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Die U-Bahnfahrerin: Sabine Schaller arbeitet in Nürnberg. Sie sowie zahlreiche weitere Frauen und Männer in Bayern wurden einen Tag lang von der Kamera begleitet.

Interview

„24 h Bayern“ im Bayerischen Fernsehen: „Die Vielfalt hat mich beeindruckt“

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Am Anfang stand die Arbeit mit der Statistik – Zahlen und Fakten über das größte deutsche Bundesland. Es folgten viele Reisen - am Ende kam eine Mammutdokumentation in Echtzeit heraus. Wir sprachen mit dem Chef des Projekts. 

München - Kreuz und quer durch Bayern ging die Suche nach Menschen, die stellvertretend für rund zwölf Millionen Einwohner stehen. Am Ende, nach mehr als einem Jahr Vorbereitungszeit, starteten am 3. Juni 2016 mehr als 100 Drehteams, um Männer und Frauen zwischen Aschaffenburg und Berchtesgaden, Kulmbach und Lindau einen Tag lang mit der Kamera zu begleiten, rund um die Uhr. „24 h Bayern – Ein Tag Heimat“ heißt folgerichtig die Mammutdokumentation in Echtzeit, die das Bayerische Fernsehen am heutigen Pfingstmontag seit 6 Uhr ausstrahlt, eine, so die Macher, „einmalige Momentaufnahme des Lebens im Freistaat“. Projektentwickler und sozusagen Chefregisseur ist Volker Heise (55).

Wie leicht – oder wie schwer – war es, geeignete Protagonisten zu finden?

Volker Heise: Unterschiedlich. Manche Leute sind schwer zu finden, andere leicht. Wonach wir lange gesucht haben: Wir wollten unbedingt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge drehen, darauf haben wir drei Monate hingearbeitet. Aber das war ein Genehmigungsproblem. Man schaut sich schon viele Menschen an, vielleicht so durchschnittlich zehn, bis man den geeigneten Protagonisten gefunden hat, manchmal auch mehr.

Als gebürtiger Niedersachse haben Sie den Blick von außen. Wie würden Sie die Mentalitätsunterschiede zwischen den Regierungsbezirken definieren? Sind Unterfranken prinzipiell anders drauf als Oberpfälzer oder Schwaben?

Heise: Ja, natürlich, das zeigt sich schon an den Dialekten. Aber die Bayern feiern auch ganz unterschiedlich. Ein Schützenfest in Oberfranken ist etwas ganz anderes als ein Feuerwehrfest in Niederbayern. Deswegen kann man auch nicht sagen, dass es den prototypischen Bayern gibt.

Kann man denn sagen, dass die Menschen in der einen Region offener sind und in der anderen verschlossener?

Heise: Nein, das kann man nicht. Manche sind halt schwieriger zu verstehen. (Lacht.) In Oberstdorf hatte ich echt Probleme – und im Bayerischen Wald auch.

Sind auch Protagonisten während des Drehs ausgestiegen?

Heise: Nein. Wenn so etwas vorgekommen ist, dann immer schon vorher. Das ging auch in aller Regel nicht von den Menschen aus, sondern von den Institutionen. In einem Fall hätten wir gerne etwas mit einem Boxer gemacht, da hat der Verein Nein gesagt. Bei einem Protagonisten stand einen Tag vor dem Dreh die Polizei vor der Tür. Wir wollten in ein AKW rein, hatten auch die Genehmigung, dann hat man uns doch noch abgesagt. Generell ist es enorm schwierig, in großen Firmen zu drehen, weil man Angst hat, dass wir Betriebsgeheimnisse verraten. Auch am FC Bayern sind wir gescheitert, die Vereinsführung will, dass das öffentliche Bild von ihr selbst bestimmt wird und nicht von anderen.

Wie lässt sich die nötige Unbefangenheit im Umgang mit der Kamera herstellen?

Heise: Durch Vertrauen. Wir sind ja nicht plötzlich vor der Tür gestanden und haben gesagt: Wir drehen jetzt! Wir haben Kontakt aufgenommen und waren dann noch mehrmals bei den Leuten, um zu schauen, ob wirklich alles in Ordnung ist. Erst dann kamen die Kamerateams, die auch nicht am Tag selbst angereist sind, sondern schon einen Tag vorher, damit man sich aneinander gewöhnt. Trotzdem kam es vor, dass das Vertrauen nicht da war. Das merkt man auch dem Ergebnis an. Aber das war die absolute Ausnahme.

Immer wieder taucht in „24 h Bayern“ die Flutkatastrophe von Simbach von vor einem Jahr auf. Waren Sie – Hand aufs Herz – nicht froh, dass Sie neben dem Alltag auch den Ausnahmezustand, die dramatischen Momente hatten?

Heise: Nein, nicht froh! Aber wir wollten ja das Gewebe des Alltags zeigen, das jeden Tag neu gewoben wird, und in Simbach hat man gesehen, wie schnell dieses Gewebe zerreißt und man vor existenziellen Fragen steht. Und natürlich war mir sofort klar, dass wir das drehen müssen, weil das zu diesem Tag dazugehört hat. Das war Tagesgespräch, nicht nur in Simbach.

Was hat Sie im Rückblick am meisten beeindruckt, gefreut, gerührt?

Heise: Ganz generell die Vielfalt. Da kann und will ich eigentlich gar nichts herausheben. Aber sehr starke Momente waren für mich, wie Menschen auf die Welt kommen und wie sie wieder gehen. Die Szenen auf der Geburtsstation, aber auch die im Hospiz. Wenn eine Frau sagt, dass sie jetzt sterben will und dich dabei anlächelt, das haut dich schon um. Und die Geschichten über Menschen, die die Letzten ihrer Art sind. Der Bauer, der weiß, dass seine Kinder den Hof nicht übernehmen, die Metzgerin, die ohne Nachfolger bleibt, der Fischer. Das berührt einen.

Gibt es Protagonisten, die Sie gerne weiterbegleiten würden?

Heise: Oh ja! Der Flüchtling aus Nigeria, der zusammen mit einigen anderen in einem kleinen Dorf in Oberbayern gelandet ist. Die Schülerin aus München, die jetzt schon Theater spielt – und natürlich die beiden Kinder, die an diesem Tag geboren wurden. Von ihnen allen würde ich gerne wissen, was sie in zehn Jahren machen.

Gibt es schon jetzt – vor der Ausstrahlung – Überlegungen, dieses Projekt in fünf, zehn, 20 Jahren zu wiederholen?

Heise: Das wäre sicher interessant. Ich habe mir neulich noch einmal vier Stunden aus „24 h Berlin“ angeschaut und festgestellt: Da hat sich einiges verändert. Wie viele Leute damals noch in den Lokalen geraucht haben! Und keiner hatte ein Smartphone! So ein Abgleich wäre eine spannende Sache.

Wenn der BR entscheiden würde, „24 h Bayern“ in ein paar Jahren neu zu drehen – wären Sie wieder dabei?

Heise: Das käme auf meine körperliche Konstitution an. Und man müsste sich überlegen, welche Form man dann findet, ob das lineare Fernsehen dann noch das ideale Medium ist. Aber im Moment spricht nichts dagegen. Ich liebe Bayern.

Weitere Informationen: 

Auf der Internetseite 24hbayern.de und in den diversen Programmen des BR gibt es zahlreiche Zusatzinformationen, Gespräche und Geschichten, die das Fernsehformat ergänzen. Über die Webseite finden Interessierte auch jederzeit schnell ins Programm zurück – zeit- und ortsunabhängig. Jeweils zur vollen und zur halben Stunde ist der Einstieg besonders leicht möglich. Wer glaubt, etwas verpasst zu haben, den beruhigt der Sender. Einzelne Stunden und natürlich auch die gesamte Produktion lassen sich in der BR-Mediathek nach-„sehen“.

Die besten Kultur-Geschichten posten wir auch auf der Facebookseite „Kultur aus München und der Welt - festgehalten vom Münchner Merkur“.

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