefühl immer schön, dass ich Menschen durch den Sport etwas Positives geben kann.

Sie wirken ja bekanntlich nicht nur durch Erfolge sondern auch durch Ihre Ausstrahlung. Wie fühlen Sie sich als Publikumsliebling?

Die Leute sehen gerne den Menschen hinter dem Sportler. Und ich habe hart darauf hingearbeitet, dass ich meinen Weg gehe, dass ich so bin, wie ich bin. Dass mich die Leute mögen, ist auch eine Bestätigung dafür, dass ich es richtig gemacht habe. Es muss ja noch nicht vorbei sein. Ich kann den Leuten auch als Mensch Magdalena immer noch was geben; es muss ja nicht unbedingt die Sportlerin sein.

Gibt es schon konkrete Ziele für Ihre Zukunft?

Konkret ist nur, dass ich vorerst nichts mache. Ich möchte erstmal den Fokus auf mein Privatleben legen. Ich möchte herausfinden, was ich wirklich will. Ich brauche erstmal etwas Luft. Fest steht allerdings, dass ich im Mai die Trainerprüfung mache und im Fernsehen bei „Pelzig hält sich“ auftrete.

Bekanntlich haben Sie – trotz aller gegenteiligen Meldungen – nicht vor, eine Stelle beim FC Bayern anzutreten. Sie haben aber jüngst erzählt, Sie würden sich gerne einmal mit Bayern-Präsident Uli Hoeneß unterhalten. Wieso?

Der Herr Hoeneß ist supernett. Ich hab ihn schon einmal in Herzogenaurach getroffen. Da war er total zurückhaltend, ruhig, sehr respektvoll. Er ist nur kurz hergekommen und hat gemeint, wenn ich etwas brauche, könne ich mich sofort an ihn wenden. Er hat mir auch seine Telefonnummer gegeben. Und dann war er auch schon wieder weg. Ich hatte mir damals gedacht: Uli Hoeneß . . . kommt extra zu mir her . . . Wenn es sich ergeben sollte, wäre es sicher schön, sich mal mit ihm zu unterhalten.

Sie sind ja schon bald in Sachen Fußball im Einsatz. Beim DFB-Pokalfinale in Berlin werden Sie die Trophäe ins Olympiastadion tragen . . .

Als ich das erfahren habe, habe ich mir schon gedacht: Wie komme ich denn zu der Ehre? Das sind Momente, wo mir bewusst wird, wie hoch oben ich inzwischen bin. Das sind wirklich Aha-Erlebnisse. Ich trete da in einem goldenen Kleid auf. Im letzten Jahr hat das Eva Padberg gemacht. Ich habe schon Respekt vor der Aufgabe. Aber ich denke, ich werde das mit Würde machen. Ich freue mich schon darauf. Aber auf jeden Fall ziehe ich keine hohen Schuhe an. Das Risiko, umzuknicken, möchte ich ausschalten.

Zunächst aber steht in Wallgau Ihre große Abschiedsparty an. Welche Bedeutung hat so ein Tag in Ihrer Heimat für Sie?

Mir gibt es unheimlich viel, dass ich es geschafft habe, in meinem Heimatort dazuzugehören. Ich habe in Wallgau keinen Sonderstatus, sondern ich bin einfach die Magdalena. Und das ist für mich so wertvoll. Für mich ist es wichtig, diesen Hafen zu haben.

Das Gespräch führte Armin Gibis

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