Sprung ins Rampenlicht: Slopestyle-Ass Annika Morgan, 17, aus Miesbach.
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Sprung ins Rampenlicht: Slopestyle-Ass Annika Morgan, 17, aus Miesbach.

Anschluss an die Weltspitze

Kurz vor dem großen Coup

  • Uli Kellner
    vonUli Kellner
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Die Jauch-Million hat Michi Dammert verpasst, in seinem Beruf als Headcoach der deutschen Freestyle-Snowboarder läuft es dafür umso besser.

München – Die Frage war eine Steilvorlage, zumindest dem gängigen Klischee entsprechend. Seit ihrer in jeder Hinsicht aufsehenerregenden Olympia-Premiere 1998 gelten Freestyle-Snowboarder als besonders feierfreudig, doch Klischees sind eben Klischees – und so saß Michael Dammert, 32, im Studio von Günther Jauch und war, wie er selbst sagt, „meilenweit weg“ von der richtigen Antwort. Besagte Auswahlfrage beim „Hüttengaudi-Special“ von „Wer wird Millionär?“ hatte mit hochprozentigen Après-Ski-Getränken zu tun, die es nach Zutaten zu sortieren galt. Auf den Stuhl schaffte es nicht der deutsche Freestyle-Bundestrainer, sondern eine Mitbewerberin, die offenkundig mehr Erfahrung auf diesem Sektor vorweisen konnte. Bei der zweiten Frage musste Dammert dann nicht lange überlegen – es ging darum, Skigebiete den Ländern zuzuordnen. Nun jedoch machte dem Münchner die Technik einen Strich durch die Rechnung. „Den Automatismus, dass man die Antwort bestätigen muss, hatte ich noch nicht so drin“, bedauert Dammert: „Leider habe ich da die entscheidende Hundertstelsekunde verloren.“

Aus dieser selbstkritischen Analyse spricht eindeutig der Trainer Michael Dammert. Der Mensch Dammert hat einen anderen Blick auf seinen Auftritt bei Jauch – einen, der viel darüber aussagt, wie er seinen Job als Freestyle-Headcoach versieht. Zum einen sagt der leidenschaftliche Snowboarder: „Das war doch ein tolles Forum, um unseren Sport vor einem Millionenpublikum ein bisschen bekannter zu machen. RTL war an uns herangetreten, weil sie einen Kandidaten für ihr Winterspecial suchten – und ich als Freestyler hab eh kein Problem damit, mich zum Affen zu machen.“ Zum anderen, so Dammert, hätte aber auch ein Millionen-Gewinn nichts an seiner Lebensplanung geändert. „Mein Job ist für mich ein Herzensprojekt, eine Mission“, beteuert er: „Mein Privatleben wäre mit einem Millionengewinn entspannter gewesen, aber ich hatte nie im Sinn, etwas Grundlegendes zu ändern.“

Für kein Geld der Welt hätte Dammert sein Team im Stich gelassen, das in dieser Saison besser performt, als das alle bei Snowboard Germany für möglich gehalten haben. Ein Team, für das er sich verantwortlich fühlt wie ein Vater für seine Kinder. Der Allgäuer André Höflich, 21, hat bei jedem Weltcup dieses Winters das Halfpipe-Finale erreicht. Die 17-jährige Annika Morgan aus Miesbach räumte bei den Youth Games Silber im Big Air ab und wurde einen Tag später Vierte im Weltcup; auch im Slopestyle galt sie als Goldfavoritin, bis ein schmerzhaftes Hämatom ihren Start verhinderte. Seinen Zielvorgaben voraus ist auch Noah Vicktor, 18, aus Freilassing. Anstatt „ein bisschen Weltcupluft zu schnuppern“ wie von den Trainern vorgesehen, ließ er auf der Seiser Alm mit einem Triple-Cork aufhorchen. Diesen Trick, einen dreifach geschraubten Salto, hatte noch kein deutscher Freestyler in einem Contest geschafft. Und es gibt noch mehr größere und kleinere Erfolge, auf die Dammert gerne hinweist.

Im Vergleich zu seinen Anfängen bei Snowboard Germany umfasst sein Weltcup-Kader dreimal so viele Athleten (insgesamt neun), dazu Physiotherapeuten, Psychologen, sogar einen Trampolin-Coach aus Kanada. „Wir sind ein Riesenteam“, sagt Dammert und meint das quantitativ und qualitativ. Er hat das Team aufgebaut, seit er 2015, frisch von der Uni kommend, bei Snowboard Germany anheuerte. Dankbar sagt er, er habe von der guten Grundlagenarbeit seiner Vorgänger profitiert. Doch Dammert ist es, unter dessen Leitung das Team so richtig aufblüht. Er hat es behutsam an die Weltspitze herangeführt, so viel lässt sich schon jetzt ohne Übertreibung behaupten.

Dazu muss man wissen: Wettkampf-Snowboarden wird hierzulande mit Namen wie Amelie Kober (Karriere beendet), Isabelle Laböck (Ex-Weltmeisterin) oder Ramona Hofmeister (aktuelle Seriensiegerin) in Verbindung gebracht. Slalomfahrerinnen, die bei Großveranstaltungen verlässlich abräumen, aber eine Sparte besetzen, die wenig massentauglich ist (wo sieht man noch Raceboards?). Die Freestyler üben nach landläufiger Meinung die aufregenderen Disziplinen aus, haben aber das Problem, dass ihr Sport, bei dem es um Artistik geht, aufwendiger ist – und dass die internationale Konkurrenz enteilt ist. Sie profitiert von besseren Trainingsbedingungen und größerer medialer Aufmerksamkeit. Jetzt jedoch, seit das IOC die hippen Disziplinen entdeckt hat, geht es auch bei Snowboard Germany steil bergauf mit den einstigen Sorgenkindern.

Dammert spricht von einer „massiven Entwicklung“, wenn er von den neuen Trainingsbedingungen am Bundesstützpunkt in Berchtesgaden schwärmt. „Wir haben jetzt eine Trampolinhalle mit eigenem Luftkissen. Damit haben wir unser Off-Snow-Training aufs nächste Level gehoben. Das Trickniveau, das die Jungs jetzt haben, ist eindeutig in dieser Halle vorbereitet worden. Ohne wären wir niemals da, wo wir mittlerweile sind.“ Und damit nicht genug: „Im Herbst haben wir eine Skateanlage gebaut, die wir mitentwickelt haben. Die wird erst nächsten Sommer so richtig zum Tragen kommen.“ Weil die Bewegungen auf dem Board mit Rollen auch die Motorik auf dem Board ohne Rollen begünstigen. Zu Dammerts Glück fehlt nur noch eine Halfpipe, „aber das ist nach wie vor eine Standortfrage“.

Man darf ja auch nicht zu viel wollen. Oder doch? Positiv, wie sich die Dinge entwickeln, zeichnet sich eine interne Kurskorrektur ab. „Eigentlich planen wir langfristig und haben uns eine Olympia-Medaille 2026 zum Ziel gesetzt“, sagt Dammert: „Inzwischen muss ich das wohl relativieren. Unsere Top-Performer wie André Höflich und Annika Morgan zeigen ganz eindeutig, dass schon jetzt mit ihnen zu rechnen ist.“ Jetzt bedeutet mit Blick auf olympische Zyklen: bei den nächsten Winterspielen 2022 in Peking. „Da sind sie auf jeden Fall Finalkandidaten. Wenn alles gut geht, muss man dazu sagen. Unser Sport ist verletzungsintensiv – da kann leider immer was dazwischenkommen.“

So wie im Gespräch mit dem Headcoach. Dammerts Freestyle-Team ist schon in Übersee, bereitet sich dort auf den nächsten Weltcup vor. Mitten im Gespräch fordert nun Lenz, sein neun Monate alter Sohn, Aufmerksamkeit ein. Dammert geht in beiden Rollen auf, als Jungpapa und als Vater der jüngsten deutschen Freestyle-Erfolge. Und in beiden Fällen geht es jetzt erst richtig los mit dem Spaß. Der 32-Jährige scheint sein Glück und seine Erfüllung gefunden zu haben – auch ohne Jauch-Million.

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