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Nach der Saison seines Lebens: Snowboarder André Höflich.

Interview mit dem Freestyle-Shootingstar

„Kann man in diese Welt Kinder setzen?“

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Halfpipe-Ass André Höflich über Coronakrise, Klimawandel und sinnlose Vielfliegerei.

Es ist der letzte Tag, bevor das Land endgültig die Schotten dichtmacht. Snowboarder André Höflich hat einen Termin in München, und er willigt ein, das vereinbarte Interview von Angesicht zu Angesicht zu führen – natürlich unter Einhaltung der schon am Montag gängigen Richtlinien.

Man trifft sich also draußen, vor „Fräulein Grüneis“, dem beliebten Kiosk im Englischen Garten. Das Wetter ist frühlingshaft schön, der Park noch nicht so menschenleer, wie es die Regierung fordert. Höflich, auf der Durchreise von seinem Wohnort Berchtesgaden ins Allgäu, wo er herkommt, erscheint pünktlich – und stellt zur Begrüßung ein Desinfektionsmittel auf den Tisch, das alte Klischee vom um sich selbst kreisenden Freestyler gleich mal torpedierend. Im Gespräch bestätigt sich: Höflich ist ein Sportler, der nicht nur an den nächsten Trick in der Halfpipe denkt, sondern auch die großen Themen dieser Welt reflektiert: Coronakrise, Klimawandel, Vielreiserei. In normalen Jahren hätte man schwerpunktmäßig seine grandiose Saison nachbesprochen (fünfter Platz im Gesamtweltcup), aktuell spannender ist jedoch zu hören, wie ein 22-jähriger Snowboarder versucht, die Erfordernisse seines Sports mit seinem sozialen Gewissen in Einklang zu bringen.

André Höflich, wie ist die Lage in Berchtesgaden?

Relativ ruhig, die Leute rasten noch nicht so aus. Man kriegt allerdings viel mit von Österreich drüben: Meine Vermieterin ist Krankenpflegerin in Salzburg – die hat schon ordentlich zu tun.

Wie gehen Sie persönlich mit der Coronakrise um?

Ich versuche, mich nicht verrückt zu machen, mir immer schön die Hände zu waschen und ausreichend Abstand zu halten. Ich hoffe, dass jetzt wirklich alle mitmachen, damit wir das möglichst schnell hinter uns bringen.

Sportlich gesehen hatten Sie Glück, dass es erst richtig ernst wurde, als die relevanten Wettkämpfe schon vorbei waren.

Das stimmt. Jetzt wären nur noch zwei Europacups gewesen, darunter die Deutsche Meisterschaft. Im Bereich Halfpipe waren die größten Contestes vorbei. Schade ist nur, dass wir jetzt nicht mehr auf den Berg können. Ich wollte noch ein paar Filme machen und hatte mich auf die Frühlingssaison gefreut.

Es ist ein Einschnitt, der alle Lebensbereiche betrifft, wohl auch noch länger. Ihre Disziplin trifft es besonders, denn die Besten, mit denen Sie sich messen, sind nicht in Europa. Wie stehen Sie in diesen Zeiten zum Thema Vielreiserei, auch in Bezug auf CO2-Bilanz und Klimawandel?

Schwierige Frage. Losgelöst von Corona ist es ein Thema, über das wir uns Gedanken machen müssen, definitiv. Mein Standpunkt dazu ist, dass nicht alle auf einen Schlag aufhören müssen zu reisen. Erstens würde das viel Lebensqualität nehmen. Und zweitens: Selbst wenn sofort keiner mehr fliegen würde, wäre nur ein kleiner Teil des weltweiten CO2-Ausstoßes eingespart. Besser wäre, alle würden von allem ein bisschen was wegnehmen.

Ein Thema, das Sie auch privat beschäftigt?

Auf jeden Fall. Ich arbeite jeden Tag an mir selbst, um nachhaltiger zu werden. Ich nehme jetzt öfter den Zug, und vor allem kaufe ich kein abgepacktes Fleisch mehr. Die ganze Fleischindustrie, dieser Billigkram, der in Massen produziert wird – der macht richtig viel aus. Wenn, dann kaufe ich jetzt das gute Zeug, lokal vom Metzger.

Speziell vom Klimawandel betroffen ist ja auch jene Szene, die sich am liebsten in unberührten Schneelandschaften austobt. Ist man sich auch dort dieser Thematik bewusst?

Auf jeden Fall. Man spricht viel darüber – und einige werden auch richtig radikal. Gerade, weil wir ja alle so gerne im Tiefschnee fahren. Da wird’s dann schwierig, wenn keiner was tut. Aber: Die Aufmerksamkeit ist da, und jeder tut, was er kann, um einerseits unsere schönen Winter zu bewahren und andererseits unseren Lifestyle.

Auf wie viele Reisetage und Flugkilometer kommen Sie in etwa pro Jahr?

Puh, das habe ich noch nie zusammengerechnet. Diese Saison war’s schon recht viel, muss ich zugeben.

Von Verbandschef Michael Hölz kam zuletzt die Anregung, den Weltcup zu reformieren, sich mehr kontinental zu vergleichen und auf diese Weise einen Beitrag zu leisten . . .

Grundsätzlich habe ich viel Sympathie für diesen Vorschlag. Die Reihenfolge der großen Wettkämpfe sollte man wirklich überdenken, denn da müssen Fahrer, Trainer und alle, die dazugehören, kreuz und quer über den Globus fliegen. So wie es jetzt gerade ist, macht es wirklich wenig Sinn. Besser wäre, es würden alle einmal pro Winter step by step um den Globus fliegen und nicht nach Amerika, nach China – und wieder zurück nach Amerika. Leider gibt es nicht ganz so viele Halfpipes auf der Welt, deswegen ist es nicht ganz so leicht, das zu konzentrieren.

Sie sind ja erst 22. Wenn Sie zurückblicken: Ist der Klimawandel für Sie in diesen zwei Jahrzehnten spürbar geworden?

Man spürt ganz deutlich, wie alles verrückt spielt. Letzten Winter: Schneechaos total. Doppelt so viel Schnee, als alle erwartet haben. Dieses Jahr dagegen: absolut nichts. Ich kann mich an einige Winter im Allgäu erinnern, in denen wir Schnee bis unters Dach hatten. Da merkt man dann schon, was gerade abgeht. Und bei Weitem nicht nur im Allgäu und in Berchtesgaden, sondern auf der ganzen Welt.

Blicken Sie da ähnlich sorgenvoll in die Zukunft wie die etwas jüngere Fridays-for-Future-Generation?

Manchmal frage ich mich schon: Kann man in diese Welt noch Kinder setzen? Auch vor dem Hintergrund der Überpopulation. Ich erwische mich dabei, dass ich mich da sehr verkopfen kann, denn ich hab ja noch etwas Zeit, um mir über das Thema eigene Familie ernsthaft Gedanken zu machen.

Noch ein kurzer Blick in die Zukunft. 2021 steht die WM in China an. Ihre Hoffnungen, Ihre Ziele?

Das ist schwer abzusehen. Wenn sich das mit Corona nicht beruhigt, kann es sein, dass auf absehbare Zeit gar keine Sportevents mehr stattfinden. Das wäre extrem schade, denn hinter mir liegt meine lustigste Saison. Mein Ziel ist, bei der WM in die Top 10 zu fahren – und auch bei Olympia 2022.

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