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Interview im Schnee: Ramona Hofmeister mit Snowboard-Reporter Uli Kellner.

16.000 Fans in den sozialen Medien

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Die Olympia- und WM-Dritte Ramona Hofmeister genießt ihr aufregendes Profileben – und lässt die Fans daran teilhaben.

Bischofswiesen – Sanfter Schneefall setzt ein, als der antike Sessellift dem Ziel am Götschenkopf entgegenzuckelt. Andere würden sich an dieser Stelle auf den Ausstieg vorbereiten – Ramona Hofmeister zieht ihr Smartphone aus der Tasche, schüttelt ein paar Flocken aus dem Gesicht und lächelt entspannt, während sie ein paar Fotos von sich selber schießt. Eine Geste, die sie beim Treffen mit unserer Zeitung einige Male wiederholen wird. Die Snowboarderin aus Bischofswiesen sagt, die Pflege ihrer Internet-Profile sei ihr wichtig; täglich bedient sie gut 16 000 Fans, die der Olympia- und WM-Dritten bei Instagram folgen. „Ich poste jeden Tag ein Foto – und möchte mich da nicht nur als Sportlerin zeigen“, sagt sie: „Es interessiert die Follower einfach, was man isst, wie lange man schläft, was man sonst so in der Freizeit macht.“

Obwohl die 22-Jährige zugibt, dass sie selten bis nie Zeitung liest („Außer die Titelseite fesselt mich – oder ich steh’ selber drin“), nimmt sie sich Zeit, zwei Vertretern eines Oldschool-Mediums, wie sie es nennen würde, ihr Revier zu zeigen. Ein Termin mit Tücken für die Nicht-Ortskundigen. Hofmeister gibt gleich mal Gas, dass schon nach wenigen Schwüngen nur noch die Rückseite ihres Anoraks zu sehen ist: „Germany“ steht drauf, es ist die offizielle Rennkleidung der jungen Raceboarderin. Der Ziehweg, der dem ersten Hang folgt, bereitet nur ihren Gästen kleinere Probleme. Hofmeister kennt ihn in- und auswendig – wie das gesamte Skigebiet am Götschen, das nur zehn Minuten von ihrer Wohnung entfernt liegt.

Ramona Hofmeister mag den Hang, den sie schon an die 1000 Mal in ihrem jungen Leben gefahren ist, seit sie mit viereinhalb Jahren durch ihre älteren Schwestern beim Snowboarden gelandet ist. Andere fahren morgens ins Büro, Hofmeister setzt sich ins Auto und geht am Götschen ihrer Arbeit nach. „Ich komm’ schon sehr oft hierher“, sagt sie: „Sobald Schnee liegt, sind wir auch mit dem Team hier. Auch für kleine Trainingseinheiten zwischen den Wettkämpfen. Ich würde mich riesig freuen, wenn hier auch mal wieder ein Weltcup oder eine WM stattfinden würde.“ Bei der letzten Heim-WM, 1999, hieß die Heldin Heidi Renoth. Ramona war knapp drei Jahre alt – und keiner konnte absehen, dass sie mal eine lokale Berühmtheit werden würde.

Am Montag vor dem Weltcup-Finale in Winterberg ist ihr Hausberg ein Ort, an dem auch die bekannteste Sportlerin des Planeten ihre Ruhe hätte. Einer steht unten am Lift, sonst ist niemand da zum Staunen, wie geschmeidig die rasante Ramona Kurven in den Schnee zieht. Die Piste ist frisch gewalzt, hart, aber nicht so hart, wie sie es gerne mag. „Je eisiger, desto besser für mich“, sagt sie.

Hofmeister hat für diesen Montag ihr Slalomboard rausgesucht, mit dem sie im Februar zu WM-Bronze gerast ist. Es ist eine von fünf Spezialanfertigungen, die sie bei ihren Reisen um den Erdball begleiten. Sie sagt, anfangs sei jedes Board gleich für sie, doch mit jeder Fahrt spüre sie, ob da eine Verbindung entsteht zwischen ihr und dem Sportgerät.

Die gut zwei Jahrzehnte alte Clicker-Bindung des doppelt so alten Reporters streikt gleich mal. Pappschnee klebt unter der Sohle. Hofmeister sagt amüsiert: „Sieht man selten in unserer Branche.“ Das Material, schätzt sie, mache 50 Prozent der Leistung aus: scharfe Kanten, schnelles Wachs. Wer flott im Stangenwald unterwegs sein will, müsse eine erstklassige Ausrüstung haben. Und der Anteil des Athleten? „Wir haben ja noch die anderen 50 Prozent“, sagt sie und lacht.

Hofmeister ist es gewohnt, dass alles funktioniert, wenn sie zu einem Rennen antritt. So kann sie sich ganz auf sich und ihr Können konzentrieren. Nervös sei sie nie. „Keine Ahnung warum, das war bei mir schon immer so.“ Ein kleines Detail verdeutlicht diese besondere Nervenstärke: „Ich hab in meiner ganzen Karriere noch nie eine Quali gewonnen.“ Dafür ist sie zuverlässig zur Stelle, wenn in den Finalläufen die Medaillen vergeben werden. Eine seltene Art von Gelassenheit, die Hofmeister auch an den Tag legt, wenn sie über ihren eigenen Körper spricht. Er gehorcht ihr wie das teure Material – und wenn mal etwas kaputtgeht, ein Band oder ein Knochen, dann kommt er eben beizeiten zur Reparatur. Wobei „beizeiten“ bei der toughen Ramona auch mal heißen kann: Monate später.

Hofmeister zeigt auf ihr linkes Handgelenk: Zu Beginn der Olympia-Saison brach das Ellenköpfchen. Es wuchs aber nicht gleich zusammen, weswegen sie monatelang Schmerzen ignorieren musste, wenn es zum Kontakt mit den Slalomtoren gekommen ist. Auch ihr Rücken hat im Herbst länger gestreikt: Bandscheibenvorfall, zum Glück nur ein leichter; sie hat ihn konservativ in den Griff gekriegt. „Ich war noch nie ein Mensch, der jammert“, sagt sie. Ach ja, fügt sie beiläufig hinzu: Ihre rechte Schulter sei auch schon länger kaputt. Ein Band ist gerissen: „Die Schulter ist immer kurz vorm Auskugeln.“ Zur Demonstration lässt sie das Gelenk aus der Pfanne hüpfen, dass es schon beim Zuschauen schmerzt. Danach stürzt sie sich mit Wonne ins steile Mittelstück, wo der Fotograf schon auf der Lauer liegt.

Man hat an diesem Eindruck nicht den Eindruck, dass es der Profisportlerin lästig ist, auf der Jagd nach dem perfekten Foto immer wieder über den Hang zu pflügen. Den Leoparden-Schal, ihr Markenzeichen, hat sie um den Hals gelegt wie bei allen großen Rennen. Später in der Götschenalm legt sie ihn ab, damit die schönen Locken zur Geltung kommen. Sie erzählt dann, wie sehr sie die Aufmerksamkeit genießt, die ihr schon in jungen Jahren zuteil wird. Sie freue sich immer, wenn sie irgendwo auf der Straße angeschaut oder gar angesprochen werde: „Ich dreh’ mich dann aber nicht direkt um und winke. Mein erster Gedanke ist immer noch: Vielleicht ist es ja eine andere bekannte Person, die im Hintergrund steht.“

Für ihre fast 23 Jahre hat Hofmeister viel erreicht. Mehr als sie sich ausgemalt hat, als sie mit 16 erstmals im Weltcup gestartet ist. „Es gibt nicht viele Sportler, die in ihrem Leben einen so großen Erfolg feiern dürfen, wie ich ihn jetzt schon mit Olympia-Bronze hatte.“ Das Erreichte gibt ihr Sicherheit, die sich auch dadurch äußert, dass Selbstzweifel nur noch bei ihren Gegnern existieren. „Es gibt jetzt Fahrerinnen, wo man merkt, dass sie nicht erfreut sind, wenn sie früh auf mich treffen.“ Sie weiß, dass im Ernstfall auf sie selber Verlass ist. „Im Finale“, sagt Hofmeister, „da packe ich die aggressive Ramona aus.“

Die aggressive Ramona – wäre die nicht besser in der Freestyle-Sparte aufgehoben? Wäre ihr nicht noch mehr Aufmerksamkeit gewiss, wenn sie Monstersprünge in die Eisrinne setzen würde? Habe sie versucht, sagt Hofmeister: „Als Kinder sind wir alles gefahren – da stand hier aber auch noch die Halfpipe.“ Mit der Zeit sei sie dann „in die Race-Schiene reingerutscht“. Auch Snowboard-Cross, wirft sie ein, habe sie vor drei Jahren probiert, sogar ernsthaft mit den Cracks von Snowboard Germany: „Da wäre ich aber maximal im Europacup-Team gelandet.“ Ihren Olympia-Traum hätte sie dann zumindest für 2018 begraben können.

Bilder aus Pyeongchang zieren ihr Instagram-Profil. Aber auch Fotos, die sie beim Yoga zeigen, beim Motocross fahren – oder auf Reisen. Sämtliche Bilder haben einen künstlerischen Anspruch; sie zeigen ihr aufregendes Profileben in Hochglanz-Optik. Hofmeister betont, dass sie aber auch Bilder in ihrer virtuellen Galerie ausstellt, die zeigen, wie sie beispielsweise über ein Kamerakabel stolpert. „Ich will mich nicht nur von der schönsten Seite zeigen – sondern so, wie ich bin. Ich bin auch mal tollpatschig und verplant – deswegen verstelle ich mich da gar nicht.“ Jetzt, da sie zwei Privatsponsoren hat, kann sie auch in dieser Hinsicht noch entspannter posten. Schlimm genug ist die Erinnerung an die Zeit nach Olympia – als sich trotz ihrer Medaille kein Unternehmen fand, das sich mit ihr schmücken wollte.

Am Ende des Pressetermins nippt Hofmeister an einer Tasse Tee. Sie blickt voraus auf Winterberg, wo sie beim Weltcupfinale wie voriges Jahr auftrumpfen möchte. Ein bisschen denkt sie auch schon an die Schulter-OP, die sie für den Tag nach ihrem 23. Geburtstag vereinbart hat. An die ganz ferne Zukunft verschwende sie dagegen kaum Gedanken: „Ich bin nicht so der Planer. Ganz grob hätte ich gesagt, dass ich wohl so bis 30 fahre. Kommt auch drauf an, wie lang man dieses Niveau halten kann.“

Um Hofmeister, diesen Eindruck vermittelt sie, muss sich keiner ernsthaft sorgen. Sie scheint im Reinen zu sein mit sich, mit ihrem Sport, mit der Instagram-Gemeinde und ihrer Parallelwelt bei der Landespolizei. Nur eine Sache, die stimmt sie nachdenklich: Sie findet, ihr Sport habe ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm abseits von Großveranstaltungen zuteil wird. Über eine regelmäßige Berichterstattung über Weltcups würde sich Hofmeister freuen – sogar in klassischen Medien.

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