Der Schmale steht in den Startlöchern

Oberhof - Mark Kirchner hat sich als Stützpunkt-Coach etabliert - 2010 könnte er Bundestrainer werden.

Er war wieder im Wald, dort, wo er seine Aufgabe sieht während eines Biathlon-Rennens. "Was soll ich denn am Schießstand", sagt Mark Kirchner, "da kann ich ja doch nichts mehr beeinflussen." Kirchner läuft am Streckenrand ein paar Schritte mit, gibt Informationen über die aktuellen Schießergebnisse weiter, damit die Athleten bei Bedarf reagieren können, oder er motiviert, feuert seine Sportler an. Der Trainer Kirchner kennt sie ja auch bestens, die Seite des Athleten. Er war ein Wunderkind, ein Ausnahmetalent. Mit 18 Jahren war er Junioren-Weltmeister, mit 21 Jahren Olympiasieger in Albertville. Zweimal. Und doch wurde er kein Seriensieger. Der frühe Erfolg war wie schleichendes Gift. Im Grunde war der Höhepunkt in Albertville schon der Anfang vom Ende seiner Karriere. Kirchner hat alles erlebt. "Ich weiß, wie es ist, ganz oben zu stehen, ich weiß aber auch, wie es auf der anderen Seite aussieht."

Vielleicht ist dieser Erfahrungsschatz ein wichtiger Baustein der neuen Laufbahn des Mark Kirchner. Es war kein Geringerer als sein langjähriger Trainer Frank Ullrich, der ihm nahelegte, doch die Trainer-Laufbahn einzuschlagen. "Jetzt mache ich das, wovon ich am meisten Ahnung habe", sagt Kirchner, der die Diplomtrainerausbildung in Köln natürlich mit Bravour beendete und dann gleich Verantwortung bekam als Stützpunkttrainer in Oberhof. Einer seiner Schützlinge im ersten Trainerjahr: Sven Fischer. "Das war am Anfang schon etwas seltsam", erinnert sich Kirchner. Aber Fischer hat auf den "Schmalen", wie man ihn gerne nennt, gehört.

Die Jungen machen das jetzt auch. "Es ist", so Kirchner, "schon zu spüren, dass auch mein Erfolg eine natürliche Autorität mit sich bringen." Er hat Spaß gefunden an der Möglichkeit, junge Leute zu formen, sie zu leiten, ihnen Tipps zu geben. Arnd Peiffer gehört auch zu seiner Trainingsgruppe. Der 20jährige aus Clausthal-Zellerfeld im Harz muss zwar immer zwei Stunden nach Oberhof mit dem Auto fahren, aber der Weg lohnt sich.

Kirchners Schützling überzeugte bei der Männer-Staffel in Oberhof mit einem viel beachteten Debüt. Mit zehn fehlerfreien Schießeinlagen und einem starken Auftritt in der Spur brachte der jüngste im Quartett die Mannschaft bei seinem ersten Weltcup-Einsatz zwischenzeitlich sogar in Führung. Am Ende wurde er mit Michael Greis, Michael Rösch und Toni Lang Dritter und erinnerte in seiner unbeschwerten Art an den jungen Kirchner, der natürlich auch als Trainer stolz ist, dass sich einer aus seinem Team anschickt, die Weltcupmannschaft zu bereichern.

"Das zeigt ja doch, dass wir vieles richtig machen", meint Kirchner, der selbst noch viele von den Übungseinheiten, die auf dem Papier stehen, in der Praxis mitmacht. Und er sieht das als großen Vorteil. "Wenn ich dann am Anschlag bin, dann weiß ich, dass ich doch schon sehr viel fordere." Dann hört er in sich hinein, dann vertraut er mehr seinem Gefühl als angelerntem Wissen. Große Trainer müssen nicht zwangsläufig große Athleten gewesen sein, aber es ist sicher auch kein Nachteil.

Mark Kirchner, 38 Jahre alt erst und schon seit fünf Jahren Coach, hat sich in seinem Metier etabliert, auch durch seine ruhige und doch bestimmende Art. Sein früherer Mentor Frank Ullrich, zu dem er auch in seiner aktiven Zeit von den Kollegen vorgeschickt wurde, wenn es Probleme zu besprechen gab, hört nach den Olympischen Spielen in Vancouver auf. Ob Mark Kirchner ihn beerben möchte? "Wir werden sehen, wie es weitergeht." Mehr ist ihm nicht zu entlocken.

Und auch in der mitunter sehr heftigen Diskussion zwischen Michael Greis und Frank Ullrich hat sich Kirchner nicht geäußert. "Das war und ist nicht meine Baustelle", lautet sein einziger Kommentar dazu. Er weiß, dass weitere Schritte in der Trainer-Laufbahn von vielen Faktoren beeinflusst werden. Aber er weiß auch, dass so ein tolles Debüt wie von Arnd Peiffer auch seiner Arbeit ein gutes Zeugnis ausstellt. 

Sigi Heinrich

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