Open-Air-Interview: Konstantin Schad im Gespräch mit Sportredakteur Uli Kellner.
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Open-Air-Interview: Konstantin Schad im Gespräch mit Sportredakteur Uli Kellner.

Isarauen statt Boardercross-Piste

Klimaneutral in die Zukunft

  • Uli Kellner
    vonUli Kellner
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Das Profi-Snowboarden lässt Konstantin Schad, 32, hinter sich, seine Themen sind jetzt: Familie und Umwelt

Ein kräftiger Tritt in die Pedale, ein Grinsen – weg ist er. „Ein bisserl was ist noch drin in den Muskeln“, sagt Konstantin Schad, als er über die Schulter zurückblickt. Es ist Montagfrüh, und der Snowboard-„Rentner“ aus Fischbachau lädt ein, ihn bei seiner Morgenrunde zu begleiten. Das Board hat er im Frühjahr an den Nagel gehängt, nach eineinhalb Jahrzehnten im Weltcup mit drei Olympiateilnahmen. Weil Schad mit 32 Jahren aber immer noch topfit ist, muss er sich nun morgens zwischen zwei anderen Leidenschaften entscheiden. Samstag hat er eine Solorunde Golf gespielt (Handicap 5). Heute zeigt er dem kleinen Begleittross seine andere Spielwiese, die Isarauen zwischen Wittelsbacher Brücke und Schäftlarn.

Viele seiner Snowboardfreunde sind mit dem Mountainbike downhill unterwegs. Schad, der zweifache Familienvater, hat die wilden Jahre hinter sich gelassen. Ein typischer Tag bei ihm sieht jetzt so aus: Töchterchen Antonia (2 Jahre) und Sohnemann Jonathan (10 Monate) wecken ihn. Danach steht Frühsport an, ehe sich Schad um junge Athleten kümmert, wie er selber mal einer war. Häufig geht das im Homeoffice. Heute jedoch biegt er an der Großhesseloher Brücke ab und radelt zur Bundeswehr-Uni Neubiberg. Das ist nach wie vor sein Arbeitgeber – nur dass er dort die Seiten gewechselt hat. Vom geförderten Sportler zu einem, der nun wertvolle Ratschläge gibt. Das Konzept der Sportfördergruppe beschreibt er so: „Es ist ein tolles Paket, wo du dir erst mal keine Sorgen machen musst in der volatilen Welt des Sports.“

Schad hat genug erlebt, um ein guter Mentor für junge Talente zu sein. Kein Großevent ausgelassen, leider auch kaum eine Verletzung („Der Kreuzbandriss blieb mir zum Glück erspart“), aber das ist kein Wunder, wenn man in den halsbrecherischen Berg- und Talstrecken des Boardercross-Weltcups unterwegs ist. Der Entschluss aufzuhören, fiel ihm schwer, doch Schad fand, dass es an der Zeit war. „Das Kinderthema hat es zum Großteil mitentschieden“, sagt er: „Den Körper hätte ich vielleicht noch ein paar Jahre im Griff gehabt, aber auch der hat hin und wieder Bedenken angemeldet.“ Dazu kamen zwei andere große Themen, die ihm die Entscheidung abnahmen: Die Corona-Krise, die die Welt des Sports verändern wird: „Die Ränder neben dem Fußball könnten ein bisschen wegbrechen“, sagt er. In ihm arbeitet zudem das Gefühl, dass er nun genug Flugzeuge bestiegen hat; Stichwort ökologischer Fußabdruck.

Dass Schad nun viel mit dem Bike unterwegs ist („meist mit Kinderanhänger“) und sich ein Biogas-Auto zugelegt hat, kommt nicht von ungefähr. „Ich hab einen militanten Spezl, der hat für mich zusammengerechnet, was ich so unterwegs gewesen bin in all den Jahren . . .“ Viel, gesteht Schad, um das Thema abzukürzen. Er sagt: „Ich haue gerade ein bisschen die Notbremse rein für alles, was ich in den letzten Jahren verbrochen habe.“ Es reicht ihm nicht, sich über „die klassischen Ausgleichsseiten im Internet“ ein grünes Gewissen erkauft zu haben.

Das Thema Umwelt beschäftigt ihn auch privat. Seine kleine Familie ist gerade dabei, einen Baugrund zu suchen. Nicht in Miesbach, wo er herkommt, sondern in München, möglichst in Radl-Distanz zu Isar. Er sagt: „Am liebsten würde ich ökologisch regional bauen – das ist mein brutaler Wunsch gerade.“ Nur einen kleinen Luxus würde er sich gönnen: „Die Decke im Keller sollte 2,80 m Höhe haben.“ Ein Grinsen. „Damit ich im Winter mit dem Golf-Simulator Bälle an die Wände schlagen kann.“

Golf, Surfen, Mountainbike fahren – einrosten wird Schad nicht. Von 15 Jahren im Snowboard-Zirkus bleiben schöne Erfolge (drei Weltcupsiege), allen voran die zwei Bronzemedaillen bei den X-Games. Dazu unzählige Freundschaften, denn „beim Boardercross sind alle super miteinander“ – gemeinsam ist man um den Globus gereist. „Ich werde die Reiserei und das Team vermissen“, sagt Schad, will aber nicht zu wehmütig werden. „Denn“, fügt er hinzu: „Das ultimative Team ist ja die Familie.“

Um die kümmert er sich leidenschaftlich. Bereits nach Jonathans Geburt nahm er eine Auszeit – in der hat er gemerkt, dass sich die Werte verschoben haben. Er sagt: „Wahnsinn, wenn man so einen neuen Riesenanker hat, der einen emotional abholt bei so einer Entscheidung. Jetzt gerade bin ich einfach nur zufrieden, wie es ist.“

Dem Sport wird er weiter erhalten bleiben. Den Talenten, die er betreut. Dem Snowboardverband als aktives Mitglied des Präsidiums. Bis Herbst auch der FIS als Athletenvertreter im Exekutivkomitee. Ein charismatischer Sportler ging verloren. Gewonnen haben die Verbände einen jungen Funktionär, der erkannt hat, dass sich der Sport neuen Themen zu stellen hat. Schad sagt: „Ähnlich wie das Konzept der DFL für internationalen Profifußball ist, genauso könnte das Konzept des Klimaschützens aus Deutschland ein Exportschlagen werden.“

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