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Magdalena Neuner wurde vor zehn Jahren von heute auf morgen zum Star.

Interview mit Magdalena Neuner

„Morddrohungen hätte es nicht gebraucht“

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Morgen jährt er sich zum zehnten Mal: der Tag, an dem für Magdalena Neuner ein neues Leben begann. Ein Leben als Star. Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht sie über den Ruhm und seine Schattenseiten.

Am 3. Februar 2007 gewann die Wallgauerin Magdalena Neuner in Antholz ihren ersten WM-Titel – es war der Urknall für eine einzigartige Karriere. Über Nacht stieg die damals 19-Jährige zum Superstar auf. Im Interview hält die inzwischen zweifache Mutter, die nächste Woche ihren 30. Geburtstag feiert, Rückschau auf bewegte Jahre und ihr Leben nach dem Biathlon.

Am 3. Februar 2007 errangen Sie die erste von insgesamt zwölf WM-Goldmedaillen. Was ist Ihnen da am stärksten in Erinnerung geblieben?

Das war der Start in ein komplett anderes Leben. Von da an war alles anders. Ich bin als Normalo nach Antholz gefahren – und danach haben plötzlich alle auf mich geschaut, und ich war in den Augen der Leute eine ganz andere Person.

Können Sie sich an eine konkrete Begebenheit erinnern?

Schon am Tag, nachdem ich mein erstes WM-Gold gewonnen hatte, kam eine Anfrage vom Playboy. Da habe ich mir gedacht: „Oh, was kommt denn da noch alles?“

Ihr Vater Paul hatte sich nach Ihrem Sieg gar nicht richtig freuen können. Er hat damals sehr nachdenklich reagiert. Das war weise Vorausschau...

So kannte man sie früher: Als Biathletin mit der Startnummer 1, hier in Ruhpolding.

Ja, mein Vater hat gespürt: Da wird einiges auf uns zukommen. Das hat man dann auch bald daheim in Wallgau gemerkt: Es war nicht mehr die Ruhe von früher da. Jeder wollte etwas von mir. Auf diesen Ansturm waren wir nicht vorbereitet. Journalisten riefen an, wollten Interviews, Fans standen plötzlich vor der Haustür. Es war auch für meine drei Geschwister nicht immer einfach. Wie sollten die damit umgehen? Plötzlich waren sie die Schwester von der Lena Neuner, der Bruder von der Lena Neuner. Das war alles eine große Umstellung. Wir haben das als Familie jedoch ganz gut gemeistert und uns gegenseitig unterstützt. Aber am Anfang war das ein ganz schöner Hammer.

Sie wurden von einem Tag auf den anderen zum Star – wie war das, plötzlich eine Berühmtheit zu sein?

Man geht da natürlich durch Höhen und Tiefen. Aber im Grunde habe ich wahnsinnig viel gelernt. Anfangs war ich noch unbedarft, aber ich bin sehr schnell gereift. Gut, die Geschichten mit Stalker und Morddrohung, das hätte es nicht gebraucht. Das waren Perioden, die haben leider dazugehört. Aber sie sind Gott sei Dank Vergangenheit.

Der Rummel um Sie war zeitweise derart massiv, dass man sich die Frage stellte: Wie hält die junge Frau das nur aus?

Stimmt schon, das war nicht immer einfach. Aber ich habe da ziemlich intensiv an mir gearbeitet – auch zusammen mit meinem Mentaltrainer. Einmal Erfolg zu haben, wie in meinem Fall 2007, ist das eine. Aber ihn zu wiederholen und konstant an der Weltspitze zu bleiben, ist das andere.

Sie mussten dennoch auch mal einen Rückschlag verkraften ...

Ja, das war 2009 bei der WM in Pyeongchang – das war nicht unbedingt mein Jahr. Da hatte ich wirklich Motivationsprobleme. Das war nach zwei wirklich erfolgreichen Jahren so ein bisschen der Tiefpunkt. Mir war ein bisserl der Spaß am Gewinnen verloren gegangen. Auch weil es so anstrengend war zu gewinnen. Mein Mentaltrainer hat mich damals gefragt: „Lena, willst du wirklich noch gewinnen?“ Die Frage war mehr als berechtigt. Ich hatte damals einfach keine Kraft mehr, mir war alles zu viel.

Die kleine Krise dauerte nicht allzu lange ...

Gott sei Dank habe ich bald gemerkt, dass das mein Weg ist, in meinem Sport vorne zu sein. Und 2010 war wieder ein sehr gutes Jahr mit meinen zwei Olympiasiegen.

Ein bisschen ist der Sport auch eine Scheinwelt, das richtige Leben sieht ja anders aus. Wenn man die Starrolle spielen muss, kommen einem da nicht zwischendurch Zweifel?

Ich habe für mich letztlich die Wichtigkeit des Sports entdeckt. Ich bekam ganz viel Post von Menschen, denen ich und meine Erfolge viel bedeuteten. Zum Beispiel ältere Leute, die einsam sind, und denen es einen Halt gegeben hat, sich im Winter jede Woche auf meine Rennen zu freuen. Ich habe sogar Briefe aus dem Gefängnis bekommen. Ich finde es schön zu sehen, wie man Leute mitreißen und ihnen eine Freude machen kann. Dazu gehört auch, dass man Vorbild für Kinder ist und sie motivieren kann, Sport zu machen.

Ihr Entschluss, 2012 – also mit 25 – Ihre Karriere zu beenden, hat viele überrascht. Was waren die Gründe für Ihren Rückzug?

Es hat für mich immer andere Dinge im Leben gegeben als den Sport. Ich wollte immer Familie haben, Mama sein und daheim ankommen. Mir sind auch die sportlichen Ziele ausgegangen. Ich hätte es natürlich machen können wie der Ole Einar Björndalen und mir sagen: Mein Ziel sind 100 Weltcupsiege. Aber das war nie meine Motivation. Ich wollte immer Spaß haben an dem, was ich gemacht habe. Klar war aber auch: Ich wollte Olympiasiegerin werden, ich wollte Gesamtweltcupsiegerin und Weltmeisterin werden.

Das haben Sie alles in nur drei Jahren geschafft.

Ja, und irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, da habe ich mir gesagt: Ob ich jetzt 34 Weltcupsiege habe oder 60, das macht für mich keinen großen Unterschied. Ich habe ja in meinem Sport alles erreicht, was ich erreichen wollte. Und ich habe auch gemerkt, dass die Freude auf das, was nach dem Sport kommt, klar überwogen hat.

Die Heim-WM 2012 in Ruhpolding war dann ein krönender Abschluss – als hätte es ein Drehbuch dafür gegeben.

Ich wollte auf jeden Fall noch einmal Weltmeisterin werden in Ruhpolding. Obwohl ich auch sagen muss: Es waren für mich wahnsinnig schwierige Weltmeisterschaften. Ich war am Ende wirklich fertig. Der Druck war riesig. Und dann war da ja auch diese Morddrohung. Ich hatte immer Zivilpolizisten um mich herum. Ich konnte mich nicht so frei bewegen wie sonst. Das hat mich zusätzlich geschlaucht. Als ich meine Goldmedaillen hatte, ist alles von mir abgefallen. Es war so schön, dass ich es geschafft hatte. Ich spürte: Jetzt kann ich mit dem besten Gewissen und dem besten Gefühl mit dem Biathlon aufhören.

Kann man die sportliche Vergangenheit wirklich einfach von heut auf morgen abschütteln?

Meine frühere Teamkollegin Martina Beck hat mir einmal erzählt, dass sie ein, zwei Jahre gebraucht hat, bis sie nicht mehr von Biathlon geträumt hat. Sie ist im Traum zu spät zum Start gekommen, hatte Probleme am Schießstand und solche Dinge. Ich hab’ zwar manchmal noch vom Sport geträumt, aber relativ selten. Nach der sportlichen Karriere hatte ich so viel zu tun, dass mir der schnelle Übergang leicht fiel. Und ich fand das auch schön, dass ich mir sagen konnte: Ich vermisse nichts. Das Einzige, was ich wirklich vermisse, ist die Trainingsgruppe mit unserem Heimtrainer Bernhard Kröll. Die früheren Trainingskollegen fahren in der Weltgeschichte umeinander. Ich habe jetzt meine Familie.

Man hat das Gefühl, Sie sind in Ihrer zweiten Karriere mindestens so gefragt wie in der ersten.

Dass es so gut läuft, hätte ich tatsächlich nicht gedacht. Ich bekomme immer noch tolle Angebote. Das sind Projekte, wo ich mich wirklich einbringen kann. Zum Beispiel die Mützengeschichte mit einem großen Sportartikelhersteller. Da habe ich daheim Mützen entworfen für die Olympiamannschaft von Sotschi. Ich habe auch Strickbücher gemacht. Das sind alles Sachen, wo ich richtig gefordert bin und kreativ sein darf.

Ihre Tochter Verena ist knapp drei Jahre alt, Ihr Sohn Josef kam vor zwei Monaten zur Welt. Wie fühlen Sie sich als Mama?

Jeder, der Kinder hat, weiß, was das für ein Glück ist. Als ich meine Verena zum ersten Mal im Arm hatte, dachte ich mir: „Jetzt weiß ich endlich, für was wir auf der Welt sind.“ Die Liebe zu einem Kind ist so tief, das ist wirklich schön. Und da verschieben sich natürlich die Prioritäten. Da reift man auch als Mensch noch einmal. Man ist Mama, hat Verantwortung, ist bei vielem gelassener. Mutter zu sein, hat mich als Mensch noch mal weitergebracht.

Magdalena Neuner bei kirchlicher Hochzeit: Bilder

Wenn Ihre Kinder jetzt sagen würden: „Mama, ich möchte auch Biathlon-Star werden“, würden Sie das unterstützen?

Wenn der Wunsch da wäre, würde ich das schon tun.

Trotz Schattenseiten?

Ja. Auch wenn es Schattenseiten gab, bin ich dankbar dafür, dass ich auch diese Erfahrungen machen konnte. Ich hoffe zwar eigentlich nicht unbedingt, dass meine Kinder Profi-Biathleten werden. Aber ich war meinen Eltern auch dankbar dafür, dass sie mich immer unterstützt haben. Ich wollte unbedingt Biathletin werden, und da haben sie gesagt: „Gut, wenn das so ist, dann stehen wir hinter dir.“ Wenn also mein Sohn eines Tages sagen würde: „Ich möchte Eishockeyspieler werden oder Rennfahrer“, dann werde ich ihm auch den Rücken stärken.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, was aus Ihnen geworden wäre, wenn es ihre Traumkarriere nicht gegeben hätte?

Ehrlich gesagt: nein. Es hat für mich nie einen Plan B gegeben. Es ist bei mir halt so, dass wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich das durch. Ich bin aber auch kompromissbereit. Ich glaube, ich hätte schon etwas gefunden, was zu mir gepasst hätte. Aber es ist schon gut, dass es mit dem Biathlon geklappt hat.

Das Interview führteArmin Gibis

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