Marc Gisin stürzt in Gröden schwer.
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Marc Gisin stürzt in Gröden schwer.

Karriereende verkündet

Schweizer Ski-Ass stürzte schwer und war für paar Minuten tot: „Der Sanitäter hat gebetet“

Vor zwei Jahren stürzte Marc Gisin schwer in Gröden – jetzt hat er seine Karriere beendet. Wir sprachen mit dem 32-Jährigen, der ein paar Minuten tot war.

München - Vor zwei Jahren stürzte Skifahrer Marc Gisin (32) auf der Abfahrt in Gröden so schwer, dass er für ein paar Minuten tot war. Danach lag der Schweizer fünf Tage im künstlichen Koma. Er überlebte trotz Brüchen am Rippenbogen, einer zerquetschten Lunge, Frakturen an Hüfte und Zähnen und einer Gehirnerschütterung, aber sein Leben ging wieder bei null los.

Essen, trinken, den Toilettengang, atmen, gehen, Gisin musste viel neu erlernen. Er schaffte es zurück auf die Ski, zurück auf die Piste und zurück in die Weltcup-Trainings. Bei einem Rennen ist er nie wieder gestartet, sein 101. Einsatz war sein letzter. Vor ein paar Tagen hat er seine Karriere beendet. Die Rennen heute und morgen in Gröden verfolgt Gisin mit Wehmut und Erleichterung.

Marc, hat sich der Entschluss angekündigt oder fiel er spontan?

Gisin: Ich musste mich seit zwei Jahren damit auseinandersetzen, weil es in Gröden mit meinem Leben zu Ende hätte gehen können. Als Sportler denkst du nicht über solche Optionen nach, aber das war eine Geschichte, die andere Ausmaße angenommen hat. Seit letzten Frühling standen die Chancen noch bei 50 Prozent.

Sie kennen sich aus mit Comebacks. 2012 riss Ihr Kreuzband, 2015 erlitten Sie Hirnblutungen nach einem Sturz in Kitzbühel.

Gisin: Ein Kreuzband ist nach sechs Monaten wieder heil, man weiß genau, welche Maßnahme man treffen muss. Nach dem Sturz in Kitzbühel ging es mir anfangs sehr gut, zu gut. Ein Jahr später konnte ich wegen posttraumatischen Belastungsstörungen sechs Monate lang nicht mehr richtig schlafen. Kopfverletzungen sind immer mühsam und extrem schwierig einzuschätzen, deswegen hatte ich mir ein Zeitlimit bis Saisonanfang gesetzt.

Stürzte in Gröden schwer: Marc Gisin aus der Schweiz. Foto: Alessandro Trovati/AP

Marc Gisin: „Es kommt mir nicht wie ein Aufgeben vor“

Aufgeben gehört nachweislich nicht zu Ihrem Charakter. Haben Sie jetzt aufgegeben?

Gisin: Es kommt mir nicht wie ein Aufgeben vor. Ich bin auch nicht total erleichtert oder im Loch. Es ist ein rationaler, logischer und konsequenter Schritt. Ich bin im Reinen mit der Entscheidung.

Erzählen Sie vom letzten Training, da sollen Sie sich ganz gut gefühlt haben, oder?

Gisin: Es waren teilweise Athleten hinter mir. Ich will nicht zu genau darauf eingehen, aber ich war nicht meilenweit entfernt. Allerdings sind meine Ansprüche höher. Ich will bei einem Weltcup gewinnen und um Podestplätze mitfahren können. Meine größtes Problem war die Propriozeption, die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum. Ich habe teilweise die Ski und die Kräfte nicht mehr gespürt. Die erzielte Zeit und mein Gefühl haben nicht übereingestimmt.

Ein letzter Start heute oder morgen in Gröden, hätte sich damit nicht ein Kreis geschlossen? War das nie ein Thema?

Gisin: Nein, nein. Seit dem Sturz vor zwei Jahren gab es viele frus­trierende Momente. Die Trainings, die ich in Lake Louise, Beaver Creek, Wengen und Gröden gefahren bin, das hat mir fast im Herzen wehgetan. Das war nicht mehr wie früher, eine Weltcupstrecke so zu fahren hat keinen Spaß gemacht.

Warum haben Sie es trotzdem so lang versucht? Was hat Sie fasziniert am Skifahren?

Gisin: Wenn du mit 120 km/h aus einer Kurve schießt und merkst, wie der Ski auf Zug kommt, oder wenn man voll in einen Steilhang riskiert, das hat was. Diese Hürden zu überwinden, das war ein befriedigendes und schönes Gefühl, sicher auch mit einem gewissen Suchtpotenzial in Verbindung mit Adrenalin.

Marc Gisin: „Man muss sich bewusst sein, dass ein Restrisiko da ist“

Auch in Gröden waren Sie wahnsinnig schnell unterwegs. Haben Sie noch Erinnerungen?

Gisin: Vom Tag vor dem Rennen sind ein paar Bruchstücke zurückgekommen. Aber vom Renntag und den fünf Tagen danach weiß ich nichts mehr. Mittlerweile fehlt auch von den Wochen nach der Intensivstation extrem viel. Die Medikamente, die ich bekommen habe, waren wohl sehr stark.

Ausgerechnet am Tag vor dem Unfall ist in der Zeitung eine Kolumne von Ihnen erschienen, in der Sie über Stürze geschrieben haben. Schicksal? Oder was war das?

Gisin: Gutes Timing, oder? Es war wohl mein gutes journalistisches Gespür. Der Schweizer Blick hat danach die Frage aufgestellt, ob die Kolumne schuld am Sturz war. Aber da gab es keinen Zusammenhang, den Text hatte ich zwei Wochen vorher geschrieben.

Als Abfahrer denkt man aber zwangsläufig irgendwann über Stürze nach, oder?

Gisin: Man muss sich bewusst sein, dass ein Restrisiko da ist, wenn man sich mit 140 km/h mehr oder weniger nackt, mit 2,20 Meter Holzbrettern, die mit vier Messern bestückt sind, einen Berg hinunterstürzt. Deswegen habe ich nie gehadert. Stürze gehören im Leben dazu, daraus lernt man. Wenn wir nie gestürzt wären, könnten wir heute nicht gehen. Aber klar, Stürze mit so einem Kaliber wie bei mir sind sehr selten. Vor allem in Gröden war viel Pech dabei. Wenn ich den Verschneider zehn oder zwanzig Meter weiter vorne habe, rutsche ich raus und ärgere mich über die Zeit. Aber ich fliege nicht mit 120 km/h in die Gegenwand.

Marc Gisin: „Es war Riesenglück, weil ich es ohne Langzeitschäden überlebt habe“

Sie sprechen von Pech, aber Sie hätten auch sterben können.

Gisin: Man muss es von zwei Seiten sehen. Es war Riesenglück, weil ich es ohne Langzeitschäden überlebt habe, aber auf der anderen Seite Riesenpech. Diese Einstufung ist relativ.

Ihre Schwester Dominique sagte: „Eine Frau hätte den Sturz wohl nicht überlebt.“

Gisin: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ja, es war sehr am Limit. Ich hatte zeitweise keinen Puls mehr und habe nicht mehr geatmet, weil meine Lunge zertrümmert war, das sind nicht die besten Vitalzeichen. Der erste Sanitäter, der bei mir war, hat angefangen zu beten.

In der Reha bezeichneten Sie das Koma als „Power Nap“ und erklärten Ihren Gewichtsverlust damit, dass ein Cordon Bleu nicht durch Schläuche passt. Interessanter Humor.

Marc Gisin: „Es haben sich sehr viele Menschen sehr viele Sorgen gemacht, das war das Schlimmste für mich“

Gisin: Es war meine Art, den Leuten zu zeigen, dass ich noch der Alte bin und schon wieder Sprüche reißen kann. Es haben sich sehr viele Menschen sehr viele Sorgen gemacht, das war das Schlimmste für mich.

Allen voran Ihre Mutter. Sie hat Ihre Rennen am TV immer nur aus sicherer Distanz verfolgt.

Gisin: Seinen Sohn auf der Barre liegen zu sehen, mit vielen Schläuchen, das ist sicher kein schönes Bild. Auch der Sturz war keine Augenweide. Ihre Furcht ist normal, bei allen Kollegen machen sich die Eltern, vor allem die Mütter, Sorgen.

Dominique (35) und auch Ihre kleinere Schwester Michelle (27) sind Olympiasiegerinnen. Ärgert es Sie, dass Ihnen der große Erfolg fehlt?

Gisin: Es wäre natürlich schöner, wenn ich auf Erfolge zurückblicken könnte, denn das war das Ziel. Die ersten beiden Saisons bis zum Kreuzbandriss hat es auch gut ausgeschaut. Ich war mit Dominik Paris der Jüngste unter den Top 30. Aber mir ist auch hier nicht nach nachtrauern. Seit Gröden ist der Deckel drauf, das akzeptiere ich.

Marc Gisin: „Dass nach der Karriere irgendwann ein Quereinstieg kommen muss ...“

Wollen Sie dem Skisport verbunden bleiben?

Gisin: Momentan bin ich nirgends mehr eingebunden und ich habe auch nicht die Absicht, Trainer zu werden. Ich studiere Wirtschaftspsychologie und kann mir vorstellen, danach meine Erfahrungen aus dem Spitzensport in der betrieblichen Gesundheitsförderung einzubringen. Dass nach der Karriere irgendwann ein Quereinstieg kommen muss war klar, das ist in Ordnung.

Weil man als Weltcupfahrer, im Gegensatz zum Fußballprofi, nicht ausgesorgt hat?

Gisin: Das stimmt. Aber selbst, wenn ich Millionen auf dem Konto hätte, wäre ich nur mit Geld auch nicht glücklich. Man muss ja irgendwas machen.

Was machen Sie am Samstag während des Rennens?

Gisin: Ich werde mit Wehmut zuschauen. Ich werde das Ganze vermissen, das soll auch so sein. - Interview: Mathias Müller

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