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Laura Dahlmeier setzt ihre Profi-Karriere fort.

Biathlon-Ikone im Merkur-Interview

Dahlmeier: „In mir brennt wieder das Feuer“ 

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Die Motivation ist wieder da: Laura Dahlmeier setzt ihre Biathlon-Karriere fort. Das erklärt die Ausnahme-Athletin im Interview mit dem Münchner Merkur.

Laura Dahlmeier, Sie haben sich in den letzten Monaten sehr rar gemacht. Man hat nichts gesehen, nichts gehört von Ihnen. Hatte das besondere Gründe? 

Laura Dahlmeier: Ich bin nach den Olympischen Spielen zunächst einmal in den Urlaub gefahren. Ich war in Georgien beim Skitourengehen. 

Was zieht einen nach Georgien?

Das Abenteuer. Man trifft dort auf eine ganz andere Kultur, eine ganz andere Welt. Dort ist alles noch sehr ursprünglich.

Erzählen Sie mal ...

Wir waren in Uschguli, dem höchst gelegenen Bergdorf Georgiens. Für das letzte Stück, das sind vielleicht 35 Kilometer, brauchten wir mit dem Jeep drei Stunden. Wir waren zu siebt im Auto. Mit Gepäck, Ski und Material. Die Straße war voller Schlaglöcher und Unebenheiten, von den Felsen kamen Wasserfälle runter. Es hat nur so geschaukelt, ich musste mich mit aller Kraft festhalten. Als erstes sieht man dann von Uschguli hohe Türme, die zum Teil aus dem 10. Jahrhundert stammen und zum Weltkulturerbe gehören. Im Winter wohnte man dort drinnen, weil das Dorf so zugeschneit wurde, dass man bei den Häusern zu den Türen nicht mehr herauskam. Da gibt’s auch keine Straßen, nur ein paar Wegerl. Die Kühe laufen durchs Dorf. Das war zum Teil wie ein großer Misthaufen – und wir standen da mitten drin mit unseren Tourenski und dem bunten Plastikgewand. Wir haben bei einer Familie gewohnt, wo der Mann so eine Art Dorfsheriff und zugleich Museumswärter war. Zwischendurch hatten wir für eineinhalb Tage Stromausfall. Das ist dort ganz normal. Die Frau hat auf einem Steinofen aufgekocht. Da bist du wirklich eingetaucht in eine ganz andere Welt. 

Und von dort aus haben Sie mit Ihren Freunden Skitouren unternommen? 

Ja, bei unserer Tour auf den Tednuldi ging es hinauf bis 4800 Meter. Die letzten 450 Höhenmeter sind wir ohne Ski über einen Grat. Man kann es vielleicht mit dem Mont Blanc vergleichen. Aber du bist komplett allein am Berg. 

Absolutes Novum: Dahlmeier verpasst Trainingsstart

Ihr Faible für exotische Bergtouren ist bekannt. Aber bisher hat man Sie immer am 1. Mai beim offiziellen Trainingsauftakt erlebt. Das war diesmal nicht der Fall.

Ja. ich hab’ mir eine Auszeit gegönnt. Ich bin nicht sofort ins Training eingestiegen, sondern zunächst lieber in die Berge gegangen, viel mit dem Radl gefahren. Ich hab’ mir Zeit gelassen. 

Schon bei den Winterspielen in Pyeongchang war spekuliert worden, Sie könnten nach Ihren beiden Goldmedaillen vom Biathlon zurücktreten. Haben Sie tatsächlich mit solchen Gedanken gespielt? 

Ich würde es so sagen: Man setze sich als junger Sportler Ziele. Mein Ziel war es immer, in den A-Kader zu kommen, dann Weltcuprennen zu laufen, vielleicht Weltmeisterin zu werden. Und dann war noch der große Wunsch: Olympiasiegerin. Die Ziele habe ich Schritt für Schritt alle erreicht. Das war dann natürlich schon so ein Einschnitt, wo ich für mich herausfinden musste, wie motiviert ich noch bin. Ich finde es schon ein wenig wahnsinng, wenn du Jahr für Jahr deine letzten Rennen machst, dann für vier Wochen in den Urlaub gehst – und zack, bumm, fängst du am 1. Mai schon wieder zu trainieren an. Das hatte bisher immer funktioniert, weil ich so fokussiert war auf Olympia. Aber jetzt habe ich mir Zeit gegönnt, um wieder Ziele finden. Ich habe mir auch Gedanken gemacht über meine Zukunft und wie es mit mir weitergeht.

Die Biathlon-Queen präsentiert ihre Olympia-Beute.

Zu was für einen Schluss sind Sie gekommen? 

Ganz wichtig war mir, dass ich noch bereit bin, jeden Tag alles zu geben, dass ich Spaß am Biathlon habe, dass ich gesund bin. In meiner Auszeit habe ich mir dann ganz klar die Frage gestellt: Sind diese drei Gegebenheiten erfüllt? Ich habe mir schließlich gesagt: Ja, das passt alles. Der Drang und die Lust zu trainieren sind wieder da. Mir ist klar geworden, dass ich auf alle Fälle für das Biathlon bereit bin. Ich bin aktuell supermotiviert. Ich hatte eben zwischenzeitlich diesen Abstand gebraucht. Das ist aber auch ganz normal, wenn man immer in diesem Zirkus drin ist. 

Wann sind Sie denn wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen? 

Anfang Juni. 

„Ich habe zweieinhalb Monate nicht geschossen“

Wie lange setzten Sie mit dem Schießtraining aus? 

Das Gewehr habe ich länger zur Seite gestellt. Ich habe zweieinhalb Monate nicht mehr geschossen. In der Zwischenzeit habe ich mir in Oberhof einen neuen Schaft machen lassen. 

Wie liefen denn die ersten Schießübungen nach langer Pause und mit neuer Waffe? 

Ich hatte gleich wieder ein gutes Gefühl. Gelernt ist gelernt. Es fühlte sich sofort wieder vertraut an. Ich bin auch heiß aufs Schießen. Ich freue mich richtig darauf. Das ist das Wichtigste, dass der Kopf wieder dabei ist. Anfang Mai wäre das nicht der Fall gewesen. 

Während Ihrer Auszeit hat es einigen Wirbel gegeben im internationalen Biathlon. Die Spitze des Weltverbandes IBU ist zurückgetreten, es geht um Korruption, Doping, dunkle Machenschaften. Wie denken Sie darüber? 

Ehrlich gesagt: Ich stecke in der Thematik nicht voll drin, ich habe es auch nur in der Zeitung gelesen. Demnächst ist Lehrgang, da wird das innerhalb der Mannschaft sicher angesprochen werden. Grundsätzlich ist es mir wichtig, dass genau hingeschaut wird, was da in der Vergangenheit passiert ist. Ich habe ja immer für einen sauberen Sport gekämpft. Und es macht mich traurig, wenn ich höre, was da offenbar alles vorgefallen ist. Ich glaube ja immer an das Positive, an einen fairen Sport. Jetzt ist es sehr wichtig, dass alles gründlich aufgedeckt wird, dass alle Einzelheiten ans Licht kommen und dass die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. 

Wie sehr erschrickt man als Sportler, wenn man erfährt, dass vom Weltverband Dopingproben vertuscht wurden?

Ich kann es noch gar nicht glauben. Wenn wirklich Dopingproben vertuscht worden sind, müsste ich sofort meine Ski und mein Gewehr an den Nagel hängen und mir sagen: „Laura, lass es gut sein.“ 

Eine ganz andere Überraschung gab es während Ihrer schöpferischen Pause im Trainerstab. Der bisherige Chefcoach Gerald Hönig rückte als Schießtrainer ins zweite Glied, an seine Stelle trat der 36-Jährige Kristian Mehringer und dessen gleichaltriger Assistent Florian Steirer. Der bisherige Co-Trainer Tobias Reiter verabschiedete sich in den Jugendbereich. Fiel es Ihnen schwer, sich mit der neuen sportlichen Leitung zu arrangieren? 

Es ist natürlich nicht leicht, eine Veränderung zu treffen, wenn das bestehende Team so erfolgreich war wie das unsere. Doch mein erster Eindruck ist super positiv. Die beiden neuen Trainer sind super engagiert und bringen einen neuen Schwung rein. Die Konstellation ist wirklich gut. Die beiden neuen Trainer sind natürlich noch jung. Und sie haben auf dem Papier auch noch nicht so viel Erfahrung. Aber sie schaffen es, uns von einer neuen Seite zu kitzeln. Wir waren jetzt vier Jahre mit den gleichen Trainern unterwegs. Und manchmal tut es einfach gut, einen frischen Wind reinzubringen. Ich bin jemand, der sagt: Nur weil es bisher gut geklappt hat, muss man nicht zwanghaft daran festhalten. Man kann sich immer verbessern, man kann auch mit jungen Trainern etwas Neues probieren. 

Große Konkurrentinnen hörten auf

In den letzten Monaten haben mit Gabriela Koukalova und Darja Domratschewa zwei große Rivalinnen ihr Karriereende bekannt gegeben. Werden Ihnen die beiden fehlen?

Speziell mit Gabi habe ich viel erlebt und viel gekämpft. Da verliert der Biathlonsport, ein sehr sympathisches, nettes Gesicht. Zu Gabi hatte ich einen stärkeren Bezug, weil Darja ihre Babypause eingelegt hatte, als ich mit am erfolgreichsten war. Die beiden sind zwei große Sportlerinnen, und es ist schade für das Biathlon, dass sie aufhören. Aber die Alten gehen, die Jungen kommen nach. Es wird trotzdem spannend bleiben.

Gabriela Koukalova und Dahlmeier (l.) haben die eine oder andere Schlacht ausgefochten.

Was rechnen Sie sich nun für die kommende Saison aus, nachdem Sie einige Trainingswochen verloren haben. 

Habe ich wirklich was verloren? 

Das hört sich schon so an: Auszeit, verspätet das Training aufgenommen, zweieinhalb Monate nicht geschossen ... 

Ich würde nicht sagen, dass ich etwas verloren habe. Ich glaube, ich habe ganz viel gewonnen. Ich habe wieder Lust auf Biathlon. Darauf kommt es mir vor allem an. Sicher, ich habe weniger spezifisch trainiert. Ich war nicht auf den Skirollern und ich war nicht beim Schießen. Das ist richtig. Aber bei allem anderen bin ich schon ganz gut dabei. Ich habe ja viele andere Trainingsstunden absolviert.

Das heißt: Die Kondition stimmt ...

Das würde ich schon so bezeichnen. 

Sie sind also definitiv beim ersten Weltcup am Start?

Ich werde jedenfalls alles dafür geben. 

Und mit welchen Ambitionen? 

Die Messlatte liegt nach den beiden Olympiasiegen natürlich extrem hoch. Ich möchte auf jeden Fall heiß auf jedes Rennen sein. Ich möchte Spaß haben, weil Biathlon einfach mein Sport ist. Ich würde gerne an die Erfolge der Vorjahre anknüpfen. Das hört sich jetzt einfach an. Aber wenn man bedenkt, was ich schon alles erreicht habe, dann ist es schon ein großes Geschenk, wenn ich das bestätigen können. Ich möchte voll angreifen und so weit wie möglich vorn mit dabei sein. 

Bedeutet Ihre Entscheidung, weiterzumachen, dass Sie auch die nächsten Olympischen Winterspiele 2022 in Peking ansteuern werden? 

Ich denke noch nicht so weit. Ich habe keine langfristigen Pläne. Ich bin aktuell motiviert. In mir brennt wieder das Feuer. Das ist mir momentan vor allem wichtig. 

Das Interview führte Armin Gibis

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