1. Startseite
  2. Sport
  3. Wintersport

„Man muss vom Schlimmsten ausgehen“: Menschenrechtler zeichnet düsteres Bild von Olympia

Erstellt:

Von: Marc Beyer

Kommentare

In China wird noch mal schnell durchgewischt: Eine Arbeiterin reinigt die Böden im Hauptmedienzentrum der Winterspiele in Peking
In China wird noch mal schnell durchgewischt: Eine Arbeiterin reinigt die Böden im Hauptmedienzentrum der Winterspiele in Peking. © David J. Phillip/AP/dpa

Im Interview spricht Wenzel Michalski, Deutschland-Chef von Human Rights Watch, über die Olympischen Winterspiele in China. Scharfe Kritik äußert der Mann am IOC und dessen Präsidenten.

München – Am 4. Februar beginnen die Olympischen Winterspiele, doch in diesem Jahr ist das Gefühl bei vielen Beobachtern getrübt. Der Austragungsort Peking und Chinas Umgang mit den Menschenrechten passen nicht zum Anspruch Olympias, ein Fest des Friedens zu sein. Wir sprachen mit Wenzel Michalski, dem Deutschland-Chef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Herr Michalski, wie steht es um Ihre Vorfreude?

Wenzel Michalski: Es gibt keine. Es ist schon deprimierend zu sehen, dass unsere Athletinnen und Athleten in ein Land reisen müssen, in dem sie total überwacht werden. Die Spiele finden in einem Land statt, das die Menschenrechte so krass missachtet und dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden. Wir bei Human Rights Watch haben entsprechende Fakten gesammelt, vor allem in Xinjiang, wo Menschen ihrer Kultur beraubt werden, zwangsumgeschult werden, ihre Sprache nicht sprechen und ihre Religion nicht ausüben dürfen, wo es Zwangsarbeitslager gibt und so weiter. Die Krone hat dem Ganzen der IOC-Präsident Thomas Bach aufgesetzt, der sich neulich der chinesischen Regierung als Sprachrohr angedient hat und geholfen hat, das schreckliche Verschwinden der Tennisspielerin Peng Shuai zu verschleiern. Unter solchen düsteren Vorzeichen haben in den letzten Jahrzehnten keine Sportereignisse stattgefunden.

Olympische Winterspiele in Peking: Für Michalski „ein Schlag ins Gesicht der Sportler“

Es gibt auch Athleten, die dieses Unbehagen teilen. Rodel-Olympiasieger Felix Loch reist nach Peking mit dem Vorsatz „Noch einmal und dann nie wieder“.

Michalski: Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn ich jetzt Sportler wäre, würde mich das auch belasten, da hinfahren zu müssen. Deswegen ist es eigentlich ein Schlag des IOC ins Gesicht der Sportler, sie dazu zu zwingen, dass sie das, worauf sie sich ein Leben lang vorbereitet haben, in diesem Land zeigen müssen.

Man hat beim IOC das Gefühl, dass ein Bewusstsein für Menschenrechte kaum mehr existiert.

Michalski: Es ist erschütternd, zumal das IOC immer wieder gesagt hat, sie werden auf Menschenrechte achten. Sie haben sich auch einen entsprechenden Katalog gegeben – an den sie sich jetzt nicht halten. Der Vizepräsident Pound sagt, er wisse gar nicht, ob dort überhaupt irgendwelche Verletzungen stattfinden. Da muss man sich an die Stirn fassen.

Was treibt das IOC an?

Michalski: Ich denke nicht, dass Herr Bach in einer Blase lebt und leicht benebelt alles glaubt. Er weiß genau, was er da macht. Er hat monetäre Gründe, und wenn er im Vorfeld sagt, Olympia hätte ja auch in Bayern stattfinden können, aber die wollten ja nicht, dann sind das Ausreden. Und wenn die dann noch ihre olympischen Uniformen in China herstellen und nicht mal überprüfen, ob da Baumwolle aus Xinjiang drin ist, dem größten Lieferanten, dann ist das sozusagen die saure Kirsche, die sie sich selber auf ihre verranzte Torte setzen.

Sportverbände argumentieren, die Wettbewerbe würden den Fokus auf ein Land richten und so helfen, die Lage zu verbessern.

Michalski: Das stimmt aber nicht. In China wissen alle auch ohne Olympische Spiele (hier geht‘s zum Zeitplan), wie schrecklich die Situation dort ist. Wir können live erleben, was in Hongkong passiert. Da brauchen wir den Sport nicht. Und wenn die das aber behaupten, dann müssen sie sich auch entsprechend dazu äußern. Das ist ja das Enttäuschende, dass die Sportfunktionäre nichts zur Menschenrechtslage sagen, sich nicht besorgt zeigen. Das ist Feigheit, Bequemlichkeit, eigentlich ein Fall von Käuflichkeit.

IOC-Chef
Thomas Bach ist der Präsident des IOC. © Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Olympische Spiele kehren nach China zurück: „Das ist so aus der Zeit gefallen“


Was hat sich seit Olympia 2008 in China verbessert?

Michalski: Gar nichts. Damals hatte man im Vergleich zu heute sogar noch ein relativ sanftes System. Es gab auch damals schreckliche Berichte. Menschen sind in Gefängnissen verschwunden, religiöse Minderheiten wurden verfolgt, die Tibetaner unterdrückt. Aber vor allem seit Xi Jinping Präsident wurde, ist es sehr viel schlimmer geworden. Das konnten wir alles sehen. Und das passierte gleich nach den Olympischen Spielen.

Was sagt es aus, wenn die Winterspiele dann auch noch nach Peking gehen?

Michalski: (überlegt lange) Ich finde keinen Ausdruck, wie ich diese Entscheidung bezeichnen soll. Das ist nur nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass diese Leute sich gerne mit Mächtigen umgeben und viel Geld nicht ausschlagen.

Man hat den Eindruck, die Welt habe den Blick auf Menschenrechtsverletzungen geschärft. Ist der Sport eine Insel der Ignoranz?

Michalski: Ja. Es gibt mittlerweile in Deutschland und zunehmend auch in Europa und vielen anderen Ländern Vorstöße wie das Lieferkettengesetz, das Unternehmen verpflichtet die Menschenrechte einzuhalten. Die großen Sportverbände sind nichts anderes als große Unternehmen. Die sind eigentlich auch damit gemeint. Sie müssten sich daran halten, und das tun sie nicht. Ich habe in den letzten Jahren keine CEOs, Geschäftsführer, Vorstandsvorsitzenden von großen Firmen mehr gesehen, die sich mit Xi Jinping ablichten lassen, ihm irgendwelche Medaillen geben, wie das der Herr Bach gemacht hat. Das ist so aus der Zeit gefallen! Das gehört eigentlich ins 20. Jahrhundert.

Kann es sein, dass es dem IOC ganz einfach egal ist, welchen Ruf es in der westlichen Welt hat?

Michalski: Das stimmt. Viele Funktionäre kommen aus Ländern, in denen sie die Menschenrechte genießen können. Zum Beispiel Thomas Bach, der in Deutschland in sehr großem Maße Freiheiten erlebt. Ich kann mir vorstellen, sie sind so hartleibig, weil ihnen applaudiert wird von dem Teil der Welt, in dem Autokratien herrschen. Sie genießen ihre Freiheit in dem einen Teil der Welt, verdienen ihren Lorbeer und das Geld aber mit der anderen. Das ist unglaublich zynisch.

Ist das IOC ein hoffnungsloser Fall?

Michalski: Die Möglichkeit zur Erneuerung gibt es immer. Aber in dieser Besetzung sind sie dazu nicht fähig. Als Thomas Bach angetreten ist, haben Kolleginnen und Kollegen von mir ihn getroffen. Da wurde ihm auch gesagt: „Ihr habt jetzt eine Chance zu beweisen, dass Sport sich für Gutes einsetzt.“

Und?

Michalski: Es ist nichts passiert. Außer dass sich das IOC Menschenrechts-Richtlinien gegeben hat. Das war ein Hoffnungsschimmer. Aber die haben sie so geschickt gelegt – ab 2022, wenn die folgenden Spiele in Paris, Mailand oder Los Angeles stattfinden. Damit kann man leichter umgehen.

Olympia 2022: Welche Gefahren ranghohen Funktionären beim Besuch in China drohen


Chinas Ziel ist es, sich auf großer Bühne als moderne, leistungsstarke Nation zu präsentieren. Was kann man der Propagandashow entgegensetzen?

Michalski: Wenn Medien dieses Ereignis kritisch begleiten, hat das schon einen Einfluss. Auch die Politik ist da jetzt angesprungen. Es ist wichtig, dass kein höherer Repräsentant der westlichen Staaten nach Peking reist, um sich winkend neben Xi Jinping zu zeigen. Aber auch kein Sportfunktionär. Herr Bach wird es natürlich tun, aber es wäre wichtig, dass sich keiner vom DOSB dazu stellt. Wer das auch immer macht, muss sich bewusst sein, dass er sich zum Werkzeug der Propaganda und damit der Stärkung des Regimes macht. Xi Jinping braucht diese Spiele. Was die Welt sagt, ist für ihn relativ egal, aber nach innen sind die Spiele wichtig. Er will das Nationalgefühl hochkitzeln, damit die Leute nicht aufbegehren.

Was erwarten Sie konkret vom Deutschen Olympischen Sportbund?

Michalski: Ich erwarte, dass der DOSB die kritischen Sportler, die es gibt, vor Angriffen schützt. In Peking selbst, also vor den Chinesen. Es könnte Druck auf sie ausgeübt werden oder noch schlimmer, dass sie im Gefängnis landen.

Fürchten Sie wirklich, es könnte so weit kommen?

Michalski: Man muss ja vom Schlimmsten ausgehen, das haben wir am Fall Peng Shuai gesehen. Zweitens erwarte ich, dass der DOSB seine Sportler vor jedem Druck durch das IOC schützt. Diejenigen, die etwas sagen und aussprechen wollen, müssen das tun können.

War ein sportlicher Boykott jemals ein realistisches Szenario?

Michalski: Ich glaube nicht. Die Sportler können ja wirklich nichts dafür, dass ihre Verbände sie in solche Länder schicken. Aber ein politischer und diplomatischer Boykott ist das Mindeste, was man verlangen kann.

Tut der China denn wirklich weh?

Michalski: Nach innen nicht. Die Zensur in China ist so gewaltig, bei der Affäre um Peng Shuai war im Internet sogar das Wort „Tennis“ geblockt.

Und nach außen?

Michalski: Natürlich legt die chinesische Regierung da sehr großen Wert darauf, positiv wahrgenommen zu werden. Sie haben ja sehr expansive Gelüste mit ihren Seidenstraßen-Projekten, sind sehr engagiert in afrikanischen Ländern, zum Teil auch in europäischen wie Griechenland oder Ungarn. Da wirkt es im Fernsehen nicht so gut, wenn da nur der Putin steht, der Lukaschenko und andere von dieser Sorte. Das ist ein starkes Signal: Die Diktatoren unter sich!

Und Thomas Bach.

Michalski: Wenn der sich irgendwann die Bilder ansieht in seinem Fotoalbum und sich dann nur neben irgendwelchen Gewaltherrschern sieht... Das kann ja auch nicht so schön sein, das irgendwann den Enkeln zu zeigen: Guck mal, der Opa!

Wenzel Michalski
Wenzel Michalski ist der Direktor von Human Rights Watch Deutschland. © Christoph Soeder/dpa

Olympische Winterspiele: „Vielleicht an der Zeit, das Produkt zu überdenken“

Es gab Anti-Olympia-Bürgerentscheide in Bayern oder der Schweiz. Für 2022 blieben als Kandidaten Peking und Kasachstans Hauptstadt übrig. Ist das ein Hebel für den Westen?

Michalski: Das wird sich bei den nächsten Vergaben zeigen. Wenn immer mehr demokratische Länder diese Monstrosität ablehnen, ist es vielleicht an der Zeit, das Produkt zu überdenken. Muss es denn immer die größte Schanze sein? Im Naturpark?

Und Eiskanäle, die anschließend ungenutzt die Landschaft verschandeln.

Michalski: Bayern ist ein winterportbegeistertes Land. Und trotzdem haben Sie gesagt: „Olympia? Bitte hier nicht!“ Das sagt eigentlich schon alles. Die Spiele sind so megalomanisch geworden, dass demokratische Länder sich das nicht mehr antun wollen. Wenn es in Zukunft keine autoritären Spiele mehr sein sollen, muss das IOC überlegen, ob es mal einen Schritt runtergeht. Der sportlichen Begeisterung würde das nicht schaden.

Vom 4. bis 20. Februar 2022 ereignen sich zum 24. Mal in der Sporthistorie Olympische Winterspiele. Für 16 Tage rückt die chinesische Metropole Peking ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Interview: Marc Beyer

Auch interessant

Kommentare