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Lesser überlässt ukrainischer Biathletin seinen Instagram-Account - die zeigt „Krieg mit eigenen Augen“

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Von: Christoph Klaucke

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Erik Lesser sorgt mit einer besonderen Botschaft im Ukraine-Konflikt für Aufsehen. Der deutsche Biathlon-Star stellt einer ukrainischen Kollegin seinen Instagram-Account zur Verfügung.

Kontiolahti - Der deutsche Biathlon-Star Erik Lesser hat bereits bei Olympia in Peking gezeigt, dass er sich auch für Themen außerhalb des Wintersports engagiert. Der 33-jährige Doppelweltmeister von 2015, der seine aktive Karriere nach der Saison beenden wird, übte heftige Kritik an den Olympischen Winterspielen in China. Nur kurze Zeit nach dem Ende von Olympia tobt nun in der Ukraine ein Krieg.

Russland fährt einen erbarmungslosen Angriffskrieg gegen sein Nachbarland. Die schrecklichen Bilder aus der Ukraine gehen um die Welt. Erik Lesser schweigt auch im Ukraine-Konflikt nicht, allerdings lässt er diesmal lieber andere Akteure sprechen. Der Sportsoldat hat seiner ukrainischen Biathlon-Kollegin Anastassija Merkuschina für 24 Stunden seinen Instagram-Kanal überlassen, um für mehr Aufklärung im Ukraine-Krieg zu sorgen.

Deutscher Biathlon-Star Erik Lesser in Russland verehrt: Ukrainerin darf seinen Instagram-Account nutzen

„Ich habe 30.000 Follower aus Russland auf Instagram, und ich glaube, der russischen Bevölkerung ist nicht ganz klar, was in der Ukraine wirklich abgeht“, sagte Lesser im ZDF angesichts von viel Desinformation. „Und ich habe gedacht, wenn ich jetzt irgendwas poste, das glaubt mir doch kein Mensch. Wenn ich aber einen Ukrainer dazu bewege, dann ist das doch was ganz Ordentliches.“

In Russland bekommen die Menschen aufgrund von Präsident Wladimir Putins Propaganda kaum noch unabhängige Informationen über den Krieg in der Ukraine. Lesser und Merkushina wollen das ändern. Dieser Artikel zeigt alle aktuellen Karten und Grafiken zum Ukraine-Krieg.

Ukraine-Konflikt: Biathletin Merkuschina teilt auf Lessers Account erschreckende Bilder

Und so postete Merkuschina nach der Invasion Russlands in ihr Heimatland am Samstag Fotos aus dem Kriegsgebiet. Zu sehen waren die Zerstörung und das Leid der Menschen. „Ich möchte ihnen den Krieg mit meinen eigenen Augen zeigen. In Zeiten von Informationskriegen ist es schwer, die Wahrheit zu finden, also habe ich meine Freunde gebeten, mir Bilder zu schicken, die sie gemacht haben“, schrieb Merkuschina.

Anastassija Merkuschina teilt ein Foto eines zerstörten Gebäudes, unter den Trümmern sind Autos begraben. Das Bild soll von einem Freund in Tschernihiw gemacht worden sein. „In der Nähe des Biathlon-Schießplatzes brennt ein Panzer, im Stadtzentrum wurden Gebäude beschossen, eine Granate traf ein Nebengebäude, das nur durch ein Wunder Gottes nicht zerbrach. Wundern Sie sich nicht, dass die Welt einstimmig für die Ukraine Partei ergreift?“, schreibt die 27-Jährige.

Ukraine-Krieg: Biathletin richtet eindringliche Botschaft an russische Sportler

Merkuschina, die schon vier WM-Medaillen gewonnen hat, appelliert auch an russische Sportler, die sich bisher nicht zum Krieg geäußert oder sich über die Ausschlüsse von Wettkämpfen beschwert haben. „Ihr seid empört über das Startverbot, aber wie könnt ihr an Wettkämpfen teilnehmen, wenn euer Land unseren Verwandten und Freunden Maschinengewehre an den Kopf hält?“, schreibt Merkuschina. „Ihr wisst genau, was passiert, und euer Schweigen kostet Dutzende von Menschenleben. Ukrainische Athleten greifen zu den Waffen, um ihr Land zu verteidigen - und ihr habt Angst vor der Wahrheit.“

Zuletzt postet Merkushina ein Foto des ukrainischen Biathleten Bogdan Tsymbal, den wohl viele von Lessers Followern kennen dürften. Er liegt schlafend in einem Schlafsack eingewickelt auf dem Boden eines schmalen Ganges, mit einem Baby auf seiner Brust. „Das ist der Biathlet, den Sie kennen, den Sie vielleicht angefeuert haben, das ist der Blick aus seinem Fenster. Ich habe nichts hinzuzufügen...“, schreibt Merkushina dazu.

Erik Lesser: Deutscher Biathlon-Star genießt in Russland Heldenstatus - und will diesen nutzen

Lesser hatte am Samstag rund 118.000 Follower auf Instagram, mittlerweile sind es schon 132.000. Wegen einer Hilfsaktion für einen russischen Biathleten sind es aber besonders viele aus Russland. Von einigen bekam Lesser für seine Solidaritätsaktionen umgehend negative Kommentare. So solle er keine Fake News verbreiten, hieß es unter anderem.

Der 33-Jährige habe seine Reichweite nutzen wollen, „damit in Russland mehr Leute wirkliche Nachrichten bekommen“, sagte Lesser beim Weltcup im finnischen Kontiolahti. „Ich hoffe, dass ich noch zwei, drei andere dafür gewinnen kann, die aus der Ukraine berichten können. Ich hoffe, dass das ein bisschen was bringt.“ Von seinen russischen Fans habe nur ein Drittel „Bye Bye“ gesagt, schrieb Lesser, und ließ einen Aufruf an den Rest folgen: „Ihr könnt die Mehrheit sein, ihr seid der leise Widerstand. Versucht euer Bestes, um gehört zu werden!“

Biathlet Erik Lesser setzt ein starkes Zeichen im Ukraine-Krieg.
Biathlet Erik Lesser setzt ein starkes Zeichen im Ukraine-Krieg. © Angelika Warmuth/dpa

Lesser genießt in Russland Heldenstatus. Nachdem der russische Biathlet Eduard Latipow vor dem Weltcup in Oberhof im Januar positiv auf Corona getestet worden war, half Lesser seinem im Hotelzimmer festsitzenden Rivalen. Eine Radrolle, ein Rennrad, Schuhe sowie eine Hose stellte der Wahl-Oberhofer zur Verfügung und erhielt dafür Tausende Dankesbotschaften aus Russland. Unterdessen wurde bereits ein Biathlon-Jungstar im Ukraine-Krieg getötet. (ck/dpa/sid)

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