"Ohne die Mannschaft bin ich nichts"

- Die Stadt Traunstein hatte kurzerhand eine Open-Air-Party veranstaltet, als der weltbeste Ski-Langläufer in dieser Woche aus Japan zurückkehrte. Auf dem gut gefüllten Marktplatz rühmten 13 Redner die Großtaten des Traunsteiners Tobias Angerer, 28, der in diesem Winter fünf Weltcup-Rennen und den Gesamtweltcup gewann, zudem Silber und Bronze bei Olympia holte.

Eine grandiose Bilanz, für die sogar zwei Musiker der berühmten Rockband "Sportfreunde Stiller" ein Ständchen vortrugen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte Tobias Angerer unter anderem, was ihn so stark gemacht hat.

Tobias Angerer, Sie haben in dieser Saison einen gewaltigen Kraftakt hingelegt. Am Ende hatte man das Gefühl, dass Sie alle Energiereserven aus sich herausgeholt haben . . .

Angerer:  Vor zwei Wochen in Oslo habe ich beim 50-Kilometer-Rennen echt gedacht, ich komme nicht mehr ins Ziel. Als ich merkte, dass es mit den Kräften zur Neige geht, habe ich einfach nur versucht, anzukommen. Ich habe mich da an Björn Dählie (sechsfacher Weltcup-Gesamtsieger aus Norwegen/Anm. d. Red.) erinnert, der einmal mit dem Gelben Trikot total eingegangen und Letzter geworden war. Ich habe dann auf den letzten sechs Kilometern fünf Minuten gekriegt, so blau war ich. Aber ich wollte nicht aufgeben. Dass ich überhaupt ins Ziel gekommen bin, war für mich auch ein Sieg.

Ansonsten hat man Sie in diesem Winter ja meistens ganz vorne gesehen.

Angerer: Das war wirklich eine überragende Saison. Ich bin auch mit den zwei Olympiamedaillen überglücklich. Andere Spitzenleute sind ohne Medaille heimgekommen.

Die Turiner Spiele hatten für Sie ja nicht gut begonnen. Im Skiathlon wurden Sie als Favorit nur Zwölfter. Wie verkraftet man so einen Rückschlag?

Angerer: Die Erwartungshaltung war riesengroß, ich wollte in meiner Spezialdisziplin eine Medaille. Aber man kann nicht wie ein Roboter funktionieren. Außerdem hatte ich Probleme mit dem Schliff meiner Ski; die waren auf der Skating-Strecke zu langsam. Die Enttäuschung war dann schon groß. Aber ich wusste, dass ich es drauf habe, dass meine Form sogar noch ein bisserl besser war als bei meinen Weltcupsiegen. Und ich habe dann auch viel mit meiner Freundin (der Profigolferin Martina Eberl/Anmerk. d. Red.) geredet. Als Sportlerin konnte sie sich in meine Lage hineinversetzen. Das hat mir geholfen. Und am Ende hatte ich auch das Glück des Tüchtigen. Das hat mir jeder gegönnt, weil ich es auch verdient habe.

Bei Ihrem Rennen zu Bronze sind Sie im Ziel minutenlang im Schnee liegen geblieben. Wieviel Überwindung kostet so ein furioser Endspurt?

Angerer: Ich habe auf den letzten 500 Metern nichts mehr gedacht, nichts mehr mitgekriegt. Da bin ich wie in Trance gelaufen: Augen zu und durch. Ich bin da über die Leistungsgrenze hinausgegangen. Das war eine neue Qualität von mir, die ich früher nicht hatte.

Bis vor dieser Saison hatten Sie ein Weltcuprennen gewonnen, nun gleich fünf. Wie fühlt man sich als Siegläufer?

Angerer: Das sind emotionale Momente, die bietet nur der Sport. Der Sport ist natürlich auch ein extremes Auf und Ab. Ich habe das alles mitgemacht - mehr Tiefen als Höhen, denke ich. Ich war ja als Jugendlicher kein Überflieger, ich habe mir alles hart erarbeiten müssen; mir ist nichts geschenkt worden. Das war eine gute Vorbereitung auf die Erfolge, die jetzt gekommen sind.

Sie haben einmal gesagt, Langlauf ist kein Sport, in dem man einfach darauf losrennt. Viele Rennen würden im Kopf entschieden. Wie ist das zu verstehen?

Angerer: Man muss versuchen, hellwach zu sein, um Stürzen und Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen. Man muss auf dem letzten Kilometer wissen, was man zu tun hat. So dass man reagieren kann, wenn die anderen attackieren. Im Finale ist das wie in einem Radrennen, wo es auch auf den richtigen Zeitpunkt ankommt, wann man aus dem Windschatten geht.

Sie arbeiten mit dem Mentaltrainer Thomas Baschab zusammen. Was hat er Ihnen beigebracht?

Angerer: Es geht da um Zweikampfgestaltung, Zieleinläufe. Es gibt so ein paar Geheimnisse, aber die verrate ich nicht. Thomas Baschab ist auch einer, der einem Selbstvertrauen gibt.

Früher galten Sie als Bruchpilot, stürzten öfters im Getümmel. Das hat sich geändert. Ist das auch eine Folge des Mentaltrainings?

Angerer: Ja, ich bin jetzt voll fokussiert, ganz bei mir, habe im Endeffekt einen Tunnelblick. Früher schaute ich mehr auf die anderen, dadurch wird man unkonzentriert. Hinzu kommt, dass ich in der Oberhofer Trainigsgruppe dauernd jemand um mich herum habe. Da spielst du ständig Situationen durch, die dann im Wettkampf wieder kommen.

Seit letztem Sommer trainieren Sie im Wechsel zwei Wochen in Oberhof, zwei in Ruhpolding. Wie ist es dazu gekommen?

Angerer: Ich hatte bemerkt dass ich noch nicht am Ziel bin, dass ich neue Reize brauche. Dass ich mich dann der Oberhofer Gruppe angeschlossen habe, war der wichtigste Schritt in meiner Karriere. Ich habe dort gemerkt, dass ich noch viel mehr Reserven habe. Und dass ich die in einer Gruppe besser rauskitzeln kann.

Wie funktioniert das?

Angerer: Wenn ich dauernd allein trainiere, gehe ich nie so an die Grenzen. In einer Gruppe ist dauernd einer, der Gas gibt. Da orientiert man sich an dem. Ohne die Mannschaft bin ich nichts. In einem Team zu sein, das taugt mir. Ich bin auch stolz, dass ich ein Teil dieser erfolgreichen Truppe bin, das ist schon was Besonderes. Ich sehe mich nicht als Einzelsportler, für mich ist Langlaufen vor allem Teamwork.

Kommt es bei so starker interner Konkurrenz nicht zu Reibereien?

Angerer: Nein. Wir habe uns doch mit den Weltcup-Gesamtsiegen wunderbar abgewechselt. Erst Sommerfeldt, dann Teichmann, jetzt ich. Wir sind ein eingeschworener Haufen. Das merkt man auch daran, wie sich alle mitfreuen. Das ist ein Team, das optimal funktioniert. Als wir diese Saison in einem Weltcuprennen die ersten fünf Plätze belegten, war das für uns als Mannschaft das absolute Highlight. Das kommt vielleicht nie wieder.

Wie geht es nun weiter, gibt es noch Ziele?

Angerer: Ich habe immer noch eine Riesenmotivation.

Es wird nicht jede Saison laufen wie die heurige. Aber eines Tages möchte ich meine absolut perfekte Leistung abrufen. Spätestens bis zu den Winterspielen 2010 in Vancouver möchte ich so weit sein. Einmal bei Olympia oder bei einer Weltmeisterschaft einen Einzelsieg zu feiern, das wär's.

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