Felix Neureuther ist froh, dass die WM trotz Corona stattfindet
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Felix Neureuther ist froh, dass die WM trotz Corona stattfindet.

Zum Start der WM in Cortina

Ski-Idol Felix Neureuther im Interview - Bei einem Thema wird er ganz ernst: „Wo sind wir denn angekommen?“

  • Mathias Müller
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Felix Neureuther ist froh, dass die WM in Cortina stattfindet. Das einstige deutsche Ski-Ass spricht im Interview über Medaillen, Held:innen, Thomas Dreßen und Linus Straßer.

München - Acht Weltmeisterschafts-Teilnahmen in sieben Ländern, am Ende drei Einzelmedaillen (Silber, 2 x Bronze) und Gold mit der Mannschaft: Felix Neureuther* hat eine bewegte WM-Geschichte. Im Interview blickt der 36-Jährige zurück und voraus auf die heute beginnende Ski-WM. In Cortina d’Ampezzo werden die Helden dieses speziellen Winters gesucht. Die WM in Cortina wird Neureuther als Experte nur aus dem TV-Studio ­verfolgen. Übrigens: Hier gibt es den News-Ticker zur alpinen Ski-WM im italienischen Cortina d‘Ampezzo.

Felix, ist es richtig oder falsch, dass die WM mitten in der Pandemie stattfindet?
Felix Neureuther: Für den Skisport ist es wichtig und gut. Die WM findet in einer Blase statt, in die niemand von außen hineinkommt. Zudem findet Skifahren im Freien statt und im Weltcup gab es bisher zum Glück noch keinen großen Corona-Ausbruch.
Welche Bilder kann eine WM ohne Fans liefern?
Neureuther: Ganz ehrlich? Es ist schwierig, die Emotionen zu transportieren. Ich bin Sport-Junkie, ich schaue mir alles an. Aber derzeit fehlt etwas. Die Rennen in Schladming oder in Kitzbühel, das war Wahnsinn, auch die Fußballspiele sind Wahnsinn. Man denkt, dass man sich daran gewöhnt, aber das passiert nicht. Deswegen ist es wichtig, dass Thomas (Dreßen, d. Red.) mitfährt. Ob er etwas gewinnt oder nicht, ist zweitrangig, er bringt eine Geschichte mit. Sofia Goggia ist ein anderes Beispiel. Ihr WM-Aus ist dramatisch, das Mädel tut einem unfassbar leid, aber diese Dramen und Heldengeschichten schreibt nur der Sport.
Was trauen Sie Thomas Dreßen zu?
Neureuther: Ich glaube nicht, dass er den Super-G fährt. Die Strecke ist neu, niemand kennt sie außer den Italienern, und trotzdem müssen die Athleten ohne vorheriges Training ran. Das sehe ich sehr kritisch, auch mit Blick auf mögliche Verletzungen.
Und in der Abfahrt?
Neureuther: Thomas kann man immer alles zutrauen. Das hat er auch nach seiner Knieverletzung vor zweieinhalb Jahren bewiesen. Bei den Geschwindigkeitsmessungen gehört er immer zu den Schnellsten, er besitzt da einfach eine geniale Gabe für. Auch der Schnee in Cortina müsste ihm liegen. Egal, wie lange er verletzt war, er hat die Fähigkeiten, um Medaillen zu fahren.

Es ist schwierig, Emotionen zu transportieren

Neureuther über die WM ohne Fans
Macht einen Edelmetall am Ende zum Helden?
Neureuther: Nein, Heldentum hat nichts mit Medaillen oder Auszeichnungen zu tun. Jeder, der etwas leistet, kann ein Held sein. Die Frage im Sport ist für mich, ob die Helden von heute noch die Ausstrahlung auf unsere Kinder, die Helden von morgen, haben.
Ihr neues Buch „Für die Helden von morgen“ handelt unter anderem davon. Was bereitet Ihnen Sorgen?
Neureuther: Die Wahrnehmung von Sport hat sich verändert. Kinder bewegen sich heute zu wenig und verlieren in der Breite das Interesse, die Stars nachzuahmen.
Ihr Held war Alberto Tomba, richtig?
Neureuther: Ich war begeistert von seiner ganzen Art, nicht nur von seinen Erfolgen. Auch Bode Miller, Hermann Maier oder früher Franz Klammer, was waren das für Typen! Das Interessante im Skifahren ist, dass dein Fahrstil viel über deine Persönlichkeit aussagt. Früher gab es viele unterschiedliche Stile. Heute sieht vieles nach Schema F aus. Alle fahren gleich und alle geben die gleichen Interviews, keiner sagt mehr etwas.
Als Sie ein junger Kerl waren, gab es da schon so etwas wie Medientraining?
Neureuther: Ach geh, davon war ich weit entfernt. Ich habe mit 16 überhaupt mein erstes Handy bekommen. Die sozialen Medien haben vieles verändert. Es wird früh darauf geschaut, dass die Außendarstellung makellos ist. Auch die Professionalisierung setzt zu früh ein. Ich war mit 15 das erste Mal Ende Oktober auf einem Gletscher beim Skifahren. Heute stehen die Zehnjährigen im Juli da oben. Wo sind wir denn angekommen? Das ist krass und deswegen verlieren wir da massiv die Breite. Viele Eltern und viele Kinder machen das nicht mit.
Sie haben in diesem Zusammenhang auch mehrfach das Schulsystem kritisiert.
Neureuther: Etwas überspitzt gesagt wird Kindern Wissen reingeprügelt, während sie sieben Stunden auf einem Stuhl sitzen sollen. Wo bleibt da die Bewegung? Wie willst du so kreativ sein? Das Problem der fehlenden Bewegung ist noch nicht genug anerkannt, auch nicht bei der Politik.
Sie haben in Zusammenarbeit mit der TU München mit „Beweg dich schlau“ ein Programm entwickelt, das mehr und richtige Bewegung in die Schulen bringen soll. Ministerpräsident Markus Söder hatte bereits im letzten Jahr grünes Licht für die Umsetzung gegeben. Wann geht’s endlich los?
Neureuther: Der Ball liegt seit geraumer Zeit beim Kultusministerium. Wir haben längst alle Wünsche und Anforderungen erfüllt – von uns aus hätte es schon längst losgehen können. Ich hoffe nur, dass die Politik diesmal den Zug nicht verpasst! Ich jedenfalls setze mein Programm so oder so um.

Wenn er seine Leistung abruft, ist eine Medaille drin

Neureuther über Linus Straßer
Zurück zur WM. Auch Linus Straßer* hat lange gebraucht, um ganz oben anzukommen. Nach seinem Sieg in Zagreb waren die letzten Ergebnisse eher schwach. Haben ihn die Medien zu schnell zum Helden gemacht?
Neureuther: Ich denke, es hilft Linus, dass er nicht mehr auf den absoluten Spitzenplätzen gelandet ist, weil die Erwartungen wieder geringer sind. Wenn er seine Sachen beinander hat, kann er sehr schnell fahren. Ich bin nie ein Freund davon gewesen, vor Großereignissen von Medaillen zu sprechen. Aber wenn er seine Leistung abruft, gewinnt er eine Medaille.
Etwas, das auch Sie erst lernen mussten. 2003 und 2005 waren Sie als junger Athlet 15. und 19.. Zwei Jahre später sind Sie ausgeschieden.
Neureuther: Da war ich Zweiter nach dem ersten Durchgang.
Aber raus ist raus. Das muss ich einem Ex-Slalom-Fahrer doch nicht erklären, oder?
Neureuther: Nein, ist ja gut, da haben Sie recht.
Dann kam die sehr spezielle Heim-WM 2011. Aber danach bei drei WMs drei Medaillen in Serie. Was ist da passiert?
Neureuther: Wenn man so versagt wie ich 2011, musst du die Lehren daraus ziehen. Ich habe mir geschworen, mich im Vorfeld nie wieder so abzuschotten und alles richtig machen zu wollen. Der Druck war dann 2013 sogar höher, weil die Vorleistungen besser waren. Eine ähnliche Situation hat Linus jetzt. Den Gedanken, dass er eine Medaille holen kann, den muss er versuchen, auszublenden.
Wie haben Sie das damals geschafft?
Neureuther: Ich war 2013 in Schladming nicht im Mannschaftshotel, sondern habe mich mit Stefan Luitz in einem Appartement auf einem Bauernhof eingemietet. Jeden Morgen hat uns der Gockel geweckt und abends hat uns die Wirtin ein Schnapserl hingestellt. Das war so, wie es sein sollte. Und wissen Sie, was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist?
Bitte.
Neureuther: Ich war nach dem ersten Durchgang Zweiter, der Druck war groß, aber als ich in dem Athletenzelt stand, sind mir die ganzen Exoten aufgefallen. Ich habe zu unserem Pressemann gesagt, dass ich mit denen ein Foto machen will. Also sind wir durch das ganze Zelt und haben die größten Exoten herausgezogen und sie gefragt, ob ich mit ihnen ein Bild machen kann. Die sind alle vom Glauben abgefallen. Diese Fotos habe ich immer noch auf dem Handy.
Eine Ablenkung.
Neureuther: Ja, und das Coolste war: Bei der Siegerehrung, die viel später stattfand, sehe ich plötzlich den Iraner, den Brasilianer, den Katari, alle sind in einer Reihe gestanden, haben extra auf mich gewartet und mir die Faust entgegengestreckt. Dass sich die Jungs die Zeit für mich genommen haben, das war einfach herrlich.
Ist Linus, von Überraschungsmann Dreßen mal abgesehen, der einzige Medaillenkandidat?
Neureuther: Die Speed-Herren sind schon auch stark, halleluja.
Wenn es auch oft nur knapp war, auf dem Stockerl stand in der Saison aber noch niemand.
Neureuther: Aber es kann definitiv passieren. Die Entwicklung der Jungs ist enorm, ich krieg gleich Gänsehaut, weil es so eine coole Mannschaft ist. Nur leider hat sich in Garmisch-Partenkirchen der Peppi Ferstl verletzt, das ist bitter. Trotzdem, eine große Chance ist, dass außer den Italienern keiner die Piste kennt, da spielt die Erfahrung eine noch größere Rolle und es kann viel passieren.
Warum sind die deutschen Damen so weit davon entfernt?
Neureuther: Maria (Höfl-Riesch) und Vicky (Rebensburg) haben viel überstrahlt. Und haben Sie sich mal die Startfelder bei Deutschen Meisterschaften angeschaut? Das ist gerade so eine zweistellige Anzahl. Wo soll der Nachwuchs also herkommen? Wir werden niemals mehr so stark sein wie zu Zeiten mit Seizinger, Ertl und Gerg. Kira (Weidle) hat großes Potenzial, aber ihr fehlt der Vergleich im Training. Und das Speed-Niveau an der Spitze ist sehr hoch. Im Slalom ist es noch extremer. Da gibt es sechs Mädels, die um die Medaillen fahren, der Rest ist 1,5 Sekunden weg.
Es fehlt also die Breite.
Neureuther: Ja, rein aus einer typischen Verbandsstruktur heraus, ist es sehr schwer, an die Spitze zu wachsen, wenn du nicht die Masse hast wie die Österreicher, Schweizer, Franzosen und Italiener. Mikaela Shiffrin hat es zum Beispiel nur geschafft, weil die Familie alles gestemmt hat. Auch Pe­tra Vhlova hat ein komplett eigenes Team. Im deutschen Verband muss man sich Gedanken machen, ob man zukünftig nicht gezielt auf frühe Individualisierung setzt.
Spricht da ein zukünftiger Funktionär? Sie haben sich und Marcel Hirscher als Tandem in der FIS ins Gespräch gebracht…
Neureuther: Es ging mir weniger um mich. Aber es wäre wichtig, dass ehemalige Athleten integriert werden. Viele Funktionäre schauen auf sich und zu wenig auf die Athleten und den Sport.
Leider keine ganz neue Erkenntnis.
Neureuther: Die Struktur in den großen Sportorganisationen ist antiquiert, mein Vater hat Ähnliches schon 1992 in Albertville angesprochen. Es braucht wohl einen Super-GAU, dass alles aufgearbeitet wird. Da braucht man Geduld, die habe ich nicht.
Weil Sie Olympia ansprechen. Wie stehen Sie zu den Spielen in Tokio?
Neureuther: Wenn die Sicherheit gewährleistet werden kann, bin ich selbstverständlich total dafür, dass die Spiele stattfinden. Aber auf Teufel komm raus braucht man Olympia nicht durchdrücken. Eine Ski-WM ist leichter durchzuführen, aber bei Olympischen Spielen kommen Tausende Sportler und Betreuer aus aller Welt zusammen, das wird eine Herkulesaufgabe. Olympia muss sich insgesamt neu aufstellen. Corona wirkt wie in vielen Lebensbereichen auch hier wie ein Brennglas. Weniger wird mehr. Und das Thema Nachhaltigkeit wird vorrangig, ich hoffe, dass dann Peking 2022 das letzte Negativbeispiel bleiben wird.

Interview: Mathias Müller

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Sonntag wurde die 46. Ski-WM eröffnet, am Montag sollte mit der Kombination der Frauen (Slalom, 11.00 Uhr und Super-G, 14.30 Uhr, ARD) das erste Rennen stattfinden - wegen starker Schneefälle wurde der Wettbewerb aber abgesagt.

Das deutsche WM-Aufgebot:

  • Frauen: Lena Dürr (Germering), Andrea Filser (Wildsteig) und Kira Weidle (Starnberg).
  • Männer: Romed Baumann (Kiefersfelden), Thomas Dreßen (Mittenwald), Sebastian Holzmann (Oberstdorf), Simon Jocher (Garmisch), Stefan Luitz (Bolsterlang), Andreas Sander (Ennepetal), Alexander Schmid (Fischen), Dominik Schwaiger (Königssee) und Linus Straßer (München).

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