Das wiederbelebte Kulturerbe

- Garmisch-Partenkirchen - Das Siegerfoto erschien damals in allen norwegischen Blättern auf der Titelseite. Sigurd Pettersen war darauf zu sehen, mit weit aufgerissenem Mund. Es war ein Urschrei, den er stellvertretend für seine 4,5 Millionen Landsleute hinauszubrüllen schien. Im Dezember 2002 war das, und Pettersen hatte eine scheinbar unendliche Winterdepression beendet. Nach über 1500 Tagen höchst betrüblicher Erfolglosigkeit hatte er für Norwegen wieder im Weltcup gewonnen.

<P>In Norwegen gilt der Skisprung ja als nationales Heiligtum, als eherner Bestandteil des Kulturerbes. Schließlich wurde hier die waghalsige Schanzenfliegerei erfunden, segelten Männer wie Birger Ruud oder Björn Wirkola zu Weltruhm. "Wir Norweger sind ein Volk mit viereinhalb Millionen Nationaltrainern", sagt Sportdirektor Jan Erik Aalbu. Umso mehr litt die Volksseele, als die norwegischen Skispringer nicht nur aus den Siegerlisten verschwanden, sondern sich für längere Zeit gar ganz von jeder internationalen Konkurrenzfähigkeit verabschiedeten.</P><P>"Wir hatten kein Selbstvertrauen, und wenn das fehlt, geht überhaupt nichts mehr", erinnert sich Pettersen. Am Ende der Saison 2001/2002 lag der relativ beste Norweger auf Rang 38 der Weltrangliste. Eine Schmach. Erst wurde der Trainer Zajc gefeuert, dann ging der Sportdirektor Stjernen. Um Norwegens nahezu ruinierten Nationalsport sollte sich künftig der Finne Mika Kojonkoski kümmern. Nicht gerade die dankbarste Aufgabe. Kojonkoski erinnert sich an eindringliche Warnungen: "Freunde haben gesagt: Mika, sei vorsichtig, wenn du da hingehst. Es kann passieren, dass sie dich fortjagen, und zwar schnell."</P><P>Der 40-jährige Cheftrainer, der schon Österreicher und Finnen enorm beflügelt hatte, schien sich auf ein Himmelfahrtskommando zu begeben. Doch es kam anders, es war fast wie bei der Geschichte vom König Midas: Was Kojonkoski anpackte, wurde zu Gold. So installierte er zwei Trainingscamps und beobachtete dabei einen lockeren Burschen namens Sigurd Pettersen. Der war zwar nur 74. der Weltrangliste, "aber er ist mir sofort aufgefallen. Seine Technik und sein Absprung haben mir imponiert", sagt Kojonkoski. Die neue Saison hatte kaum begonnen, da gewann der Nobody auch schon in Trondheim. Vier weitere Weltcup-Siege folgten, nach den Erfolgen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen ist der 23-Jährige bei der Tournee nun Top-Favorit auf den Gesamtsieg.</P><P>Roar Ljoekelsoy, 27, hatte seine Landsleute mit einem fünfjährigen Dauertief genervt, er war bereits als ewiges Talent abgestempelt. "Es gab viele Experten, die ihn nicht mehr sehen wollten", sagt Kojonkoski. Er machte indes Ljoekelsoy zum Kapitän des Teams. Inzwischen gewann Ljoekelsoy dreimal und liegt nun in der Weltcup-Gesamtwertung hinter Pettersen und dem Finnen Janne Ahonen auf Rang drei. Auch Tommy Ingebrigtsen (26), Weltmeister von 1995, fand zu alter Flugtauglichkeit zurück, bei der WM 2003 in Val di Fiemme sprang er zu Silber, das Team holte WM-Bronze. Zur Spitzenkraft entwickelte sich zudem Björn Einar Romoeren (22), Bischofshofen-Sieger von 2003.</P><P>Pettersen erklärt sich die Wende zum Guten so: "Neue Technik, neue Methoden, neuer Betreuerstab _ und unsere Trainer machen alles mit einem Lächeln." Kojonkoski strebt aber noch nach weitaus mehr. Wenn er das Display seines Handys einschaltet, leuchtet dort auf: GOLD IN TURIN. 2006 finden dort die Olympische Winterspiele statt. Kojonkoski sagt: "An das Gold werde ich bei jedem Telefonat erinnert, und ich telefoniere häufig."</P>

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