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Weltkongress-Präsident der Uiguren musste aus China fliehen: Olympia nennt er „Genozid-Spiele“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Dolkun Isa
Kämpft für die Rechte der Uiguren: Dolkun Isa. © Foto: Achim Frank Schmidt

Dolkun Isa kämpft für die Rechte der Uiguren. Und musste einen bitteren Preis bezahlen. Aufgeben kommt für Isa nicht infrage, wie er im Olympia-Interview verrät.

München – Es ist ein kurzer Moment, in dem die Mimik von Dolkun Isa bricht. Als der 54-Jährige über die Tragödie seiner Familie spricht, zittert das Kinn, die Stimme wird dünn. 1994 musste der Uigure aus China fliehen. In der Türkei schloss Isa einen Master in Politik und Soziologie ab, in München erreichte der heute 54-Jährige einen Abschluss in Computerwissenschaften. Seit 2006 ist Isa deutscher Staatsbürger, seit 2017 Präsident des Weltkongresses der Uiguren. Unsere Zeitung hat Isa in seinem Büro in München getroffen. Ein Gespräch über die grausame Behandlung von Uiguren in China, das Schweigen des IOC und die Rolle von Thomas Bach*.

Präsident des Weltkongresses der Uiguren im Interview - 1994 musste er aus China fliehen

Herr Isa, wann sind Sie erstmals politisch aktiv geworden?

Ich habe Physik an der Xinjiang University studiert. Aufgrund meiner politischen Aktivitäten durfte ich aber keinen Abschluss erlangen. 1985 war ich Anführer von pro-demokratischen Demonstrationen. 1987 habe ich eine Studienorganisation gegründet. Unser Hauptanliegen war es, Uiguren in Ostturkistan das Alphabet beizubringen. Da habe ich schon realisiert, dass die chinesische Regierung die Bildung von Uiguren verbieten möchte. 1988 haben wir große Demonstrationen gehalten. Wir haben gleiche Rechte und demokratische Wahlen gefordert. Wir haben über 1000 Studenten auf die Straße bekommen.

Wie ging es weiter?

n derselben Nacht wurde mir für vier Monate Hausarrest auferlegt. Ich wurde von der Universität geschmissen und habe dann ein kleines Restaurant in Peking eröffnet. Da viele ausländische Kunden bei mir gegessen haben, hat die chinesische Regierung meinen Laden nicht als Restaurant, sondern als internationales Informationscenter gesehen. 1994 habe ich die Informationen bekommen, dass es für meine eigene Sicherheit besser wäre, wenn ich das Land verlasse. Da wusste ich noch nicht, dass der Abschied von meiner Familie ein Abschied für immer sein wird.

Was hat sich seit der Zeit in China verändert?

Die Diskriminierungspolitik gab es schon immer in China. Es ist aber immer krasser geworden. Damals hatten wir noch das Recht, zu demonstrieren. Und ich wurde nicht umgebracht. Heutzutage darfst du in China nicht mal frei denken. Du darfst nicht mal niesen, ohne dass dir Konsequenzen drohen. Seit Xi Jinping Präsident in China ist, wurde die Diskriminierungspolitik in eine Genozidpolitik transformiert. Die genaue Zahl wissen wir nicht, aber wir vermuten, dass drei Millionen Uiguren in Lagern untergebracht sind. Seit 2018 wurden einige Hundert neue Camps geöffnet. Die Uiguren werden dort vergewaltigt, gefoltert und auch umgebracht.

Dolkun Isa: Familie ist noch in China

Wissen Sie, wie es Ihrer Familie in China geht?

Bis 2017 hatte ich noch Kontakt zu meiner Familie. Seitdem war es unmöglich, etwas von ihnen zu hören. Es sei denn, es gab herzzerbrechende Neuigkeiten. 2018 habe ich erfahren, dass meine Mutter gestorben ist. Sie starb in einem Umerziehungslager. Ihr Verbrechen war es, dass sie meine Mutter und Uigurin ist. China sagt immer, wir bereiten die Uiguren in den Lagern auf eine bessere Zukunft vor, bilden sie. Meine Mutter war 78, was sollte ihr in dem Lager denn noch beigebracht werden? Sie hat 40 Jahre für die Regierung gearbeitet.

2020 habe ich aus der chinesischen Global Times erfahren, dass mein Vater gestorben ist. Ich weiß bis heute nicht, was zu seinem Tod geführt hat. Letztes Jahr im Juni gab es die nächste traurige Nachricht. Mein jüngerer Bruder wurde lebenslang ins Gefängnis gesteckt. Mein älterer Bruder, ein Mathematikprofessor, wurde ebenfalls inhaftiert. In manchen chinesischen Medien ist von 17 Jahren, in anderen von 24 Jahren die Rede. Das ist die Tragödie meiner Familie.

Dolkun Isa
Dolkun Isa im Gespräch mit Reporter Nico-Marius Schmitz. © Achim Frank Schmidt

Das ist eine grausame Geschichte, die Sie relativ gefasst erzählen. Wie schafft man es, daran nicht zu zerbrechen?

Meine Geschichte ist kein Einzelfall. Vermutlich gibt es noch schlimmere Geschichten als die meiner Familie. Ich leide seit über zwanzig Jahren, ich wurde an so vielen Grenzen schon verhaftet. Ich habe noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. Ich habe in meinem Leben nicht mal ein Huhn umgebracht. Aber China sagt, ich sei ein großer Terrorist, der Bomben legt. In den chinesischen Medien werde ich attackiert. Sie veröffentlichen die Adresse vom Weltkongress der Uiguren hier in München. Ich bekomme Drohanrufe und E-Mails.

Haben Sie Angst um Ihre eigene Sicherheit?

Ich lebe in Deutschland, bin deutscher Staatsbürger. Mein eigenes Leben ist mir mittlerweile egal. Die Millionen von Uiguren in China zahlen jeden Tag den Preis. Ich war bereit, alles aufzugeben. Man muss für seine Rechte kämpfen.

Die chinesische Bevölkerung wird einer Gehirnwäsche unterzogen

Dolkun Isa, Präsident des Weltkongresses der Uiguren

Warum setzt sich in der Weltpolitik niemand für die Rechte von Uiguren ein?

In den letzten Jahren hat sich China als Weltmacht etabliert. Vor zwanzig Jahren war China noch auf westliches Geld und Technologie angewiesen. Zu der Zeit konnten sie internationalen Druck nicht ignorieren. Jetzt mit dieser Macht muss China seine Gräueltaten nicht mehr verstecken und kann Völkermord begehen, ohne dafür bestraft zu werden. Es gibt keine freie Presse in China, sondern nur Propagandamaschinen. Die chinesische Bevölkerung wird so regelrecht einer Gehirnwäsche unterzogen. Ihnen wird eingetrimmt: Uiguren und Tibetaner sind ein interner Feind. Amerika und der Westen sind externe Feinde.

Heute starten die Olympischen Spiele in Peking. Wie fühlt sich das für Sie an?

Es werden keine Olympischen Spiele, es werden Genozid-Spiele. 1936 haben die Olympischen Spiele in Nazi-Deutschland stattgefunden. Das Olympische Komitee gab später zu, es war ein historischer Fehler. Aber sie haben aus der Historie nichts gelernt. Sie sagen: nie wieder. Und es passiert wieder. Wir verstehen die Athleten: Sie bereiten sich auf die Spiele seit fünf Jahren vor. Menschenleben sollten aber nicht weniger wichtig sein als Goldmedaillen oder Geld. Man redet sich gerne ein, dass solche Spiele im Land zu Veränderungen führen. In China ist seit 2008 alles deutlich schlimmer geworden. Aus extremen Menschenrechtsverletzungen wurde Völkermord. Das Schweigen der Länder und vom IOC sieht China als Zustimmung zum Genozid.

Das IOC um Thomas Bach ignoriert, was in China passiert, sagt Isa

Haben Sie Kontakt mit dem IOC und Thomas Bach?

Wir haben versucht, Thomas Bach zu erreichen. Haben Briefe an das IOC geschrieben. Wir haben die Rückmeldung bekommen: Olympia ist politisch neutral. Wir hatten virtuelle Meetings mit dem IOC. Aber sie ignorieren einfach, was in China passiert. Sie verschließen die Augen. Das Olympische Komitee ist korrupt, es wird nur an das Geld gedacht. Menschenleben bedeuten ihnen gar nichts. Thomas Bach bietet China eine große Bühne und ermuntert die Regierung, so weiterzumachen wie bislang. Das ist eine schreckliche Botschaft an die Welt.

Thomas Bach hat sich vor einigen Wochen in einem Videotelefonat mit der lange vermissten Peng Shuai gezeigt. Ihre Meinung zu dem Video?

Peng Shuai ist eine Geisel. Sie hat die Regierung kritisiert, nun muss sie den Preis bezahlen. China hat ein Theater inszeniert, um der Welt vorzugaukeln, es ginge ihr gut. Und Thomas Bach hat sich als Marionette instrumentalisieren lassen. Er ist Teil des Theaters.

Würden Sie Sportlern raten, sich während der Spiele in Peking politisch zu äußern?

Ich glaube, dass China da null Toleranz zeigt. Ich kann es keinem Sportler raten, sich in China politisch zu äußern. Natürlich wäre das ein gutes Zeichen. Aber niemand weiß, was dann passieren würde. Wenn sich in China mal einer traut, etwas gegen die Regierung zu sagen, ist er am nächsten Tag verschwunden. Eine Botschaft wäre es, nicht an diesen Spielen teilzunehmen. China wird Olympia als Propaganda missbrauchen.

Interview: Nico-Marius Schmitz *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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