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Ski-Olympiasieger Markus Wasmeier. 

Ski-Legende über seine Söhne und Todesfälle beim Skisport

Wasmeier im Interview: „Dass früher nicht viel mehr passiert ist, war Glück“

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Bevor die Skisaison so richtig losging, wurde der Wintersport von zwei Todesfällen überschattet. Lesen Sie ein Interview mit Markus Wasmeier. Darin sagt er: „Dass früher nicht viel mehr passiert ist, war einfach Glück.“  

Grüezi, Wengen! Das Klassiker-Wochenende startet im Schweizer Ski-Ort zu Füßen der Bergriesen Eiger, Mönch und Jungfrau. Los geht’s mit der Kombi-Abfahrt (Freitag, 12. Januar, ab 10.15 Uhr, Eurosport). Aber ganz so unbeschwert ist die Abfahrtswelt nicht mehr, seit im November und Dezember zwei Todesfälle die Szene schockten. Die tz sprach mit Markus Wasmeier darüber.

Herr Wasmeier, haben Sie die beiden Todesfälle im Skisport überrascht?

Markus Wasmeier: Es ist erschreckend, aber nicht direkt überraschend. In meiner Zeit im Skisport habe ich Unfälle dieser Art nicht zum ersten Mal erfahren. Leider. Dass der Sport gefährlich ist, weiß jeder, der am Start steht. Risiko und Herausforderung sind letztlich das, was uns Rennfahrern auch Spaß macht.

Max Burkhart (†17) war nur vier Jahre älter als ihr jüngster Sohn Kilian.

Wasmeier: Bei ihm kamen wohl viele unglückliche Umstände zusammen. Nach so einem Fall machen sich die FIS und der DSV viele Gedanken, und das ist auch gut so. Jetzt dürfen nur noch Athleten vom Nationalverband für Speed-Rennen gemeldet werden. Zuvor konnte sich jeder, der eine FIS-Nummer hat, anmelden lassen. Auch ohne Ausbildung. Aber manchmal ist auch einfach viel Pech dabei. Das Sicherungsnetz hat immer gehalten – plötzlich kracht ein Fahrer mit einem so ungünstigen Aufschlagwinkel ins Netz, dass es nichts hilft.

Lindsey Vonn sagt, Stürze gehören zur Natur der Sache. Ist das so?

Wasmeier: Wenn du dich entscheidest, in Abfahrt und Super-G zu starten, weißt du, was passieren kann. Das gilt für Motorradfahrer, Rennradfahrer oder Extremsportler genauso. Deswegen hat man als Rennfahrer auch Respekt vor seinem Sport, die Gedanken an schlimme Stürze verdrängt man. Auch ich bin früher oft im Gelände oder im Wald gelandet. Damals gab es noch keine Fangzäune, sondern nur Holzzäune. Dass früher nicht viel mehr passiert ist, war einfach Glück.

„Man versucht positiv zu denken und sich auf seine Stärken zu konzentrieren“

Ein Todesfall während Ihrer Karriere war der Österreicher Gernot Rein­stadler (20) 1991 in Wengen.

Wasmeier: Ich stand im Zielraum, etwa 50 Meter entfernt, habe zu ihm hoch geschaut und gesehen, wie er gestürzt ist. Das war damals ein Qualifikationsrennen, Reinstadler musste voll riskieren, um beim Rennen dabei sein zu dürfen. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Wenn man so etwas sieht, wie schafft man es, danach selbst wieder im Starthaus zu stehen?

Wasmeier: Jeder Mensch ist da anders, ich habe versucht, es zu verdrängen. Ich habe mir gesagt: „Es war ein Fahrfehler, der zu dieser Situation geführt hat, und ich mache diesen Fehler an dieser Stelle nicht.“ Man versucht positiv zu denken und sich auf seine Stärken zu konzentrieren.

Und das hat immer geklappt?

Wasmeier: Nein. Den üblen Sturz von Klaus Gattermann 1985 in Kitz beispielsweise habe ich im TV gesehen. Er hat an der Hausbergkante die Kontrolle verloren und sich mehrfach überschlagen. Da eine Doppelabfahrt angesetzt war, stand ich tags drauf am Start. Bis zur Hausbergkante lief alles gut, dann ist mir Klaus eingefallen. Plötzlich flog ich durch die Luft, so schnell konnte ich gar nicht schauen. Zum Glück ging’s glimpflich aus, bis auf eine Verletzung am Steißbein und ein paar blauen Flecken ist mir nichts passiert.

Auch die Söhne von Markus Wasmeier sind aktiv

Ihr Sohn Lukas fährt auch Rennen. Sind Sie froh, dass er sich für Slalom und Riesenslalom und nicht für die Abfahrt entschieden hat?

Wasmeier: Wenn er der Überzeugung gewesen wäre, dass er Abfahrt fahren will, hätte ich nichts dagegen gehabt. Es ist schlimm, dass es zwei Todesfälle in so kurzer Zeit gab, aber so etwas passiert leider nicht nur im Skisport. Wenn ich meinen Jungs das schnelle Skifahren verboten hätte, hätte ich sie auch nicht mit dem Mountainbike in die Berge lassen dürfen.

Auch Ihre Söhne Markus und Kilian sind gefahren. War das Risiko ein Thema?

Wasmeier: Nein, nie. Wissen Sie, der heutige Weltcupfahrer Thomas Dreßen war zusammen mit Markus im Kader. Als er noch Schüler war, bin ich mit ihm einmal durch eine schwere Buckelpiste gefahren. Danach fragte er mich, ob die Abfahrt noch schwieriger sei. Ich sagte, er brauche vor allem Mut. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich in den schnellen Disziplinen langsam nach oben arbeiten muss. Als Abfahrer brauchst du viele Kilometer. Heute strahlt Thomas eine extreme Sicherheit aus, das ist beeindruckend.

Sollte man erst ab einem gewissen Alter mit der Abfahrt beginnen?

Wasmeier: Das finde ich nicht. Man sollte sich relativ früh mit der Geschwindigkeit anfreunden, aber nicht auf höchstem Niveau und vollem Risiko. Die Abfahrt ist keine Disziplin, die man von Anfang an voll fahren kann. In Südtirol gibt es tolle Strecken dafür. Die Athleten fahren dort Linien fernab von der Ideallinie, aber sie lernen mit der veränderten Herausforderung umzugehen. Und es gibt Trainer, die regulierend eingreifen müssen. Ich bin in meinen Anfängen auch nicht jede Abfahrt mit Vollgas gefahren. Einige Passagen haben wir sportlich genommen, andere sind wir fast aufrecht gefahren, damit wir heil herunterkommen.

Ist die hohe Geschwindigkeit das Hauptproblem?

Wasmeier: Es heißt oft, alles wird schneller und brutaler. Das stimmt nicht ganz, es ist mittlerweile drehender und langsamer, dafür kurvenreicher als früher. Außerdem gibt es fast keine Sprünge mehr. Zu meiner Zeit musste man wegen der vielen Schläge wahnsinnig konzentriert sein, die Ski unter Kontrolle zu behalten. 15 Stürze pro Lauf waren normal. Bei der Präparierung heute macht es auch Spaß, die Ski laufen zu lassen. Eine gewisse Grundgeschwindigkeit gehört letztlich zur Abfahrt dazu, sonst wäre es keine Abfahrt.

Zwischen Feiertagen stürzte auch Dominik Schwaiger vom DSV-Team schwer. Hier geht es zum Artikel

Interview: Mathias Müller

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