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Will es nochmal wissen: Nach einem mentalen Tief geht Nadine Horchler voller Motivation in die neue Saison.

Horchler macht weiter

„Es kann alles nur besser werden“

Mittenwald - Nadine Horchler macht nach vielen Rückschlägen weiter. Die Biathletin hofft auf Veränderungen im Verband.

Am Montag noch saß Nadine Horchler (27) in einem Loch. Dort ist sie hineingefallen, als die Wintersaison zu Ende war. Und sie auf einmal die Zeit hatte, sich mit all den Tiefen auseinanderzusetzen, die sie im vergangenen Jahr persönlich und als Biathletin erlebt hat. Da tat sich dieses Loch auf. Doch lange wollte sich Horchler da nicht aufhalten. Sie ist nicht für Selbstmitleid gemacht. Jetzt, im Café im Mittenwalder Bahnhof, lacht sie wieder, schaut nach vorne und hat eine Entscheidung getroffen: Sie macht als Biathletin weiter. Damit bestätigt die Athletin vom SC Willingen Bernhard Krölls Beschreibung: Ihr Mittenwalder Heimtrainer und enger Vertrauter bezeichnete sie mal als „Deutschlands Stehauf-Männchen Nummer 1“. Wie treffend.

Längst wären andere in ihrer Situation liegen geblieben und hätten ihre Sport-Laufbahn beendet. Ende 2013 zum Beispiel. Im April musste Horchler die – schwer nachvollziehbare – Entscheidung der Trainer hinnehmen, dass sie nach ihrer bislang besten Weltcup-Bilanz keinen Kaderstatus bekommen werde. Die Situation ein Jahr später zeigt sich ähnlich: Nach ihren beiden missglückten Weltcupstarts im März im finnischen Kontiolahti (43. in Sprint und Verfolgung) und im norwegischen Oslo (62. im Sprint) haben ihr die verantwortlichen Trainer zu verstehen gegeben: Sie wird voraussichtlich wieder keine Förderung erhalten. Und was tut Horchler? Sie macht weiter. Über ihre Dienstzeit bei der Bundeswehr kann sie, so ihre Hoffnung, die Saison finanzieren. Irgendwie wird und muss es gehen. Obwohl sie noch vor einer Woche – da kam sie als Vize-Weltmeisterin von den Biathlon-Militärmeisterschaften in Finnland zurück – „die Schnauze voll hatte“, ist bei ihr die Erkenntnis gereift: „Ich liebe Biathlon. Es macht einfach Spaß.“ Sie weiß, was sie kann – und das ist mehr, als es die Weltcup-Ergebnisse zeigen. Diese erscheinen nach einem Gespräch mit Horchler in einem neuen Licht.

Kurz vor den Rennen in Kontiolahti und Oslo, für die die Bundestrainer Ricco Groß und Gerald Hönig die 27-Jährige nach den Dopingvorwürfen gegen Evi Sachenbacher-Stehle nominiert hatten, war die Athletin im Training schwer gestürzt. Die Rippe war geprellt, in der rechten Schulter quälte sie ein sogenannter Bone-Bruise, eine Knochenprellung. Ohne Schmerztabletten ging nichts. Nur der engste Kreis wusste von der Verletzung. „Ich wollte nicht, dass es klingt, als würde ich das als Entschuldigung nehmen. Ich bin gestartet, also konnte ich laufen.“ Mit dem Ergebnis ist die Wahl-Mittenwalderin trotz der Verletzungen nicht zufrieden. „Beim Laufen hatte ich irgendwie eine Blockade. Es ging eher rückwärts als vorwärts.“ Und das lag nicht an fehlender Kraft. Offenbar war der Druck zu groß. Den hatten Diskussionen um Trainerentscheidungen im Vorfeld enorm erhöht.

Biathletin Kathrin Lang, die ebenfalls im IBU-Cup startete, hatte Groß und Hönig massiv kritisiert, sprach von „Mobbing“ und der fehlenden Möglichkeit für die zweite Garde, sich im Weltcup zu zeigen. Sie bezeichnete die Trainer als „feige“, weil sie „sich nicht trauen, Plätze mit Personen zu füllen, die sich schon mehrfach dafür angeboten haben, aber einfach nicht in ihr Konzept passen“. Unabhängig davon schrieb Horchler auf Facebook zum Weltcup in Pokljuka (Slowenien) im März: „Da sitze ich und muss mir den freien Startplatz vom TV aus anschauen. Traurig, aber wahr als Führende in der IBU-Gesamtwertung.“

Mit dem medialen Echo im Nachgang hatte sie nicht gerechnet. Sie vermied es, sich weiter dazu zu äußern. „Ich war enttäuscht über die Entscheidung. Dazu stehe ich. Aber ich wollte mich wieder auf den Sport konzentrieren.“ Es kamen die zwei Weltcupeinsätze. Und es gab Kritik in der Öffentlichkeit. Irgendwie könne sie die Reaktionen verstehen. „Da macht jemand den Mund auf und landet dann nicht mal unter den ersten 40.“ Doch spielten eben auch die Umstände eine Rolle. Vieles, über das Horchler offiziell nicht sprechen will, laufe im Hintergrund nicht richtig. „Vielleicht ist es im Nachhinein gar nicht schlecht, dass Kathrin mal Tacheles gesprochen hat. Vielleicht ändert sich ja etwas.“

Dunkle Flecken hat die heile Biathlon-Welt seit Langs verbaler Attacke bekommen. Mit Magdalena Neuner schaltete sich ein Star des Sports ein – keine, der man vorwerfen könnte, sie würde sich nur aus Frust über den eigenen Misserfolg zu Wort melden. Die dreifache Olympiasiegerin, die ihre Karriere beendet hat und als TV-Expertin auftritt, hatte bemängelt, dass das Menschliche im Umgang mit den Sportlerinnen fehle. Nach ihren persönlichen Erfahrungen gibt Horchler ihrer Freundin Recht.

Völlig überraschend war im Sommer Horchlers Vater gestorben – mit nur 55 Jahren. Als sie das anspricht, laufen ihr Tränen über die Wangen. Auch davon haben nur wenige gewusst, auch das will sie nicht als Ausrede für schlechtere Leistungen nehmen. Doch belastet hat es sie natürlich. Und es hat Neuners Urteil bestätigt.

Die Bundestrainer hätten sich „anders verhalten als erwartet“, sagt Horchler. Soll heißen: Niemand meldete sich bei ihr nach dem Tod des Vaters, obwohl sie Groß persönlich informiert hatte. Einer, der in Situationen wie diesen immer für sie da war und stets an sie glaubte, ist Heimtrainer Kröll. „Gott sei Dank haben wir ihn.“

Horchlers größter Wunsch wäre es gewesen, wenn man Kröll zum neuen Bundestrainer erkoren hätte. Vor ein paar Wochen aber hatte sich, wie er damals gegenüber dem Tagblatt sagte, noch niemand bei ihm gemeldet. Eine Neubesetzung steht jedenfalls im Raum. Groß und Hönig haben keine Jobgarantie. An diesem Wochenende wird der Verband über ihre Zukunft entscheiden. Wie die ausschaut, ist unklar. Doch dürfte sich nach der miserablen Olympia-Bilanz ohne Medaille bei den Frauen etwas ändern. „Wenn ich also jetzt nicht weitermache, wann dann?“, fragt Horchler. „Es kann alles nur besser werden.“ Sie hat den Weltcup und die Weltmeisterschaften 2015 im Visier. „In Kontiolahti war ich ja jetzt schon mal“, sagt sie lachend. „Im Nachhinein ist doch immer alles für irgendwas gut.“ Da sitzt es wieder, Deutschlands Stehauf-Männchen Nummer 1.

Katharina Bromberger

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