+
Aktuelles Bild von Montag: Nur einmal konnten in Garmisch-Partenkirchen die Schneekanonen kurz laufen – mit kargem Ergebnis.

Wegen Schneemangel

Vierschanzentournee ist in Gefahr

Garmisch-Partenkirchen - Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen leiden unter massivem Schneemangel, dabei rückt der Termin für die Vierschanzentournee immer näher. Die Prognose ist heuer nicht rosig.

Severin Freund hat gerade im russischen Nischni Tagil gewonnen. Der Kartenvorverkauf läuft in der Hoffnung auf deutsche Erfolge so gut wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Diesbezüglich läuft es für die Organisatoren der 63. Vierschanzentournee gerade wie geschmiert. Wenn da nicht dieses leidige Problem mit dem Schnee wäre. Oberstdorf, wo in gerade elf Tagen, am 28. Dezember, der Skisprung-Grand-Slam beginnen soll, ist grün. Selbst die vermeintlich schneesicheren Skigebiete wie das am Nebelhorn über der Schattenbergschanze mussten die Saisoneröffnung verschieben. Auch Garmisch-Partenkirchen hat mit seinem Neujahrsspringen große Sorgen. Guter Rat ist teuer – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

„Momentan ist es wirklich eine große Herausforderung. Wenn man die Prognosen anschaut, wird es nicht ausreichen, auf eine Wetteränderung zu hoffen“, sagt Stefan Huber, Geschäftsführer der Veranstaltungs-GmbH in Oberstdorf und der gesamten Vierschanzentournee. Er geht freilich davon aus, dass auch die 63. Auflage der Tournee pünktlich beginnen kann, schließlich wurden in all den Jahren zahlreiche kritische Situationen gemeistert. Diesmal allerdings ist es so schwierig wie selten zuvor, da wegen der historisch warmen Temperaturen nicht einmal nachts Kunstschnee produziert werden kann. Und das im Großteil der deutschen Alpenregion.

Also müssen innovative Lösungen her, weshalb kurzfristig eine finnische Spezialfirma für Oberstdorf verpflichtet wurde. „SnowTek“ hat schon das Kunststück fertiggebracht, genügend Schnee für den Weltcup-Auftakt Mitte November im sächsischen Klingenthal zu produzieren. Das Unternehmen, nach einer witzigen Eigenwerbung Weltmarkführer in Sachen „Snowhow“, kann ohne Chemikalieneinsatz „Schnee“ selbst bei Temperaturen von bis zu 30 Grad plus produzieren. Wasser wird so weit heruntergekühlt, dass Eis entsteht. In einem zehn Meter hohen Silo wird das Eis dann abgeschabt und als „Kunstschnee“ herausgeschossen.

„Eigentlich ist das kein Schnee, sondern eher Crash-Eis. Aber die Hauptsache ist, dass wir um diese Jahreszeit in Deutschland springen konnten“, sagte Bundestrainer Werner Schuster nach der gelungenen Veranstaltung in Klingenthal. Damals benötigten die auch bei den Olympischen Spiele in Sotschi erfolgreichen „Schneekünstler“ allerdings drei Wochen, um die für die Belegung einer Großschanze nötigen 3000 Kubikmeter Weiß zu produzieren. In Oberstdorf bleiben nur ein paar Tage zum Schnee machen, da die finnische Firma erst Ende der Woche in Allgäu eintreffen kann. Zuvor muss sie noch eine Schneebar in Dänemark fertigstellen.

„Die Lösung mit dieser Firma wird also nicht ausreichen. Wir eruieren deshalb verschiedenste andere Möglichkeiten und haben auch einen Meteorologen, der uns berät“, erzählt Huber. Es soll demnach Hoffnung geben, dass es vor dem Jahreswechsel kühler wird.

Der Schneemangel und der ausbleibende Frost bereiten auch den Organisatoren des Neujahrsspringens in Garmisch-Partenkirchen große Probleme. „Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass wir überhaupt schon mal so wenig Schnee hatten und es nicht kalt wurde“, sagt Michael Maurer, Präsident des Skiclubs Partenkirchen (SCP). „Wir konnten bisher genau einmal die Schneekanonen laufen lassen.“ Sechs Stück davon stehen im Olympia-Skistadion. Um sie anstellen zu können, sind drei Grad unter Null vonnöten. Momentan gibt es keinen Nachtfrost. Und das bisschen Weiß, das sie produziert haben, taut schon wieder davon.

Maurer hat sich deshalb bei seinem Kollegen Ernst Vettori in Innsbruck erkundigt und – für den Notfall – um Hilfe gebeten. „Doch dort sieht es auch schlecht aus. Die Innsbrucker haben ein Depot im Schmirntal angelegt, aber der Schnee reicht derzeit nicht mal für die eigenen Schanze.“ Mit Schützenhilfe aus Tirol ist nicht zu rechnen. Daher hat der SCP-Chef bei der Gemeinde angefragt. Die sammelt nun den Schnee-Abrieb aus dem Eisstadion. Der wird aber auch für den City-Biathlon am 29. Dezember gebraucht.

Interessenskonflikte also. Jeder buhlt um jeden Quadratzentimeter Schnee. „Die langfristige Wetterprognose schaut auch nicht rosig aus“, bedauert Maurer. Spätestens ab dem kommenden Wochenende herrscht Alarmstimmung. Denn zur Präparierung der Anlage für einen Weltcup braucht es Minimum drei bis vier Tage. Den Continentalcup, der für kommendes Wochenende geplant war, haben die Organisatoren schon abgesagt. Notfalls wolle er auch das bisschen Schnee zusammenkratzen, das am benachbarten Gudiberg bisher produziert wurde, und ins Stadion verfrachten. „Wir werden alles dafür tun, dass gesprungen werden kann“, verspricht Maurer. „Irgendwie wird es schon gehen.“ Das hofft er jedenfalls. Aber eines ist klar: „So arg war es noch nie.“

Für das dritte Tourneespringen in Innsbruck (4. Januar) konnte wenigstens ein wenig Kunstschnee produziert werden, auch im Finalort Bischofshofen (6. Januar) ist man wegen der verbleibenden größeren Zeitspanne noch nicht in Panik.

In Oberstdorf freilich wird die Zeit sehr knapp. Die Situation ist ähnlich kritisch wie 2006, als man sogar einmal den Notfallplan eines Mattenskispringens erwogen hatte. Die Landung auf den Kunststoffmatten ist allerdings auch diesmal schon wegen der geltenden Wettkampfregeln keine Option. Es muss Schnee her, egal wie.

„Wir werden ein volles Stadion haben“, sagt Stefan Huber: „Wir haben den besten Vorverkauf seit den Zeiten von Martin Schmitt und Sven Hannawald.“

Auch interessant

Kommentare