Im Rausch der Geschwindigkeit: Der 17-jährige Hohenpeißenberger (hier beim FIS Super-G in Götschen) mag vor allem die Speed-Disziplinen.
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Im Rausch der Geschwindigkeit: Der 17-jährige Hohenpeißenberger (hier beim FIS Super-G in Götschen) mag vor allem die Speed-Disziplinen.
Die Saison kann kommen: Maximilian Schwarz aus Hohenpeißenberg im Keller seines Elternhauses mit den neuen Skiern
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Die Saison kann kommen: Maximilian Schwarz aus Hohenpeißenberg im Keller seines Elternhauses mit den neuen Skiern.

Ski alpin 

Maximilian Schwarz träumt von der Streif

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Maximilian Schwarz kommt aus Hohenpeißenberg und ist damit ein Flachlandtiroler. Doch der 17-Jährige ist ambitioniert und träumt vom Weltcup.

Hohenpeißenberg – Das Filmchen gibt’s nicht auf Netflix, auch nicht auf DVD. Die Vollversion mit 2:30 Minuten sonnt sich auf der Festplatte von Maximilian Schwarz’ Laptop. Schwarz hat sie zigmal gesehen, und verglichen mit vielen anderen Filmchen, wird ihm nicht langweilig beim x-ten Mal Anschauen. Die Mama bewahrt auf ihrem Handy eine Spezialedition davon auf. Zwei Bekannte haben die Szenen mit ihrem eigenen Kommentar unterlegt. Die findet jeder witzig, der über den Dialekt und die Zungenakrobatik der Südtiroler lachen kann.

Ski alpin: Schwarz war Vorfahrer auf der Kandahar in Garmisch

Was ist aber nun zu sehen? Das Destillat aus 15 Jahren Skisport: Schwarz’ Sportlerleben verkürzt auf 180 Sekunden. Er dressiert die Kandahar, Deutschlands gefährlichste Skiabfahrt, auf zwei Brettern – keines breiter als eine Scheibe Bauernbrot. Die ARD hat gefilmt. Maximilian Schwarz, 17 Jahre alt, testete als erster Vorläufer die Weltcup-Piste der Damen im Februar 2020. Im oberen Teil mag der Ritt auch noch für den Gelegenheitsfahrer schön anzusehen sein. Das ändert sich. Am Eishang biegt Schwarz auf die Eis-Autobahn ein und schaltet in den sechsten oder siebten Gang. Man muss ein spezielles Gen besitzen, um darin Spaß zu entdecken. Schwarz fand es schon als Kind besonders spaßig, mit seinem Papa die Kandahar „runterzugasen“, wie die Skifahrer sagen. Dieser Hang spaltet. Man kann ihn oder kann ihn nicht. Man liebt ihn oder hasst ihn. Er ist eine Glaubensfrage. Und Schwarz zählt zu den Kandahar-Jüngern. Einer seiner Teamkollegen, der mittlerweile aufgehört hat, sagte einmal: „Du spinnst ja, du kannst da doch nicht so schnell fahren.“ Maximilian Schwarz kann.

Der Weltverband FIS hat den Lauf aufgezeichnet und die Trainingszeit gemessen. Schwarz schaffte die Drittbeste. Also unter allen Weltcup-Läuferinnen. Auch wenn der Quervergleich mit den Frauen unsinnig wie unzulässig ist, legt er das Talent des Hohenpeißenbergers offen. Ein paar Tage später wurde er Vierter bei einem Super-G-Wettbewerb auf der Kandahar. Ein FIS-Rennen der Männer, sozusagen dritte Liga, in der sich die Jungen hocharbeiten und beweisen müssen. Glückstreffer, sagten manche. Am Tag darauf düste er wieder auf Platz vier. Niemand nannte das Glück.

Ski alpin: Der Deutsche Skiverband hat die Leistungen von Schwarz mit Platz im C-Kader belohnt

Sein Gesamtkunstwerk der Saison 2019/20 hat der Deutsche Skiverband mit einem Platz im C-Kader belohnt. Erwartet hat er die Beförderung nicht, nur erhofft. Der exklusive Club für Talente mit Perspektive bietet eine Reihe an Vorzügen, sommerliche Gletschertouren in Norwegen und der Schweiz, Techniker, die Ski flicken, neue Trainer wie Tim Jitloff, ehemaliger US-Profi. Seit einigen Wochen leitet der frühere Weltcup-Fahrer acht Mann an und hat bereits eine kleine Technik-Revolution im Speed-Bereich angestoßen. Die jungen Deutschen fahren jetzt wie der alte Amerikaner. Weniger wie ein Zug auf Schienen. Der Oberkörper dreht sich, der Innenski verlässt die Parallellinie, Tore steuert man nicht mehr direkt an. „Richtig geiler Stil“, sagt Schwarz. Und doch ist die Technik nicht mehr als ein Teil im Getriebe, das ihn ein bisschen schneller machen soll.

Ski alpin: Im Europacup will Schwarz fleißig Punkte sammeln

Im anstehenden Winter erwarten die Trainer erste Einsätze im Europacup, im Speedbereich von Liga zwei. Die Grabstätte vieler Talente. Zig Fahrer, schlechte Pisten, späte Startnummern für die Neuen. So sieht der Alltag aus. Hart, aber unfair. Trotzdem ist er das Tor zum gelobten Land. Der Europacup ist Ski-Kapitalismus. Die Besten rauschen im Höchsttempo gen Weltcup. Die Unglücklichen gären für Jahre. Maximilian Schwarz träumt natürlich vom Weltcup, wie alle. Er weiß aber auch, dass der Weg nur durch die Ski-Tundra führt. Nicht an ihr vorbei. Mit 17 oder bald 18 fährt man nicht um Siege, sondern um FIS-Punkte. Mit jedem guten Ergebnis schrumpft das Punktekonto. Je weniger FIS-Punkte, desto höher der Platz in der Weltrangliste und besser die Startnummer beim nächsten Rennen. Im besten Fall, das hat sich Schwarz vorgenommen, geht es im Winter in jeder Disziplin 20 Punkte nach unten. „Voraussagen kann man das aber nicht.“

Ski alpin: Einmal möchte Maximilian Schwarz auf der Streif in Kitzbühel fahren

Viele Gleichaltrige spezialisieren sich in dieser Phase auf Technik- oder Speed-Sparte. Schwarz nicht. Er fährt alles – solange die Resultate passen. Noch passen sie. Allerdings: Einmal in seinem Leben möchte er die Streif in Kitzbühel bändigen, was ausschließlich den Hochgeschwindigkeits-Fahrern vorbehalten ist. Davon ist die Mama nicht begeistert. Andererseits ist selbst Thomas Dreßens Mutter diese Ur-Angst nicht losgeworden. Obwohl ihr Sohn auf der Streif schon gewonnen hat. Diesen Beschützer-Instinkt verliert eine Mutter nicht, so sehr sie ihn zu verdrängen versucht. Wer einen Rennfahrer großzieht, lebt mit der Angst, auch wenn die Sportler die Angst nicht kennen. Maximilian Schwarz hat sich noch nie schwer verletzt. Ein Sturz – auch davon existiert ein Video – sah so schrecklich aus, dass ein hochrangiger Trainer folgende Ferndiagnose stellte: „Da ist alles kaputt.“ Zwei Wochen später karvte der Hohenpeißenberger sein nächstes Rennen. Diese Unerschrockenheit kennzeichnet normalerweise den Abfahrer, der Wilde der Gattung „Skirennläufer“. Schwarz sagt ja selbst, dass „meistens das Beste herauskommt, wenn ich Gas gebe“. Zieht er die Handbremse, baut er Fehler ein, wie im zweiten Durchgang bei der deutschen Meisterschaft im Riesenslalom, in dem er Gold einbüßte, aber Bronze rettete.

Ski alpin: Am Steckenberg in Unterammergau nahm die Karriere von Schwarz ihren Anfang

Früher war alles leichter gewesen. Kinder und Schüler hält man von den Schnee-Schnellstraßen fern, bildet sie im Flachen aus. „Leidenschaftlich gerne“ habe er sich durch den Stangenwald gewunden, sagt der Hohenpeißenberger. Unter jedes Foto im Bildportal Instagram schrieb er #slalombaby als Ausdruck der Liebe für den Slalom. Sein Vater, Lehrer und Skilehrer, hatte ihn und die Geschwister von der Grundschule abgeholt und zum Steckenberg nach Unterammergau gefahren. Stundenlang schlängelten sie sich durch den Schnee. Danach begann das Vereinstraining beim DAV Peißenberg, Slalom und Riesenslalom. Später nominierte ihn der Skigau Werdenfels für seinen Kader – wie zuvor seine Schwester und danach seinen Bruder. Schwarz trainiert seit fünf Jahren in Garmisch-Partenkirchen am Olympia-Stützpunkt bei Andreas Strodl, Ex-Weltcupfahrer, und teilweise neben Felix Neureuther, als der noch aktiv war.

Ski alpin: Eine Vier in Religion ist die schlechteste Note des Gymnasiasten

Unterrichtsstunden am Gymnasium in Schongau verpasst er gelegentlich. Seine Leistungen leiden aber nur partiell. „Ich bin nicht der Schlechteste der Schule“, scherzt der Elftklässler. Eine Vier – in Religion – ist die schlechteste Note. Schulstoff holt er nachmittags auf. Irgendwann zwischen Dehnen und Regenerieren. Er könnte natürlich auch nach Garmisch-Partenkirchen ziehen oder auf ein Ski-Gymnasium wechseln. Aber das will Schwarz nicht. In Hohenpeißenberg hat ihn der Opa mit zwei Jahren auf die ersten Ski gestellt. Gute Freunde leben im Ort. Das Elternhaus steht seit 20 Jahren. Die Familie Schwarz und der Rennsport – das ist schon eine außerordentliche Verbindung. Zu ihren Lieblingsfilmen zählt die Reihe „The Fast and the Furious“ – nur, dass die Hauptdarsteller da mit schnellen Autos und nicht mit Skiern über die Piste jagen.

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