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„Für mich sind nur zehn Minuten wichtig“

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Von: Jörg Köhle

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Sie ist die große Topfavoritin bei der WM in St. Moritz - bei ihrem Heimspiel erwartet die Schweiz von Lara Gut nicht weniger als Gold. Gegen diesen Druck hilf der schönen 25-Jährigen auch die Freundschaft zu einer Deutschen

St. Moritz – Sie ist amtierende Gesamtweltcupsiegerin, Sportlerin des Jahres in der Schweiz, sie ist das Gesicht der alpinen Ski-Weltmeisterschaft in St. Moritz – das hübscheste obendrein. Lara Gut (25) tritt als größte Gold-Hoffnung der Eidgenossen an, könnte in vier Disziplinen den Titel holen, den ersten gleich zum Auftakt am Dienstag im Super-G der Damen. Bei Weltmeisterschaften gewann sie bereits drei Mal Silber, einmal Bronze, aber Gold fehlt ihr noch. Einen Sturz am vergangenen Sonntag beim Super-G in Cortina d’Ampezzo überstand sie – abgesehen von blauen Flecken – unverletzt. Wir trafen die rasend schnelle Blondine am Rande des Weltcups in Garmisch-Partenkirchen im Mannschaftshotel. Lara Gut erzählte über die schwere Zeit, nach ihrem kometenhaften Aufstieg als 17-Jährige mit allem fertig zu werden, über Rücktrittsgedanken als Teenie, die Freundschaft zur Deutschen Viktoria Rebensburg, ein Treffen mit der Schweizer Tennis-Legende Martina Hingis, ihren ersten Weltcup-Sieg – ausgerechnet auf der WM-Piste in St. Moritz. Und die gebürtige Tessinerin verrät, warum sie gerne öfter an einem Ort mit den Männern fahren würde.

-Nach Ihrem Sturz vor einer Woche in Cortina d‘Ampezzo war man in Sorge. Ihr Start im Super-G ist aber nicht in Gefahr?

Es geht mir gut. Natürlich könnte es noch besser sein. Aber auch viel schlimmer. Meine Schulter ist okay, meine Hand ist okay, mein Bein ist okay, auch wenn alles noch blau ist.

-Nomen est omen – es gibt viele schöne Wortspiele mit Ihrem Namen, etwa: „Gut wird immer besser“. Welches gefällt Ihnen am besten?

Wortspiele sind schwierig, Deutsch ist nicht meine Muttersprache, sondern Italienisch. Ich wurde auch oft mit Begriffen wie „Ski-Schätzchen“ betitelt. Mir wäre lieber, wenn man mich einfach Lara nennt.

-Und welche Schlagzeile wünschen Sie sich bei der WM?

„Gold“. Einfach nur „Gold“.

-Vergangenen März haben Sie zum ersten Mal den Gesamtweltcup gewonnen. Die Nörgler in der Schweiz waren ruhig gestellt – welche Lawine an Druck ist da abgerutscht?

Ich wünschte mir, es hätte was geändert. Aber das ist nicht passiert. Als Athlet möchte man immer mehr. Ich habe mittlerweile gemerkt: Der einzige Druck, den ich wirklich spüre, ist der, dass ich mich selbst unter Druck setze. Natürlich werden auch die Erwartungen von der Öffentlichkeit immer höher. Wenn man einmal gewinnt, möchte man das gleich wieder erleben. Die Öffentlichkeit reagiert ähnlich und bewertet einen zweiten Platz am nächsten Tag als schlechteres Resultat. Kritik? Ich darf im Starthaus stehen und fokussiere lieber meine ganze Energie darauf.

-Das klingt recht entspannt. Können Sie locker in eine Heim-WM gehen, bei der Sie vielleicht die größte Option auf Schweizer Gold sind?

Ich bin doch nicht alleine! Wir haben eine starke Mannschaft, auch bei den Männern. Carlo Janka, Beat Feuz, Patrick Küng können eine Medaille holen. Küng ist Titelverteidiger in der Männer-Abfahrt, damals in Vail hat man gesehen, was möglich ist. Ich freue mich auf die WM, das werden zwei intensive Wochen sein. Vor allem bei einer Heim-WM will man viel mehr. Mein Ziel ist es, mich nicht von allen Leuten verunsichern zu lassen, alles zu genießen, positive Energie zu sammeln. Schlussendlich weiß ich, was zählt: Es sind die vier Rennen, die ich bestreite. Das sind zusammen weniger als zehn Minuten, die für mich wirklich wichtig sind in St. Moritz.

-Wie schaffen Sie es, das Drumherum auszublenden?

Ich muss es ausschalten! Ich muss am Start nur zeigen, wer ich bin. Ich muss nicht die Antwort in den Sternen suchen, es liegt nur an mir und was ich kann. Wenn ich daran denke, wird es einfacher. Ich gehe nicht nach St. Moritz, weil ich das Gesicht der WM bin oder weil ich Erwartungen erfüllen soll. Ich gehe dorthin, um Ski zu fahren und schnelle Läufe ins Ziel zu bringen. Nichts anderes.

-Sie reagierten nicht immer so cool in Stresssituationen . . .

Als Jugendliche war es sicher nicht einfach. Es war eine harte Lehre. Alles ging so rasch und ich habe mir wirklich nicht leicht getan. Was in sportlicher Hinsicht ganz gut war, man möchte ja so schnell wie möglich gewinnen. Auf der anderen Seite wirkte ich wahrscheinlich noch nicht so erwachsen wie meine Resultate, und die Entscheidung, ein Privatteam zu haben, sorgte für Ärger. Dadurch wurde ich von Anfang an viel kritisiert, weil ich oft Mühe hatte, meine wahren Gefühle zu kommunizieren.

-St. Moritz ist ein ganz besonderer Ort für Sie. Mit 17 Jahren gewannen Sie dort Ihr erstes Weltcup-Rennen. Gibt das positive Energie?

Das erste Podest war dort schon mit 16, ein Jahr später der erste Sieg. Das macht St. Moritz schon sehr speziell für mich. Es war ein Super-G, es hat geschneit wie verrückt, ich hatte Startnummer eins. Ich kam aus einer Woche, wo mich eine Schweizer Boulevardzeitung fertig gemacht hat. Ich war 17, stand in den Medien voll in der Kritik und wusste nicht, wie man das behandelt. Dann habe ich gewonnen und war eine Woche lang das „Ski-Schätzchen“ und die Super-Lara. Ich verstand nicht, warum ich erst eine hässliche Person sein konnte und am Tag danach die Heldin. Ich wusste nicht, wie ich diese ganzen Strömungen steuern sollte.

-Sie wirkten aber mit 17 schon sehr erwachsen, antworteten in fünf Sprachen.

Deutsch ist nur meine dritte Sprache, trotzdem habe ich von Anfang auch auf Schwitzerdütsch geredet. Aber wenn ich mich auf Italienisch oder Französisch ausdrücke, ist mir viel bewusster, was ich sage. Das habe ich aber auch erst in der letzten Zeit wahrgenommen.

-Wie kommt es, dass Ihnen manchmal ein Hang zur Zicke nachgesagt wird? Wollen Sie gar nicht „everybodys darling“ sein?

Am Anfang hatte ich große Schwierigkeiten. Ich habe meine Entwicklung gemacht – und ich habe sie in der Öffentlichkeit gemacht. Mit 16, 17 Jahren ist es viel einfacher, wenn man ruhig lernen kann, man ist ein Teenager und versteht oft die Erwachsenenwelt nicht. Aber ich machte die Entwicklung zwischen den Medien, vor den Kameras. Es war schon hart. Da kam das Gefühl, ich muss mich schützen. Ich hatte das Gefühl, jedes Wort wird falsch interpretiert. Ich war verloren. Da haben die Leute ein falsches Bild von mir bekommen. Für mich ist wichtig, ehrlich und authentisch zu sein. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, gerne im Mittelpunkt zu stehen – überhaupt nicht. Ab und zu würde ich mir viel mehr Ruhe wünschen, dass nicht jedes meiner Worte so viel Aufmerksamkeit erregt. Ich wünsche mir schon, ich könnte „Everybodys Darling“ sein – aber meine Meinung behalten.

-Sie sprachen mal von einem schwarzen Loch und wollten sogar aufhören?

Ja, das war 2009 nach der WM, es war nicht mehr lustig. Die einzige Minute Freiheit hatte ich auf der Piste. Wenn ich auf dem Schnee war, dann war ich nur für mich, aber vorher und nachher hatte ich das Gefühl, ich muss nur für alle Leute da sein und mache sowieso alles falsch. Es war ein Albtraum.

-Als größtes Zeichen der Anerkennung wurden sie gerade erstmals zur Schweizer „Sportlerin des Jahres“ gewählt. Was bedeutet es Ihnen, in einer Reihe mit Tennis-Legende Martina Hingis zu stehen?

Natürlich, das ist schon speziell. Als Athlet gewinnst du, wenn du deine Leistung gebracht hast. Solche Preise sind etwas ganz anderes. Man wird nominiert wegen der Leistung, aber schlussendlich sind es die Leute, die das entscheiden. Da gibt es keine Zeitmessung. Es war schön, das Gefühl zu haben, dass mich die Leute wieder verstehen. Es hat Zeiten gegeben, da habe ich gedacht, ich probiere zu fliehen. Ich habe das Gefühl, was ich durchgemacht habe, bringt etwas – auf der Piste und daneben. Ich bin reifer geworden, habe mich gefunden. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass alles, was ich durchgemacht habe, was gebracht hat.

-Haben Sie Martina Hingis mal kennengelernt?

Ja, letzten September in New York. Zwischen meinen Trainingslagern in Argentinien und Chile bin ich zu den US Open nach New York geflogen. Ich bin gut befreundet mit Timea Bacsinszky (Schweizer Tennisspielerin/d.Red). Zum gleichen Spiel kam auch Martina Hingis. Das war lustig. Ich habe ihr erzählt, dass ich als Kind angefangen habe, Tennis zu spielen, wegen Martina Hingis. Und sie sagte mir, dass sie wegen mir wieder angefangen hat, Ski zu fahren.

-Im Ski-Weltcup sind Sie gut befreundet mit der Deutschen Viktoria Rebensburg. Wie ist diese Freundschaft entstanden?

Das ist speziell. Ab und zu fährt man Rennen mit Leuten und spricht kein Wort. Aber manchmal entstehen Freundschaften. Wir kennen uns schon aus dem Europacup, waren zusammen bei der Junioren-WM. Da haben wir noch nicht viel geredet. Einmal, in Lake Louise, haben wir uns eine halbe Stunde unterhalten, seitdem sind wir befreundet. Sie ist ein toller Mensch, ich mag sie extrem gerne. In Italien sagt man: „Lei ha il cuore in mano“ – sie hat ihr Herz in der Hand. Sie ist einfach lieb. Wir Skifahrerinnen reisen das ganze Jahr. Wir sind für eine Minute am Tag Konkurrentinnen, den Rest des Tages ist es schön, auch über etwas anderes reden zu können und wahre Freundinnen zu haben.

-Ist das Ihre engste Freundschaft im Weltcup?

Mit Vicky und auch Anna Veith verstehe ich mich super. Ich bin dankbar, solche Freundinnen zu haben.

-Jetzt ist die Amerikanerin Mikaela Shiffrin dabei, Ihnen die große Weltcup-Kugel streitig zu machen. Wie ist der Kontakt zu ihr?

Wir brauchen solche Athletinnen wie Anna, Tina Maze, Lindsey Vonn oder Mikaela. Sie bringen unseren Sport weiter. Wenn man mit solchen Athletinnen mitfahren darf, steigt man selbst automatisch ein Level höher. Am Start geht es letztendlich um meine Leistung, um meine Fahrt. Es sind nicht die anderen, die mir Punkte wegnehmen – ich muss sie gewinnen.

-Mehr deutsche Athletinnen würden dem Weltcup auch gut tun …

Es ist nicht einfach, eine Maria (Höfl-Riesch/d.Red) zu ersetzen. Jeder Nation, auch die Schweiz, wünscht sich mehrere Athletinnen wie Vicky oder Maria.

-Manche Rennfahrerinnen beklagen, dass der Frauen-Skisport zu stark im Schatten der Männer steht. Sehen Sie das auch so?

Es wäre wichtig, dass mehr Wert auf unsere Pisten gelegt wird, anstatt zu sagen, wir schicken die Frauen nach Kitzbühel und machen es dort ein bisschen weicher. Das bringt doch nichts. Jede Piste kann wunderschön und spektakulär sein, wenn sie gut präpariert ist. Es wäre vielleicht spannend, mehr Events mit Herren und Damen zu organisieren. Wenn man sieht, was beim Auftakt in Sölden oder beim Weltcup-Finale abgeht, wäre es sicher reizvoll, wenn wir mehr Wochenenden am gleichen Ort fahren würden. Es würden sicher auch mehr Leute kommen. Es gibt Fans einer Vonn oder Shiffrin, aber auch von Hirscher oder Neureuther.

Interview: Jörg Köhle

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