"Sekt oder Selters"

Finale furios: Rebensburgs Medaille aus dem Nichts

Vail - Viktoria Rebensburg gewinnt bei der Ski-WM die erste deutsche Medaille. Das Silber im Riesenslalom war nach der Vorgeschichte und dem Rennverlauf nicht zu erwarten.

Der Blick in das Gesicht von Viktoria Rebensburg verriet alles an diesem schier unglaublichen Tag. Sie lachte, als sie am Abend nach einem außergewöhnlichen Rennen die Silbermedaille um den Hals hängen hatte. Sie lachte, als sie um kurz vor 20 Uhr Ortszeit das Deutsche Haus in Vail betrat, als „Tage wie diese“ vom Band gespielt wurde und die Gäste „Vicky, Vicky“ riefen. Sie lachte auch dann noch, als sie überraschend vom deutschen Pressesprecher nur auf Englisch interviewt wurde.

Das fortwährende Lachen von Viktoria Rebensburg war Ausdruck einer Leistung, die nach bis dahin neun medaillenlosen deutschen Tagen bei der Ski-WM in Vail und Beaver Creek nicht zu erwarten war. Im Super-G war Rebensburg Fünfte geworden, dann nur Zehnte in der Abfahrt. Auch der Team-Wettbewerb ging in die Hose. Und im Riesenslalom, ihrer Lieblingsdisziplin, glich sie aufgrund eines Materialwechsels vor Saisonbeginn längst nicht mehr der Olympiasiegerin von 2010 oder der Olympiadritten von 2014.

Und dann das. Silber. Nach Rang elf im ersten Lauf und einem gewaltigen Rückstand von 0,80 Sekunden auf wenigstens Rang drei. „Nach dem ersten Durchgang, das gebe ich offen zu, war ich schon ein bisserl angeranzt“, sagte Alpindirektor Wolfgang Maier, dem die Erleichterung anzusehen und anzuhören war. Vor dem zweiten Lauf, berichtete er, „standen wir oben eine halbe Stunde, ich habe ihr gesagt: Mei, das ist mir einfach zu lasch. Das ist zu wenig Pepp, das reicht uns einfach nicht.“

Rebensburg aber blieb gelassen, sie begann, mit Maier rumzublödeln. „Sie hat zu mir gesagt: Du wirst sehen, ich kann mich noch steigern. Dann habe ich gesagt: Okay, ich reserviere mal Bronze für dich unten“, berichtete der Alpindirektor. Dass es Silber wurde, konnte er dann kaum fassen. „Die Energieleistung, die sie heute gebracht hat, das ist fast unbeschreiblich. Das hätte ich ihr nie zugetraut. Da stehe ich auch dazu“, betonte Maier mehrfach.

Rebensburg schmunzelte, als sie hörte, was Maier gesagt hatte. „Der Wolfi“, sagte sie, sei zwischen den beiden Durchgängen in der Tat „nicht entspannt“ gewesen, „aber mir war das wurscht“. Rebensburg hatte nach intensiven Testtagen in den USA endlich einen Ski und ein passendes Set-up gefunden, das ihr das Gefühl vermittelte, wieder die Alte zu sein. Im ersten Lauf testete sie das Material noch aus, aber dann: „Im zweiten habe ich gewusst: Vollgas, Sekt oder Selters. Und zum Glück ist es Sekt.“

Die Suche nach dem passenden Ski hatte Rebensburg und ihre Betreuer Nerven gekostet. Seit Saisonbeginn wurde getüftelt, pünktlich zur Abreise zur WM bekam sie dann „eine Bescherung“ in Form neuer Ski. Und siehe da: „Kaum fahren wir drei Monate durch die Gegend, schon passt der Ski“, sagte Frauen-Cheftrainer Markus Anwander. Ein Stein „so groß wie die Zugspitze“ sei ihm vom Herzen gefallen, zugleich fand er es „schräg“, dass es nun plötzlich im Riesenslalom die Medaille gab und nicht vorher.

Bis es so weit war, musste Rebensburg allerdings bange Minuten überstehen, Minuten auch der Ungläubigkeit. Mit einem Vorsprung von 0,75 Sekunden war sie ins Ziel gekommen, aber es standen ja noch zehn Läuferinnen oben, zum Teil mit gewaltigem Vorsprung. „Es war für meine Nerven nicht sonderlich gut“, sagte sie. Nur die im ersten Lauf überragende Österreicherin Anna Fenninger, bereits Erste im Super-G und Zweite in der Abfahrt, war nicht mehr einzuholen. Ihr Vorsprung am Ende: 1,40 Sekunden.

Rebensburg war das am Ende egal. Sie lachte. Auch als im Deutschen Haus, das von einer Österreicherin geleitet wird, „Those Austrian Guys“ spielten, eine Band, deren Mitglieder aus Österreich ausgewandert sind. Das passte dann auch zu diesem verrückten Tag.

SID

Rubriklistenbild: © dpa

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