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Wilder Ritt zu Olympia-Bronze: Ramona Hofmeister vor einem Jahr.

Einst belächelt, heute eine Medaillenbank

„Wir waren Träumer, Idealisten, Exoten“

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Andi Scheid, Urgestein bei Snowboard Germany, über seinen Sport vor 20 Jahren und heute

Planegg – Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Junioren-WMs – Andreas Scheid, 46, hat die Großereignisse nicht gezählt, die er im Auftrag von Snowboard Germany besucht hat. Fest steht nur: „Es gab in all den Jahren keine Medaille, die nicht durch meine Hände geflutscht ist.“ Mit Amelie Kobers Silbercoup bei Olympia in Turin ging’s los (2006), in Pyeongchang, bei den letzten Spielen, gab es gleich zweimal Edelmetall für Scheids Medaillenschmiede. Der gebürtige Grassauer war schon so ziemlich alles im kleinen, überdurchschnittlich erfolgreichen Snowboardverband: Stützpunkttrainer, C-Kader-Coach, Cheftrainer Race (ab 2007) und später für alle Disziplinen. Seit Mitte 2018 ist er Sportdirektor – und fiebert in dieser Eigenschaft der an diesem Donnerstag beginnenden Übersee-WM in Park City entgegen.

Wie alles anfing mit dem professionellen Snowboarden in Deutschland, welche Chancen er seiner 17-köpfigen WM-Auswahl einräumt – darüber sprechen wir mit Scheid bei einem Treffen in der Verbandszentrale.

Andi Scheid, Sie sind das Urgestein schlechthin bei Snowboard Germany. Waren Sie denn selber auch ein guter Snowboarder?

Scheid: Als Aktiver bin ich eher zum Spaß gefahren. Der Sport war ja ziemlich neu Ende der 80er-Jahre. Da gab’s welche, die sind Stangen gefahren, und welche, die einfach mit Freunden losgezogen sind – zu denen hab ich gehört. Es gab zwar damals schon regionale Wettkämpfe, auch wir haben das eine oder andere Crossrennen veranstaltet. Aber so Strukturen wie heute – das gab’s alles noch nicht.

Dazu brauchte es Leute wie Sie. Skizzieren Sie doch mal Ihren Werdegang vom Freerider zum Verbandsfunktionär!

Scheid: Mei, ich hab halt irgendwann sämtliche Ausbildungen gemacht, von der Grundstufe bis zum Snowboardausbilder. Ich war auch mal kurz im Bayerischen Lehrteam. Eigentlich hab ich Werbekaufmann gelernt und Agrarwirtschaft studiert. Meine Leidenschaft zum Sport hat aber überwogen. Daher hab ich das auch durchgezogen – bis ich schließlich sogar einen akademischen Grad erreicht hatte. Dass ich tatsächlich als Snowboardlehrer gearbeitet hab, ging aber schon Ende der 90er los. Ich bin jetzt also gute 20 Jahre dabei.

Wie lief denn so ein Training damals, als es noch nicht mal einen eigenständigen Verband gab?

Scheid: Wir haben halt zweimal die Woche ein Training gemacht, meistens in Ruhpolding – da sind die Jungs zum Teil mit dem RVO-Bus angereist. Ich war der Nachwuchstrainer, Uwe Beier der Cheftrainer. Sonst gab’s da niemanden. Der Verband ist ja erst 2003 gegründet worden. Trotzdem haben wir mit geringen Möglichkeiten das Maximum rausgeholt.

Das klingt nach mühseliger Aufbauarbeit.

Scheid: Naja. Heute ist halt alles viel professioneller – aber auch viel zeitraubender. Allein die ganze Kommunikation über WhatsApp, E-Mail und was weiß ich. Das hat sich überdimensional gesteigert. Damals hab ich halt gesagt: Training ist um 18 Uhr – und trotzdem sind alle gekommen. Handys waren ja noch nicht so verbreitet. Man hat es einem gesagt – der hat sich’s gemerkt und war da. Nicht so wie heute: Der eine vergisst was, der andere fragt nach oder verspätet sich – alles über irgendwelche WhatsApp-Gruppen. Dann diskutieren da auch noch irgendwelche Eltern mit. Mich betrifft’s ja jetzt nicht mehr, aber ich verstehe jeden Trainer, der Mitte der Saison sagt: Mir steht grad alles bis zum Hals.

Vom Freerider zum Verbandsfunktionär: Andi Scheid, 46.

Dabei sollte man denken, dass die modernen Kommunikationsmittel die Organisation erleichtern.

Scheid: Sollte man meinen. Ich sag noch ein schönes Beispiel: 1999 hat es eine halbe Stelle beim DSV gegeben, das war die Susanne Bauch, die hat sich um alles gekümmert. Mittlerweile sitzen bei uns fünf Leute im Büro, die viel arbeiten. Aber das muss auch so sein, denn die Anforderungen sind enorm gewachsen.

Stimmt es, dass man als Snowboarder nicht so ganz ernst genommen wurde damals?

Scheid: Mei, es wusste halt keiner so richtig, wie man mit dem Thema umgeht. Im Zentrum standen die klassischen Wintersportarten, und wir waren die Träumer, Idealisten, Exoten. Gewachsen ist es erst, als man die Sparte ausgelagert hat. Jetzt ist wirklich viel Power dahinter. Mit eigener Identität – und Visionen.

Gab es ein spezielles Ereignis, das Sie als Wendepunkt in der Wahrnehmung Ihres Sports bezeichnen würden?

Scheid: Wo wir immer wahnsinnig positives Feedback bekommen haben, das war nach Olympischen Spielen. Da sind oft andere Trainer gekommen und haben gesagt: Ich hab mir das angeschaut. „Echt cool! Gratulation. Macht’s weiter so!“ Und das haben wir ja auch gemacht: Die größte Bestätigung war, meine ich, dass wir nach 2014 auch 2018 zwei olympische Medaillen geholt haben. Noch dazu, durch zwei völlig andere Athletinnen. Einige haben da gemerkt: Hoppla, da scheint doch einige Substanz vorhanden zu sein. Jeder muss wirklich sagen: Hut ab! Es ist schon gute Arbeit, die bei uns geleistet wird.

Man begegnet also nicht mehr dem berühmten Klischee vom kiffenden Feierabendsportler?

Scheid: Nein, das ist ein Mythos – und heute absolut unvorstellbar. Angefangen vom Wachs über die Aerodynamik der Kleidung, die Boards – alles genügt heute höchsten Standards. Sogar beim Wetter überlassen wir nichts dem Zufall. Die guten Tage werden optimal ausgenutzt, denn so viele sind das gar nicht: Am Gletscher im November hast du 50 Prozent Schlechtwettertage, an weiteren 25 Prozent der Tage ist der Schnee weich – bleiben vielleicht zehn Tage übrig. Da sind wir inzwischen flexibel genug, dass wir die maximal ausnutzen. Oder im Sommer mal nach Übersee fliegen, wo die Bedingungen konstant gut sind. Mehr geht immer, aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Unsere Sportler haben auch alle Behördenstellen, bei der Bundeswehr oder der Polizei. Das sind wirklich alles Berufssportler. Wir betreiben jetzt wirklich Leistungssport.

Selber kommen Sie kaum noch in den Schnee, oder?

Scheid: Als Trainer hatte ich 180 Abwesenheitstage, sprich: Ich habe 180 Nächte in einem anderen Bett geschlafen. Jetzt bin ich auch noch viel unterwegs, aber eher innerhalb von Deutschland. Mit den Trainern stehe ich zwar in ständigem Kontakt, aber mir fehlt total der Berg und auch der Schnee. Das ist mein guter Vorsatz für dieses Jahr: Dass ich wieder mehr rauskomme zu den Sportlern. Auch deswegen freue ich mich auf Park City.

Mit welchen Erwartungen fliegt der Sportchef hin?

Scheid: Das ist klar definiert. Wir peilen möglichst viele Finalteilnahmen an – und zwei bis drei Medaillen. Was sollen wir machen? Wir haben die Latte ja selbst hochgelegt. Schade finde ich im Übrigen, dass die Ester Ledecká bei der Ski-WM startet – mit der Besten unseres Sports hätten wir uns gerne gemessen.

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